Wer hier herumfährt, verliert schnell die Orientierung. Straßen nehmen unerwartete Wendungen, Firmenschilder sind unübersichtlich – und zwischendurch stehen, mitten im Gewerbegebiet, Wohnhäuser. Ganze Gebäude mit zwei, vier und auch mal sechs Wohnungen. So ist das im Unterlohn, das Quartier, das für alle, die nach Konstanz kommen, rechts der Reichenaustraße liegt. Irgendwie gewachsen und nie von Anfang bis Ende geplant. Und genau das wird jetzt für die Stadt Konstanz zum Problem. Denn das Verwaltungsgericht Freiburg zwingt die Verwaltung, einer Nutzungsänderung zuzustimmen und es einem Bauherren zu erlauben, eine Werkstatt in eine Wohneinheit umzuwandeln.

Die Begründung lautet kurz und knapp zusammengefasst: Das Unterlohn ist gar kein richtiges Gewerbegebiet mehr. Es gibt dort schon viel zu viele andere Wohnungen, um jetzt einem, der auf die ungleich lukrativere Wohnnutzung setzt, die Genehmigung dafür zu versagen. Und mehr noch: die Zahl der "klassischen Gewerbebetriebe" laut Baunutzungsverordnung sei sogar "gering". Was die FDP – die sich seit langem dafür einsetzt, den Wohnraummangel auch in Gewerbegebieten zu bekämpfen und den dortigen Eigentümern attraktive Perspektiven zu eröffnen – seit langem nicht schafft, fordert jetzt das Gericht. Konstanz muss fürs Unterlohn Klarheit schaffen.

Für Marion Klose, die Leiterin des Amts für Stadtplanung und Umwelt, ist das Unterlohn tatsächlich "durchsetzt mit Wohnnutzung". Sie sieht das Urteil aber nicht als Kritik an der bisherigen Arbeit, sondern vor allem als Chance. Die Stadt habe jetzt den Auftrag, ein Konzept für das eher wild gewachsene Gebiet zu entwickeln. Nicht nur ihr ist dabei wichtig, dass Konstanz auch Raum für Gewerbe freilässt. Sie sieht "ein sehr großes Potenzial", wie sie jüngst im Technischen und Umweltausschuss sagte. Was sich für die Grundstücksbesitzer mit ihren Plänen ändert, ist allerdings noch offen. Der Gemeinderat, so Klose, soll im Dezember beschließen, dass ein neuer Bebauungsplan aufgestellt wird. Bis er fertig ist, soll eine Veränderungssperre gelten. Dass deshalb aber jeder Bauantrag automatisch abgelehnt wird, sei nicht der Fall.

Für die FDP könnte damit ein Ziel erreicht werden, das sie schon vor Monaten formuliert hat. Sie schlägt, so Stadtrat Johannes Hartwich, ein so genanntes Urbanes Gebiet vor. Diese neue Kategorie der Stadtplanung hebt die Trennung von Wohnen und Gewerbe innerhalb bestimmter Grenzen auf und reagiert auf die Tatsache, dass sich beides in einer von Dienstleistung geprägten Wirtschaft besser verträgt als bisher. Ein solches Gebiet neuen Typs auch für das Stromeyersdorf zu entwickeln, lehnen dagegen Stadtverwaltung und zahlreiche Politiker ab: Das Vorzeige-Quartier soll Gewerbegebiet bleiben, wurde in der Sitzung deutlich.