Der Text für den nächsten närrischen Auftritt war schon fertig. Alfred Heizmann hatte ihn in seinem geliebten Gärtle am Reichenauer Südufer gedichtet und seinem Sohn der Prüfung halber vorgelesen. Beide waren zufrieden mit den Zeilen, die der 68-Jährige zum Auftakt der Fasnacht am 11. 11. hätte vortragen sollen. Dazu kommt es nicht. Der Mundart-Dichter verstarb überraschend. Sein Text (mit kräftigen Seitenhieben gegen die AfD) wird am 6. Januar nachgereicht in Form einer Lesung. Alle werden sich an den Leib- und Seelenmenschen Heizmann erinnern, der mit seiner Mischung aus schrulliger Verkleidung und sprachlicher Brillanz ein Publikum eroberte.

Was so leicht daherkam, war hart erarbeitet. Alfred Heizmann stammte aus Wurmlingen (Kreis Tuttlingen). Dort hatte er erst als Postbote gearbeitet und manchen Brief in den damals noch harten schwäbischen Wintern mit dem Moped ausgetragen. Dann schlug er den zweiten Bildungsweg ein, studierte Religionspädagogik in Freiburg und wurde Religionslehrer in Konstanz. An der Wessenbergschule gingen Generationen von Schülern durch seinen Unterricht. Seine Reli-Stunden waren plastisch und lebensnah – nicht einfach bei diesem Fach. Gerne zog er mit seinen Klassen in Kirchen und auf Orgelbühnen, um den Schülern dort die Räume der Religion zu öffnen.

Schwäbisch, katholisch, herzlich

Katholische Lehre war für Heizmann nicht nur ein Lehrfach, mit dem er seine Brötchen verdiente. Er war überzeugter Katholik, der sich in seiner Kirche breit engagierte. Erst am Konstanzer Münster, dann auf der Insel Reichenau brachte er sich ein. Als die Benediktiner auf die Reichenau zurückkehrten, war Heizmann einer ihrer ersten Unterstützer. Auch im Freiburger Ordinariat war er bekannt: Viele Jahre engagierte er sich in der Mitarbeitervertretung (MAV) für bessere Arbeitsbedingungen der weltlichen Mitarbeiter.

Wann immer hohe Geistliche wie Reinhard Marx auf der Insel urlaubten, stießen sie bald auf den umtriebigen und zutiefst beschlagenen Schwaben. Marx und mancher andere Promi wurden von Heizmann über die Insel geführt. Der Ausflug mit dem eigenen Weidling auf dem Untersee gehörte auch dazu.

Zur landesweiten Berühmtheit wurde er freilich durch seine humorvollen Dichtungen. Ob als närrischer „Referent“ bei Konstanzer Zünften oder, als Höhepunkt, bei der Fernsehfasnacht im Konzil: Heizmann war ein Star. Dabei arbeitete er mit unspektakulären Mitteln. Er war schlicht angezogen, brauchte kein Lichtshow, keine Band. Er war Wortkünstler, und seine Sätze packten gestochen scharfe Gedanken in das unscheinbare Kleid des Dialekts. Seine Witze gingen nicht auf Kosten anderer. Sie sind selbstironisch, liebevoll, menschennah.

Mit dem Aufkommen von Pegida bezog er klare politische Position: Heizmann warb für ein freundliches und humanes Deutschland. Witze über Minderheiten kamen ihm nicht über die Lippen. Fasnacht betrachtete er als eine Bühne für Menschenfreundschaft – und nicht als Forum fürs Ausgrenzen und für geschlossene Gesellschaften. In seinem letzten Stück heißt es im typischen Heizmann-Sound: „Humanitas, Anstand und Räson/schtehn nicht zur Disposition.“

Manche Entwicklung in der Narretei sah er kritisch. Etwa den zunehmenden Formalismus bei mancher Zunft, wo jeder Schritt reguliert und jedes Kleidungsstück festgeschrieben wird. Das Einheits-Brauchtum war ihm ein Graus, dafür war er zu sehr Charakterfigur und Einzelgänger: ein Solist, der die große Gesellschaft liebte und sie ihn.

Er hat einen guten Tod gehabt, berichtet sein Sohn. Nach einer schweren OP im Sommer ging es ihm bereits besser. Am Montagmorgen hatte er sich einen Tee gebrüht und die geliebte Zeitung aus dem Postfach geholt, um es sich am kleinen Küchentisch bequem zu machen. Dabei ist er wohl eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht. Alfred Heizmann hinterlässt seine Frau Sonja sowie die Kinder Heiner und Anna. Und viele traurige Leser, Hörer, Zuseher.