Von wegen Wissenschaft im Elfenbeinturm: Nicht umsonst hat die Universität Konstanz für die Vorstellung ihrer neuen Exzellenzcluster im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern den schlichten Titel „Exzellente Cluster – Wieso, weshalb, warum“ gewählt – in Anlehnung an die Sesamstraße. Was das bedeuten sollte? Die seit Januar arbeitenden Cluster „Kollektives Verhalten“ und „Die politische Dimension von Ungleichheit“ haben den Anspruch, Forschung zu Themen zu betreiben, die die Menschen täglich beschäftigen. Das haben die jeweiligen Vertreter mit einfachen Worten erklärt:

  1. Das macht das neue Exzellenzcluster „Kollektives Verhalten (Collective Behaviour): Jeder hat es schon einmal erlebt: Geht der erste über die Straße, gehen fast alle mit. Ist man zu Hause noch ganz entspannt, lässt man sich kurz vor der wichtigen Prüfung doch von der Nervosität der anderen Teilnehmer anstecken. Auch der letzte modische Schrei des Sommers muss es sein und natürlich wird bei der Meisterschaft begeistert mitgejubelt, obwohl sich das Interesse für Fußball und Sport doch eigentlich in Grenzen hält. Und nicht zuletzt verbreitet sich auch das abwegigste Gerücht wie ein Lauffeuer. Die Begründung für das typische Verhalten lautet nicht selten mit einem entschuldigenden Schulterzucken: Gruppenzwang. Warum Meinungen, Normen, Urteile und Verhaltensmuster stets kollektiv geprägt sind, was der Mensch in dieser Hinsicht mit Tieren gemeinsam hat und was passiert, wenn dann auch noch die virtuelle Realität ins Spiel kommt, das wollen die Wissenschaftler des Clusters „Collective Behaviour“ (zu Deutsch: Kollektives Verhalten) untersuchen.
  2. Das wollen die Forscher herausfinden: Um die gesamte Brandbreite der Sozialität, die die Natur zu bieten hat, erforschen zu können, ist das Cluster „Collective Behaviour“ mit einem Kernteam aus 25 Wissenschaftlern verschiedener Forschungszweige stark interdisziplinär ausgerichtet. Für die Einheit entsteht derzeit ein Neubau. „Unser Ziel ist es, ein international führendes Zentrum für Verhaltensforschung aufzubauen“, erklärte Oliver Deussen aus dem Bereich Bildinformatik und grafische Datenverarbeitung. Dazu beitragen soll auch die von beiden Exzellenzclustern angestrebte Offenheit, die in den nächsten sieben Jahren jährlich neue Projekte für Forschende aus aller Welt zulassen soll, um sie von den jeweils 4,3 und 4,4 Millionen Euro Fördergeldern profitieren lassen zu können. Das Herzstück des Clusters wird neben der Erforschung des menschlichen Kollektivverhaltens die Schwarmforschung von Vögeln und Fischen bilden, für die die Universität eine riesige Voliere (Imaging Hangar) baut. Hier wird es möglich, mit hochauflösenden und auf die Wahrnehmung der Tiere angepasste LED-Projektionen das jeweilige Schwarmverhalten in der Reaktion auf verschiedener Gefahren und Umgebungen zu untersuchen.
  3. Das macht das neue Exzellenzcluster „Die politische Dimension von Ungleichheit (The Politics of Inequality): Auch dieses neue Exzellenzcluster beschäftigt sich mit Themen, mit denen sich die Menschen weltweit jetzt schon täglich und in Zukunft verstärkt konfrontiert sehen: Fragen der Ungleichheit am Arbeitsplatz oder in der Schule und wie sich diese auf die Teilhabe an politischen Entscheidungen auswirkt. Denn wie sich an den aktuellen politischen Entwicklungen zeigt, kann sich das Gefühl von Ungleichheit vielfältig zum Beispiel in Protest und Bürgerkonflikten oder der Stärkung populistischer Parteien äußern. Fünf Projekte werden dieser Frage in den nächsten sieben Jahren unter den Gesichtspunkten der Wahrnehmung, der Partizipation und der Politik von Ungleichheit sowie ebenfalls aus einer interdisziplinären Perspektive auf den Grund gehen – und zwar zum Teil mit Feldforschungen im täglichen Lebensumfeld.
  4. Das wollen die Forscher herausfinden: Ein Forschungsteam des Clusters möchte zum Beispiel herausfinden, wie sich die Wahrnehmung von Bildungsungleichheiten von Schülern, Eltern und Lehrenden auf die persönliche politische Meinungsbildung auswirken könnte. Es betreut und begleitet dazu einzelne Schulklassen oder sogar Schüler über einen längeren Zeitraum, um zu authentischen Ergebnissen zu kommen. Ein anderes Forschungsprojekt untersucht dagegen umfragenbasiert, wie betriebliche Richtlinien zu Chancenungleichheit auf dem Arbeitsmarkt zwischen neu zugewanderten und einheimischen Auszubildenden führen können.