Warum? Diese Frage stellt die Ermittler noch immer vor ein Rätsel. Warum zückte am 15. Juni 2018 kurz nach 2.30 Uhr ein Taxi-Fahrgast während der Fahrt in der Mainaustraße eine Stichwaffe und ging auf den Fahrer los? Wie konnte es passieren, dass er ihm so schwere Verletzungen zufügte, dass sein Opfer in einem lebensbedrohlichen Zustand ins nahe gelegene Klinikum gebracht werden musste?

Der einzige, der dazu wirklich etwas sagen könnte, schweigt. Nach kurzer Zeit hatte die Polizei einen Obdachlosen festgenommen, die Spuren legen seine Täterschaft mehr als nur nahe. Doch der Tatverdächtige schweigt auch nach zwei Monaten. Der Mann befindet sich weiter in Untersuchungshaft, wie Andreas Mathy, der Sprecher der Staatsanwaltschaft, dem SÜDKURIER auf Anfrage mitteilte. Und die Ermittler haben auch nach umfangreichen Ermittlungen kein Motiv.

Von der Tatwaffe fehlt weiter jede Spur

So geht die Staatsanwaltschaft weiter von einem zufälligen Zusammentreffen am Bahnhofplatz aus. Dort war der spätere Tatverdächtige ins Auto des späteren Opfers gestiegen, das hatten die Ermittlungen rasch ergeben. Wenige Minuten später stach der Täter auf den Fahrer ein. Womit, ist noch immer nicht ganz klar. "Eine Tatwaffe wurde bisher nicht gefunden", so Staatsanwalt Mathy.

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Allerdings hat die Polizei viele andere Spuren sichergestellt, die für einen möglichen Indizienprozess wichtig werden könnten. Die Ermittlungen zum Tathergang seien "weitgehend abgeschlossen", erklärte die Staatsanwaltschaft. Bestätigt hatte die Polizei schon früher, dass nach dem Überfall nichts gestohlen wurde, Raub also kein Motiv sein kann.

Der Taxifahrer will jetzt vor allem ganz viel Ruhe

Der Taxifahrer konnte bisher nicht an seinen Arbeitsplatz zurückkehren. Das bestätigte Karin Dornheim-Knechtle vom Konstanzer Taxiunternehmen Dornheim: „Unser Mitarbeiter und Kollege kann leider noch nicht wieder arbeiten. Wir versuchen, die Familie so gut es geht zu unterstützen.“ Man sei in Kontakt, lege aber Wert auf einen rücksichtsvollen Umgang, so Karin Dornheim-Knechtle. „Die Familie des Fahrers bittet dringend darum, ihre Privatsphäre zu schützen, daran halten selbstverständlich auch wir uns.“

Wie gefährlich ist der mutmaßliche Täter?

Für die Staatsanwaltschaft steht unterdessen vor allem eine Frage im Mittelpunkt der weiteren Ermittlungen: Was hat den Tatverdächtigen zu seiner Tat bewegt? Unter anderem sei es vorgesehen, ihn von Fachleuten psychologisch begutachten zu lassen, so Mathy.

Dahinter steht die Frage, ob der Täter möglicherweise nicht schuldfähig war. Zwar ist bekannt, dass der zur Tatzeit unter dem Einfluss von Alkohol stand, aber viele Fragen sind offen. Je nachdem, zu welchem Ergebnis der Sachverständige kommt, könnte das Gericht entweder nach der Haft eine Sicherungsverwahrung anordnen oder anstelle einer Gefängnisstrafe verfügen, dass der Täter in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss. Entscheidend dafür ist die so genannte Gefährlichkeitsprognose, die aber erst noch erstellt werden muss.

Wann das Landgericht den Fall verhandelt, ist ungewiss

Wann es zum Prozess kommt, ist noch ungewiss. Bisher ist die Anklageschrift nicht fertiggestellt, und ein Termin dafür sei noch auch nicht abzusehen, so Mathy. Die Anklage werde mit hoher Wahrscheinlichkeit zum Landgericht erhoben, da auch bei versuchten Tötungsdelikten stets die Schwurgerichtskammer zu urteilen hat.

Sollte die Verhandlung nicht in diesem Jahr noch beginnen, muss die Staatsanwaltschaft erklären, warum sie mehr Zeit braucht. Denn nach sechs Monaten, im konkreten Fall also Mitte Dezember, steht für den Untersuchungsgefangenen ein Haftprüfungstermin an.

Die Konstanzer Taxifahrer haben den Fall noch nicht vergessen

In manchen Konstanzer Taxis fährt unterdessen auch zwei Monate nach der erschreckenden Tat die Angst mit. Viele Fahrer hatten nach dem brutalen Überfall eingeräumt, dass auch ihnen gelegentlich mulmig zumute ist, gerade während der Nachtschicht.

Karin Dornheim-Knechtle hat ihr Team unmittelbar nach der Tat versammelt: „Wir haben nach dem Vorfall alle Mitarbeiter zusammengerufen und mit ihnen ausführlich gesprochen. Es ist wichtig, dass man sich in einer solchen Situation darüber austauscht.“ Sicherheitslücken in den Taxis sieht sie nicht. „Unsere Fahrzeuge waren schon vor der Tat auf dem aktuellen Stand der Sicherheitstechnik, deshalb mussten wir keine weiteren Verbesserungen vornehmen. Aber es hat sich einmal mehr gezeigt, dass auch die Technik keinen vollständigen Schutz bieten kann.“