In ihrem Studium haben sie das, was sie jetzt tun, eigentlich nicht gelernt: Lehrer an der Gemeinschaftsschule lassen sich auf ein neues pädagogisches Konzept ein. Einen Studiengang zum Gemeinschaftsschullehrer gibt es noch nicht. Viele von ihnen aber sind mit Begeisterung an die neue Schulform gewechselt und bringen viel Engagement für die Idee Gemeinschaftsschule auf. Während die einen ihre Ideen und Vorstellungen vom besseren Lernen an dieser Schule verwirklicht sehen, nagen an anderen die Zweifel: Lernen Schüler hier wirklich besser?

Zwei Lehrer aus dem Kreis Konstanz, zwei Meinungen zur Gemeinschaftsschule:

  • CONTRA: "Für normal belastbare Menschen ist das auf Dauer zu viel." Eine Lehrkraft an einer Gemeinschaftsschule im Kreis Konstanz hat Zweifel am Schulkonzept:

    Das sagt eine Lehrkraft an einer Gemeinschaftsschule im Landkreis Konstanz, die lieber anonym bleiben möchte. Schließlich gehe es um den Job. Die Lehrkraft berichtet von den Schwierigkeiten, die es im Gemeinschaftsschul-Alltag geben kann:

    "Ich unterrichte an einer Gemeinschaftsschule im Kreis Konstanz. Studiert habe ich Gymnasiallehramt. Ich erlebe es als sehr positiv, dass ich mit Realschul-, Hauptschul- und Förderschulkollegen zusammenarbeite – dass sich die Arbeitsweisen mischen. Das Kollegium ist bunter gemischt, angenehm, locker. Für mich ist das tatsächlich eine wesentliche Bereicherung, die die Gemeinschaftsschule mit sich bringt.
     
    Allerdings empfinde ich auch einige Dinge als schwierig. Zum Beispiel, dass es drei Niveaus in einer Klasse gibt. Diese drei Niveaus so zu bedienen, dass es für die jeweilige Entwicklung der Kinder passend ist, ist eine Herausforderung. Und ich bin mir nicht sicher, ob das immer gelingt.
     
    Die Kinder haben bei uns zwar Lernzeiten, in denen sie selbstständig arbeiten – unterteilt in Niveaus. Aber es gibt auch Input-Phasen für alle Schüler gemeinsam. In den Sprachen sollen die beispielsweise einsprachig laufen. Für die Gymnasialkinder funktioniert das. Kinder auf Hauptschulniveau aber kommen nicht mit. Sie verstehen dann gar nichts. Ich denke, in allen Fächern ist es nicht möglich, einen Input zu machen, der auch für alle Schüler greifbar ist – außer man teilt dafür die Klasse.

    "Es fehlen Räume für die Differenzierung"

    Das wäre möglich, wenn wir entsprechende Räume hätten. Bei uns sind die Räume aber schlichtweg zu klein – das heißt, ich kann auch keinen Input für einen Teil der Klasse machen, während die anderen Schüler selbstständig arbeiten, weil ich den Platz dafür einfach nicht habe.
     
    Also gibt es einen Input für alle – mit dem Ergebnis, dass sich die Schüler auf Gymnasialniveau schnell langweilen, weil ich Dinge für schwächere Schüler oft wiederholen muss. Sie werden dann unaufmerksam.
     
    Das Thema Konzentration spielt aber auch in den Selbstlernphasen eine Rolle. Wenn die Schüler draußen auf dem Flur arbeiten, dann ist dort oft Chaos. In der fünften und sechsten Klasse mag das noch funktionieren. In der siebten Klasse wird das wirklich schwierig. Die Schüler haben Redebedarf – und wenn sie außerhalb des Klassenzimmers arbeiten sollen, dann fängt immer irgendjemand an zu reden. Ich kann das verstehen, die Schüler brauchen auch ihre Freiheit, immerhin haben sie jeden Tag so lange Schule. Aber zum Lernen ist es schwierig.
     
    Wenn es richtig still sein soll, dann muss ich meine Augen überall haben und im Zweifel streng durchgreifen. Die Schulform soll die Selbstständigkeit der Schüler fördern. Aber ich und meine Kollegen wundern uns oft, wie unselbstständig die Kinder sind. Daran ändert sich auch nicht viel – ich habe bislang nicht erkannt, dass diese Förderung gut funktionieren würde.

    "Ach, geh doch aufs Gymnasium"

    Was das Thema Leistung betrifft, kommt es extrem auf die Schülerpersönlichkeit an. Ich kenne Fälle von Schülern, die eigentlich auf Gymnasialniveau arbeiten. Ihre Freunde aber lernen auf Haupt- oder Realschulniveau. Deshalb wollen die Gymnasialschüler dann auch nur noch auf Niveau eins oder zwei lernen. Sie wollen dann nichts machen, obwohl sie es könnten. In diesen Fällen braucht es Druck von außen, gerade in der Pubertät. Das Schulsystem lässt sie aber ja theoretisch auch mit null Prozent in den Checks durchkommen.
    Bei Schülern, die auf Gymnasial-Niveau lernen, denke ich deshalb oft: „Ach, geh doch aufs Gymnasium.“ Ich habe das Gefühl, dass Haupt- und Realschüler hier besser lernen können – sie werden mitgezogen, motiviert. Bei Schülern, die auch auf ein Gymnasium gehen können, bin ich mir unsicher, ob sie auch das leisten, was sie leisten könnten. 

    Ein weiteres Problem, das ich sehe, ist, dass die Bücher für die Schulform Gemeinschaftsschule noch nicht fertig sind. Als Lehrer habe ich die Wahl: Entweder nehme ich hin, dass es eben nicht genug differenzierte Aufgaben gibt, oder aber ich investiere sehr viel Zeit dafür, die Aufgaben selbst zusammenzustellen. Das ist nicht so einfach, da muss man in vielen Büchern graben, wühlen, oder Aufgaben erfinden. Zusätzlich zu meiner normalen Unterrichtsvorbereitung nach dem Ganztagsunterricht und zusätzlich zu Korrekturen bringe ich momentan pro Woche im Schnitt noch einmal fünf Stunden auf, um Aufgaben zusammenzustellen.

    "Wir brauchen Arbeitsmaterial, Räume und mehr Lehrer"

    An der Gemeinschaftsschule sammeln sich sehr engagierte Lehrer – das erlebe ich so. Viele meiner Kollegen arbeiten auch am Wochenende weiter. Zu der individuellen Vorbereitung kommen für uns außerdem Treffen mit Kollegen dazu. Wir müssen uns zusammensetzen und für die Klassenstufen Lernjoblisten erstellen. So kommt man locker auf mehr als 50 Arbeitsstunden in der Woche. Oft heißt es dann: Lehrer haben ja Ferien. Dabei wird übersehen, dass wir auch in den Ferien arbeiten: vorbereiten, korrigieren, Unterrichtseinheiten planen. Für normal belastbare Menschen ist das auf Dauer zu viel.
     
    Die Gemeinschaftsschule braucht Lehrer, die für die Idee brennen. Darüber hinaus braucht es für diese Schulform aber endlich Arbeitsmaterial und wir brauchen Räume, die uns den Platz für differenziertes Arbeiten lassen. Zuletzt, und das gilt insbesondere für die Inklusion, ist es für einen einzigen Lehrer in einer Klasse kaum möglich, allen Kindern gerecht zu werden. Wären wir zu zweit oder sogar zu dritt und hätten dann auch den entsprechenden Raum – dann kann ich mir vorstellen, dass das Konzept aufgeht."
    Protokoll: Anna Stommel

  • PRO: "Man muss für die Gemeinschaftsschule brennen." Marcus Weber erklärt im Video, warum er vom Konzept der Gemeinschaftsschule begeistert ist:
    Marcus Weber, Lehrer an der Gemeinschaftsschule Gebhard in Konstanz, ist ein Verfechter des Konzepts. Wie er den Alltag an der Schule erlebt und warum er an das glaubt, was er tut, verrät er im Video: