Konstanz Zwischen Ausgelassenheit und Sorge: Eltern in Konstanz machen sich Gedanken über Fasnacht

Exzesse auf der Marktstätte am Schmotzigen Dunschtig sollen aufhören. Eltern bekommen bei Infoabend Tipps für Sicherheit ihrer Kinder. Der Präventionsrat denkt über neues Konzept nach.

Von allen Seiten strömen Jugendliche auf die Marktstätte, im Rucksack selbst gemischte Getränke. Bald schon torkeln 13-Jährige über den Platz, ab halb acht Uhr morgens landen die ersten Jugendlichen im Klinikum. Seit einigen Jahren wiederholen sich diese Szenen am Schmotzigen Dunschtig. Konstanzer Eltern luden deshalb zu einem Themenabend einige Experten ein. Knapp drei Stunden lang diskutierten sie über die Gefahren von Alkohol, über Vertrauen und Konzepte.

Wie viele Schnapsgläser passen in eine 1,5-Liter-Flasche, die zur Hälfte mit Wasser gemischt wird? Reinhard Schwering, Leiter der Konstanzer Suchtberatung, gab Eltern im Landratsamt ein Rätsel auf. Bild: Kirsten Schlüter
Wie viele Schnapsgläser passen in eine 1,5-Liter-Flasche, die zur Hälfte mit Wasser gemischt wird? Reinhard Schwering, Leiter der Konstanzer Suchtberatung, gab Eltern im Landratsamt ein Rätsel auf. Bild: Kirsten Schlüter

Alexandra Bek, Vorsitzende des Konstanzer Gesamtelternbeirats, hat selbst minderjährige Töchter. "Sie freuen sich schon vor Weihnachten auf die Fasnacht, aber ich habe ein mulmiges Gefühl und frage mich, ob sie die Tage unbeschadet überstehen", sagte sie zur Einleitung. Dann wandte sie sich an Reinhard Schwering, Leiter der Konstanzer Suchtberatung, und fragte: "Was können wir Eltern im Vorfeld tun?" Schwering gab zunächst einen Überblick über die Gefahren von Alkohol, bevor die Tipps folgten. Er hielt eine 1,5-Liter-Plastikflasche und ein Schnapsglas in die Höhe und fragte: "Was glauben Sie, wie viele Schnapsgläser in die Flasche passen, wenn sie zur Hälfte mit Wasser und zur Hälfte mit Alkohol gefüllt wird?" Richtige Antwort: 35 Schnapsgläser voll Wodka, Whiskey oder anderem Alkohol nehmen die Jugendlichen zu sich, wenn sie die gemischte Flasche leeren. Und das tun sie zu zwei oder zu dritt oft innerhalb von 20 Minuten. "Nur wenige wollen sich bewusst ins Koma saufen", so der Suchtberater. "Die meisten kennen die Wirkung von Alkohol nicht und trinken zu schnell zu viel."

Und warum tun sie das? Junge Menschen suchen ihre Identität, wollen die elterliche Kontrolle bewusst verletzen. Genussmittel helfen ihnen, Spaß zu haben, Stress und Gefühls-Chaos zu bewältigen. Wer übertreibt, landet im Krankenhaus. Wie es den jungen Leuten dort ergeht, schilderte Peter Gessler, Leiter der Konstanzer Kinderklinik, schonungslos: Bei einer Alkoholvergiftung funktionieren die Reflexe und die Temperaturregulierung nicht mehr, die Atmung ist eingeschränkt, es kann zu Krampfanfällen oder Herz-Rhythmus-Störungen kommen. Sinkt die Körperkerntemperatur unter 32 Grad Celsius, ist das lebensbedrohlich. "Dafür reicht eine Außentemperatur von zehn Grad, wenn derjenige nur ein T-Shirt trägt und Alkohol, Medikamente und Drogen konsumiert hat", so Gessler. Besonders fatal ist es deshalb, dass ein Drittel der aufgesammelten Jugendlichen allein gefunden wird. Dirk Hoffmann, Leiter des Konstanzer Polizeireviers, gab die Regel aus: "Wir achten in der Gruppe aufeinander und schauen auch nach links und rechts. Wenn jeder im kleinen Rahmen Verantwortung übernimmt, kommen wir alle ein Stück weiter." Cool ist es jedenfalls nicht, vergiftet in der Klinik zu landen, wie Peter Gessler verdeutlichte: "Ein 16-Jähriger mit Windel ist nur noch peinlich."

Polizei, Security, Eltern, Vereine und Jugendzentrum sind auch in diesem Jahr am Schmotzigen auf der Marktstätte präsent. Die Eltern geben Wasser und Brezeln aus. Es gibt das Glasverbot, eine Zugangskontrolle und Videoüberwachung. Ein Vater wandte ein: "Brauchen wir wirklich die Marktstätte als Alkoholversuchsfeld, wo in der Mitte junge Leute feiern und drumherum besorgte Eltern patrouillieren?" Alexandra Bek antwortete: "Wir wollen die Jugendlichen aus Sicherheitsgründen auf der Marktstätte halten. Aber der Präventionsrat macht sich Gedanken über ein neues Konzept ab 2018." Sie stellt sich vor, dass die Stadt zum Beispiel eine SWR3-Party organisiert, damit sich Mäschgerle aller Altersgruppen in der ganzen Stadt mischen.

Im Publikum lauschte gespannt die 19-jährige Alicia Bronner, die im Fasnachtsverein groß wurde. "Fasnacht war für mich immer die schönste Zeit im Jahr", sagte Alicia. "Doch einmal bin ich nicht mit dem Verein durch die Gassen gezogen, sondern habe mir das Treiben auf der Marktstätte angeschaut. Es war nicht schön, das zu erleben." Außer Alicia und dem 19-jährigen Christian Schrodi waren nur rund 30 Mütter und Väter zum Themenabend gekommen. "Viele Eltern meinen, das Thema Alkohol an Fasnacht betreffe ihre Kinder nicht", sagt Alexandra Bek und ergänzt: "Hoffentlich haben sie Recht."

 

"Erhobener Zeigefinger bringt nichts"

Reinhard Schwering, 66 Jahre, leitet die Konstanzer Suchtberatung. Er wünscht sich ein anderes Konzept für den Schmotzigen Dunschtig

Herr Schwering, was halten Sie davon, dass die Stadt dieses Jahr auf der Marktstätte keine Bühne aufstellt, um Jugendlichen ein Programm zu bieten?

Das ist zwar schade, aber auch die Bemühungen des Jugendzentrums und der Fasnachtsvereine auf der Marktstätte haben in den vergangenen Jahren kaum Wirkung gezeigt. Dieses Jahr kommen Jugendliche mit einem mobilen Musikwagen auf den Platz und auch die Piraten mit ihrem großen Schiff. Die Organisatoren des Musikwagens, selbst Jugendliche, haben damit eine Chance, ohne Exzesse friedlich zu feiern. Auch die Teilnehmer haben diese Verantwortung. Mein Ziel wäre eine Partymeile auf der Marktstätte, von der Stadt finanziell unterstützt, mit Imbiss- und Getränkeständen. Alkoholfreies für die Jüngeren, leichtes Bier ab 16 Jahren. Zugang erhalten nur Jugendliche ohne Mischgetränke, kontrolliert von der Security.

Was sollen Eltern vor der Fasnacht mit ihren Kindern vereinbaren?

Wichtig ist zunächst ein gutes Vertrauensverhältnis, damit Jugendliche sich auch bei Problemen ihren Eltern öffnen können. Vor der Fasnacht mit erhobenem Zeigefinger lange Reden zu halten, ist sinnlos. Besser ist es, immer wieder kurze Infos fallen zu lassen, zum Beispiel: Weißt du eigentlich, welche Wirkung hochprozentiger Alkohol hat? Nach drei oder vier Schnapsgläsern bist du schon betrunken. Oder: Ich wünsche mir, dass du heil durch die Fasnacht kommst. Das bleibt hängen.

Wichtig ist auch, dass die Eltern sich selbst beim Alkoholkonsum zurückhalten, um im Ernstfall das Klingeln ihres Handys zu hören und ihren Kindern helfen zu können.

Wann sind Jugendliche ein Fall für die Suchtberatung?

Zum einen bieten wir am Freitag nach dem Schmotzigen Dunschtig im Klinikum allen ein gemeinsames Gespräch an, die am Vortag eingeliefert wurden. Zum anderen kommen junge Menschen über die Kinder- und Jugendklinik zu uns oder auch aus eigenem Antrieb beziehungsweise auf Initiative der Eltern. Und wer im öffentlichen Raum betrunken von der Polizei aufgegriffen wird, erhält auch ein Gesprächsangebot. Gleichzeitig bekommen die Jugendlichen eine gelbe Karte zugestellt und die Eltern werden informiert, unter welchen Umständen und mit welchem Promillewert der Sohn oder die Tochter aufgegriffen wurde. Außerdem werden die Straßenverkehrsbehörde und das Sozial- und Jugendamt informiert. So helfen alle den Jugendlichen, ihr Konsumverhalten früh zu überdenken.

Fragen: Kirsten Schlüter

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