Das Konstanzer Landgericht ist in Strafsachen für die schwerwiegenden Fälle zuständig: Totschlag, sexueller Missbrauch, Drogenhandel. Wer hier auf der Anklagebank sitzt, dem droht in der Regel eine Freiheitsstrafe von über vier Jahren.

So ist es auch bei den beiden Männern, 26 und 36 Jahre alt, die an diesem Tag vor dem Richter Joachim Dospil stehen. Ihnen wird ein reger Drogenhandel mit Marihuana in Konstanz und Villingen-Schwenningen vorgeworfen. Angefangen hatte alles mit einer Polizeikontrolle in Konstanz.

I. Die Kontrolle

Es ist Dezember 2017, kurz vor Weihnachten. Bei einer Verkehrskontrolle wird ein junger Mann angehalten. Die Beamten finden bei ihm ein Kilogramm Marihuana und nehmen ihn direkt mit auf das Revier zur Befragung. In solchen Fällen ist für die Ermittler sehr viel interessanter, woher die Drogen kommen – wer also die großen Händler im Hintergrund sind.

Der junge Mann nennt nach einiger Zeit zwei Namen: die der beiden Männer aus Villingen-Schwenningen. Das Kilo Marihuana habe er bei einem Treffen auf dem Fischmarkt in Konstanz bekommen, zum Preis von 4000 Euro. Die beiden Männer sollen noch mehr Drogen in einem Fitnessraum im Industriegebiet lagern und von Villingen-Schwenningen aus verkaufen, sagt er. Der junge Mann kommt nach seiner Aussage wieder auf freien Fuß – vorerst zumindest.

II. Die Durchsuchung

Der Fall geht nach Villingen-Schwenningen. Dort ermitteln die Polizisten nun gegen die beiden 36 und 26 Jahre alten Männer, die er genannt hatte. Der 36-Jährige ist vorbestraft, drei Mal wurde er wegen Körperverletzung zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt. Er soll dem Rockermilieu angehören, weshalb die Polizei bei der Wohnungsdurchsuchung mehr Beamte als üblich einsetzt.

Fündig werden sie – allerdings nicht was Drogen betrifft.

Der 36-Jährige hat mehrere verbotene Waffen in seinem Besitz, die er der Polizei bereitwillig übergibt. Darunter Schlagringe, ein Wurfstern und ein Springmesser.

Auch in der Wohnung des 26-Jährigen findet die Polizei keine großen Drogenmengen. Auf dem Handy des 26-Jährigen gibt es dafür Chatverläufe, die verdächtig klingen: "Hast du zwei?" Antwort: "Geben erst ab 25 ab, haha"

Die beiden Männer schweigen zu den Tatvorwürfen.

Ein Finanzermittler der Polizei kommt zu dem Schluss, dass die Ausgaben der Tatverdächtigen nicht ganz zu den Einnahmen passen. Es muss also eine illegale Einnahmequelle geben. Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage.

III. Die Verhandlung

Gut ein Jahr später findet die Verhandlung am Landgericht Konstanz statt. Im Gerichtssaal sitzen auch die langjährige Freundin des 36-Jährigen und die Eltern des 26-Jährigen. Die Vorwürfe gegen die beiden Männer deutscher Staatsangehörigkeit wiegen schwer. "Unerlaubtes Handeltreiben mit einer Gesamtmenge von rund 9,5 kg Marihuana", heißt es in der Anklage.

Auch gegenüber ihren beiden Pflichtverteidigern beharren die Männer von Anfang an darauf, nichts mit der Sache zu tun zu haben.

"Die Leute sagen das ja immer, und meistens stimmt es nicht", bemerkt Rechtsanwalt Henning Stutz während der Verhandlung.

Nur die Waffen erklärt der 36-jährige Angeklagte gleich zu Beginn: "Ich wusste nicht, dass die verboten sind". Und auch die Chatverläufe erklärt der 26-Jährige irgendwann: "Ja, ging um Gras." Aber mit den Vorwürfen in dieser Dimension habe das nichts zu tun. Den jungen Mann aus der Verkehrskontrolle, sagen sie, kennen sie aus Villingen-Schwenningen. Geschäfte aber hätten sie mit ihm nie gemacht. Glaubwürdig klingt das aber zunächst nicht.

Alles scheint gegen die beiden zu sprechen – bis der Zeuge auftritt.

Es ist der junge Mann, der die beiden durch seine erste Aussage bei der Polizei überhaupt erst hierher gebracht hat. Mit Fußfesseln und begleitet von zwei Justizbeamten kommt er in den Gerichtssaal. Wegen eines anderen Gerichtsurteils sitzt er gerade eine mehrjährige Haftstrafe ab. Nun setzt er sich auf den Stuhl inmitten des großen Saals und sagt:

"War alles gelogen."

Die Mutter des 26-Jährigen schnaubt leise und blickt zu ihrem Mann. Warum hat er die beiden dann belastet? Er habe persönlich etwas gegen den 36-Jährigen gehabt, eine andere, private Geschichte, sagt er. Und den 26-Jährigen kannte er noch von der Schule.

Das war alles. Die Drogenübergabe, das Versteck im Fitnessraum: alles gelogen. "Um der Untersuchungshaft zu entgehen", erklärt der Zeuge. "Es war kurz vor Weihnachten, ich wollte heim, und war auf Drogen. Ich hab einfach irgendwas erfunden. Die haben mir nie was verkauft."

Die Drogen habe er von drei anderen Männern gekauft, die bereits in anderen Fällen ein Urteil erwarten. Dass er sich nun selbst belaste und wegen Falschaussage eine Haftverlängerung erwartet, sei ihm bewusst. "Ich bin selbst gerade in der JVA. Ich möchte das keinem antun, der unschuldig ist."

Dass die beiden Männer bei der Wohnungsdurchsuchung zu den Tatvorwürfen geschwiegen haben und sich nicht erklärt haben, sei nichts Ungewöhnliches, erklärt zudem eine Polizistin im Zeugenstand. Nach dem Motto "Ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts" handelten selbst die Tatverdächtigen, die sich später als unschuldig herausstellen.

IV. Das Urteil

"Freispruch" heißt es am Ende für die beiden Angeklagten. "Obwohl alles ein bisschen merkwürdig ist", erläutert Richter Joachim Dospil, "kann man auf die ersten Angaben des Zeugen bei der Polizei keine Verurteilung stützen".

Nur wegen der verbotenen Waffen muss der 36-Jährige eine Geldstrafe über 1000 Euro zahlen.

Fast die Hälfte der Drogendelikte sind Cannabis-Fälle

  • Zahlen zum Konsum: Laut der polizeilichen Kriminalstatistik für die Landkreise Konstanz, Ravensburg, Sigmaringen und des
    Bodenseekreises brachten Polizisten im Jahr 2017 insgesamt 4268 Straftaten im Bereich Rauschgift zur Anzeige. In etwa der Hälfte der Fälle, nämlich 2333 mal, ging es um den Besitz beziehungsweise den Erwerb von Cannabis. Besonders stark beteiligt ist der Landkreis Konstanz mit 1200 Vorkommnissen. Eindeutiger Schwerpunkt der Cannabisszene ist die Grenzstadt Konstanz mit 514 Delikten. Bei den Cannabis-Straftaten deutschlandweit geht es laut des Rauschgiftberichts des Bundeskriminalamts in 84 Prozent der Fälle um konsumnahe Vergehen. Also um Bagatelldelikte, die losgelöst sind von Handel und Schmuggel.
  • Befürworter der Legalisierung: "Die Cannabis-Strafverfolgung bindet ungeheure Kapazitäten", sagte der Ökonom Justus Haucap im September 2018 gegenüber dem Spiegel. Es gehe um zeitliche Ressourcen, die, umgerechnet in monetäre Einheiten, leicht eine Milliarde Euro ausmachen würden. Geld, das Polizei, Gerichte und Staatsanwaltschaft anderweitig einsetzen könnten.
  • Kritiker warnen, durch die Legalisierung stiegen die Gesundheitsrisiken. In diese Richtung weist auch eine aktuelle Studie: Je stärker das in einer Stadt kursierende Cannabis ist, desto häufiger werden dort Psychosen diagnostiziert, berichten Wissenschaftler im Fachmagazin "Lancet Psychiatry".