Konstanz – Vom See aus ist es am besten sichtbar: „Konstanz und Kreuzlingen gehen ineinander über“, sagt Stefan Neubig, Vizepräsident des Architekturforums Konstanz Kreuzlingen. „Vom Trichter aus sieht man, es ist Eines.“ Weil sie die Grenze nicht nur als theoretische Linie begreifen, sondern die Dinge im Zusammenhang betrachten möchten, wie Neubig sagt, gründeten 18 Kreuzlinger und Konstanzer 2007 das Architekturforum Konstanz Kreuzlingen. Themen rund um Architektur- und Stadtplanung an die Öffentlichkeit zu bringen, ist seitdem das Ziel der 120 Mitglieder, die sich nicht nur aus Architekten, sondern aus Personen ganz unterschiedlicher Berufsgruppen zusammensetzen. Das geschieht durch Vorträge, Ausstellungen, Exkursionen und andere Aktionen, an denen die Bürger beider Städte teilnehmen können. Am 22. Juni fand im oberen Saal des Konzils bei vollen Stuhlreihen eine Feier zum zehnjährigen Bestehen statt.

„Das Forum unterstützt mich in meiner Arbeit“, sagte der Konstanzer Baubürgermeister Karl Langensteiner Schönborn in seinem Grußwort. Dass sich in den vergangenen zehn Jahren etwas getan habe, beschrieb der ehemalige Baubürgermeister Kurt Werner. Er hatte damals den Anstoß gegeben, aus einem Architektenstammtisch in Kreuzlingen und der losen Vernetzung von Konstanzer Architekten mehr zu machen. „Die Jahre nach der Entfernung des Maschendrahtzauns an der Grenze 2006 waren eine gute Zeit dafür, grenzüberschreitende Ideen öffentlich zu machen“, so Werner. Das 2011 beschlossene Agglomerationsprogramm Kreuzlingen-Konstanz erwähnte er als wichtigen Schritt auf dem Weg, die Grenzen in den Köpfen zu beseitigen.

„Architektur geht alle an“, äußerte sich Ernst Zülle, Stadtrat Departement Bau der Stadt Kreuzlingen, in Bezug auf die rege Öffentlichkeitsarbeit des Architekturforums.

Als Festredner kam mit Matthias Sauerbruch ein ganz besonderer Gast eigens von Berlin nach Konstanz: Der 1955 in Konstanz geborene Architekt ist nicht nur Sohn des bekannten Konstanzer Malers Hans Sauerbruch, sondern ein international renommierter Architekt. Sein Architekturbüro Sauerbruch Hutton in Berlin hat bereits zahlreiche bedeutende Architekturpreise erhalten und realisierte Bauten wie das Museum Brandhorst in München oder das Umweltbundesamt in Dessau.

In Konstanz sprach Sauerbruch zum Thema: „Ist die Moderne noch modern?“. Dabei gab er einen Überblick zur Entwicklung der modernen Architektur in den vergangenen Jahrzehnten und stellte Lösungsansätze für ein Bauen der Zukunft vor. Die Begeisterung für die automobile Stadt sei vorbei, so Sauerbruch. Heute werde Mobilität als Grundrecht betrachtet, ohne Verherrlichung des Verkehrs. Die Verschönerung der Städte sei in den Fokus gerückt. Er entwarf das Zukunftsszenarium eines Lebens in gestalteten Stadträumen. Damit Menschen sich dort wohlfühlen können, müssten moderne Formen gefunden werden, die emotional berühren, ohne sentimental zu sein.

"Konstanz teilt viele Probleme mit anderen Städten"

Matthias Sauerbruch, 1955 in Konstanz geboren, ist ein international bekannter Architekt. Im Kurzinterview spricht er darüber, wie sich Konstanz entwickeln könnte.

Herr Sauerbruch, wie wünschen Sie sich die architektonische Zukunft Ihrer Heimatstadt Konstanz?

Konstanz teilt viele Themen mit anderen Städten. Ein es davon ist der Verkehr, der einer Verbesserung bedarf. Für Konstanz wäre es wünschenswert, für die Grenzübergänge im Stadtteil Paradies und im Döbele Lösungen zu finden, die besser in die Stadt integriert sind und gegebenenfalls die Innenstadt vom Durchgangsverkehr freihalten.

Was sind Ihre Ideen für die ländlich gelegenen Stadtteile?

Vorortsituationen wie in Wollmatingen oder den Teilorten auf dem Bodanrück, wo die Stadt sich auflöst, teilt Konstanz ebenfalls mit anderen Städten. Dort warten viele Aufgaben für Architekten, beispielsweise die Integration von Gewerbeanlagen in die Landschaft.

In Konstanz gibt es viel historische Bausubstanz und wenige Baulücken. Wie können Architekten damit umgehen?

Die historische Bausubstanz in Ruhe lassen, wenn nichts daran gemacht werden muss, aber Eingriffe, wenn sie notwendig sind, als solche erkennbar machen. Bei Neubauten gilt als Maßstab, die gestalterische Qualität des Umfeldes zu respektieren und gleichzeitig zeitgenössische Formen zu finden. In der historischen Altstadt ist zwar nicht mehr viel Innenverdichtung möglich, aber in Petershausen sehe ich durchaus noch Potenzial.

Fragen: Julia Russ