Von drohender Wohnungslosigkeit sind zunehmend auch Kinder und Jugendliche betroffen. Im vergangenen Jahr waren es 121, das geht aus dem Konzeptionsbericht der Stadt Konstanz zur Verhinderung von Obdachlosigkeit hervor. Der beratende Fachdienst listet 158 Fälle auf, in denen er im vergangenen Jahr tätig wurde. Betroffen waren 28 Familien, 36 alleinerziehende Mütter, 15 Paare und 79 Einzelpersonen, elf davon Rentner.

Die Kommunalpolitik zeigt sich alarmiert. "Der Druck ist groß", sagte Oberbürgermeister Uli Burchardt im Gemeinderat. Er und der Leiter der Sozialen Dienste, Markus Schubert, kritisierten im Gemeinderat Menschen, die sich gegen neue Bauvorhaben stellen.

"Es gibt nur eine Lösung: Bauen für Alle", sagte OB Burchardt. Bürger, die das verhindern wollten, seien ein großes Problem für die soziale Struktur in der Stadt. Eine Arbeitsgruppe arbeite daran, Lösungen für die verschiedenen Gruppen zu finden, denen der Verlust der Wohnung drohe, oder die sie schon verloren haben. Markus Schubert, Leiter der Sozialen Dienste, sprach von einer Protestkultur der Privilegierten. Er führte ein Beispiel an, nach dem wegen des Schutzes eines Baums deutlich weniger Wohnungen gebaut wurden, als zunächst geplant.

Anke Schwede, Stadträtin der Linken, hatte einen ganz anderen Ansatz: Sie forderte, mindestens die Hälfte der Neubauten als Sozialwohnungen zu errichten. Zudem müsse die Stadt auch Obdachlosen mit Hunden Angebote machen. Diese fehlten bisher.

"Der Bericht hat uns erschreckt"

Jan Welsch, Stadtrat der SPD, sprach sich für eine Politik aus, die den Frieden zwischen Mietern und Vermietern fördert. Neue Obdachlosenunterkünfte sollten zudem nicht mehr am Rande der Stadt stehen, sondern in deren Mitte. Für die Freie Grüne Liste sagte Peter Müller-Neff: "Der Bericht hat uns erschreckt". Für diese Aussage erntete er Kritik. Die Fakten, so sagten Vertreter anderer Fraktionen, seien doch schon länger bekannt. Die FGL hat einen noch nicht behandelten Antrag eingebracht, in dem sie von der Stadt eine Konzeption für ausreichende Notunterkünfte fordert, ebenso wie mehr Personal in der Obdachlosenhilfe und höhere Zuschüsse für die freien Träger auf diesem Feld. Erwald Weisschedel (Freie Wähler) sieht durchaus Erfolge in der Obdachlosenhilfe. Es habe Zeiten gegeben, da habe die Stadt noch nicht einmal Container gehabt, in denen Obdachlose bei großer Kälte Schutz suchen konnten.

Bei allen Räumungsklagen ging es um Mietschulden

Im Jahr 2017 gingen aus Konstanz 37 Räumungsklagen ein, 20 betrafen Familien und deren Kinder. In allen Fällen hatten Mietschulden zur Klage geführt. Elf der Betroffenen lebten an der Armutsgrenze, sie hatten nur kleine Renten, Grundsicherung oder andere geringe Einkommen wie Krankengeld. Vor allem Alleinerziehenden drohten nach einer Trennung finanziell in eine prekäre Lage zu kommen, dies bestätige über Jahre hinweg die statistische Datenanalyse der Fachstelle, heißt es im Bericht. "Der überteuerte, äußerst angespannte Wohnungsmarkt in Konstanz erhöht das Risiko eines Wohnungsverlustes für diesen Personenkreis", so das Fazit der Autoren unter der Federführung des Sozial- und Jugendamts.

Bei der Hälfte der Klagefälle erzielten die Berater der seit dem Jahr 2002 bestehenden Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit eine Lösung, die den Wohnungsverlust abwendete. Manchmal hatten die Betroffenen noch nicht alle Möglichkeiten der finanziellen Unterstützung ausgeschöpft, die ihnen zustand, manchmal gelang es, einen Kredit auszuhandeln, um die Mietschulden begleichen zu können, manchmal galt es auch andere soziale Probleme in Angriff zu nehmen. Einer der Schlüssel für das frühzeitige Eingreifen ist die Praxis, dass das Amtsgericht das Jobcenter über eine eingehende Räumungsklage wegen Mietrückständen informiert. So kann eine Hilfskette in Gang gesetzt werden. Das Jobcenter kann in manchen Fällen Mietschulden vorübergehend übernehmen, ebenso das Sozial- und Jugendamt.

Für Unterbringungen über mehr als sechs Monate stehen in der Stadt 37 Wohnungen und zwei kleine Häuser für ein bis zwei Familien zur Verfügung. Auf diese kann das Bürgeramt zurückgreifen, wenn es Obdachlosigkeit verhindern will. 24 der Not-Wohnungen gehören der Wohnungsbaugesellschaft Konstanz (Wobak), neun Objekte sind in Privatbesitz und fünf Wohnungen sowie ein kleines Haus sind Eigentum der Stadt Konstanz. (rin)