Das Jahr 2017 geht zu Ende. Blicken wir zurück, ist viel geschehen und manches nicht passiert in dieser Stadt: Der Bahnhof wird erst 2021 barrierefrei, bis dahin ist vielleicht auch der Berliner Flughafen fertig und das Bodenseeforum ein Erfolgsprojekt. Das Konziljubiläum nähert sich dem Ende, während das neue C-Verkehrskonzept von längst nicht mehr allen einstigen Befürwortern den göttlichen Segen hat. In Form einer besonderen Preisverleihung blicken wir deshalb an dieser Stelle zurück auf das Jahr 2017 und verleihen den Negativpreis „Die Goldene Imperia“ in folgenden Kategorien:

Ton des Jahres

Das Hupen der Züge am Bahnübergang am Inselhotel. Eine einfache Wuchtigkeit zeichnet den Konstanzer Soundtrack des Jahres aus. Das tiefe „Mööööp“ durchbrach für mehrere Tage die gewohnte Hörumgebung der Konstanzer und ließ Anwohner bis Petershausen auch um ein Uhr nachts noch aus dem Schlaf erwachen und über das Leben nachdenken, das aufgrund der defekten Schranken an dem Bahnübergang wieder besondere Bedeutung erlangte. Das „Möööp“ setzte sich mit seiner minimalistischen Komposition klar gegen den Konkurrenten-Ton „Hulapalu“ durch, der nur wenige Meter weiter mit disharmonisch penetranter Frequenz auf dem Oktoberfest über Klein Venedig hallte.

Wort des Jahres

Der Begriff „temporärer optischer Mangel“ hat sich in der Kategorie „Wort des Jahres“ „gegen „Stau“ und „externes Gutachten“ durchgesetzt. Im Zusammenhang mit einer unerlaubten Graffiti-Werbung auf den Konstanzer Straßen prägte die Stadtverwaltung in bester Bürokratie-Sprache diesen Ausdruck, der auch politisch korrekt vermittelt, dass etwas hässlich ist, aber nicht auf Dauer hässlich bleiben muss. „Diese Erkenntnis berührt grundlegende gesellschaftliche Fragestellungen, derer wir uns wieder bewusst werden müssen“, schreibt die Jury der Goldenen Imperia. Der Begriff habe sich in Konstanz bereits ins Alltagsgeschehen eingeschrieben und werde vielfältig verwendet. So sei beispielsweise die Unterführung am Bahnhof nicht hässlich, sondern lediglich „temporär optisch mangelhaft“. Auf die Frage der Ehefrau, wie der Mann die neue Frisur – Kurzhaarschnitt mit frecher, feuerroter Strähne vorne – findet, empfehlen Paartherapeuten dem Antwortenden, lieber von „temporär optisch mangelhaft“ zu sprechen, anstatt mit „Naja“ zu antworten.

Sportler des Jahres

Unbekannte Täter haben sich die Goldene Imperia in der Kategorie „Sportler des Jahres“ verdient. Die Kraftsportler mit ausdauernder krimineller Energie liefen zuletzt zu sportlicher Höchstleistung aus, als sie am dritten Adventswochenende eine Tonne Kupferkabel aus einem Firmengebäude im Industriegebiet auf einen Transporter hievten und abtransportierten. Gesponsert wurden sie von einem Energy-Drink-Hersteller, der die Täter zwar nicht mit Flügeln, aber mit atmungsaktiven Masken ausstattete. Sie können ihren Preis bei der Polizei Konstanz abholen.

Foto des Jahres

Der Schnappschuss des Jahres dürfte noch unveröffentlicht im Ordnungsamt Konstanz liegen und zeigt einen Autofahrer am Ortseingang Litzelstetten. Das Bild vereint alles, was ein gutes Bild mit einer emotionalen, aber auch hochpolitischen Geschichte dahinter ausmacht: Die schwarz-weiß-Optik, der richtige Moment beim Auslösen der Kamera, das authentische, wütende Gesicht des Autofahrers. „Ein tolles Foto, das ein außergewöhnliches Maß an Emotionen und Ausdrucksstärke zeigt“, heißt es in der Jurybegründung. Denn es zeigt den Moment, kurz bevor der Autofahrer dem gerade neu installierten Blitzer einen „temporären optischen Mangel“ zufügte und auf die Scheiben einschlug.

Gebäude des Jahres

Die Geschwister-Scholl-Schule darf sich in diesem Jahr über die Auszeichnung in der Kategorie „Gebäude des Jahres“ freuen. Eine Überraschung ist das nicht, hatte doch schon die Jury des Freiburger Denkmalamts die Schule vor wenigen Wochen als denkmalwürdig ausgezeichnet. Schon damals lobten die Experten die gewagte und experimentierfreudige Gestaltung und konsequente Nicht-Sanierung. Es sei ein Gebäude, das nicht nur optisch, sondern auch durch seine Atmosphäre überzeuge. Das sanfte, gleichmäßige Tropfen des Regenwassers durch die Deckenlöcher wirke beruhigend, fast meditativ auf die Schüler und trage erwiesenermaßen zu besseren Leistungen bei. Das Zusammenkuscheln an kalten Wintertagen bei disfunktionaler Heizung fördere den Klassenzusammenhalt. Die wild romantisch verwucherten Außenanlagen verleihen dem Gebäude einen zusätzlichen Charme und runden das Gesamtbild stimmig ab. Nicht nur für den Status des Denkmalschutzes, auch für die Auszeichnung mit der Goldenen Imperia 2017 kam die Empfehlung aus dem Konstanzer Rathaus.

Einkaufszentrum des Jahres

Es ist DIE Überraschung des Jahres: Nicht das erfolgsverwöhnte Lago Konstanz steht auf dem Siegertreppchen, sondern das ECE in Singen, das im Herbst 2019 eröffnet werden soll. Jahrelang hatte es sich das Lago Konstanz in den vergangenen Jahren ganz oben gemütlich gemacht – zumindest auf der Beliebtsheitsskala der Ladenmieter, die es super finden, auf so wenig Quadratmeter so viel Geld zu machen, während es kleine Läden in der Niederburg deutlich schwerer haben. Dieses Phänomen darf sich nun ruhig außerhalb der Konstanzer Stadtmauern verlagern Richtung Singen.

Modesünde des Jahres

In dieser Kategorie geht die Goldene Imperia an die Imperia selbst – beziehungsweise an die unbekannten Designer, die die Dame am Hafen im Oktober mit einem schwarzen Tuch verhüllten. Ein klarer Fall von „Fashion-Fail“, kommentiert „Shopping Queen“-Protagonist und Jury-Mitglied Guido Maria Kretschmar das Outfit. „Ich sag’s ungern, aber das Kleid geht gar nicht. Das ist ein Rollbraten auf drei Etagen“, so Kretschmar. Ohne Liebe zum Detail hätten die Unbekannten zum braunen, Verzeihung, schwarzen Tuch gegriffen und damit medienwirksam unter Beweis gestellt, dass sich über Geschmack doch streiten lässt. Die Designer können sich die Goldene, unverhüllte Imperia beim Staatsschutz abholen.

Auto des Jahres

Zugegeben, in Konstanz müsste das eigentlich ein Fahrrad sein, wahlweise eines, das Lasten trägt. Aber knapp hat sich dann doch jenes weiße Auto durchgesetzt, dass in Litzelstetten mehr oder weniger hübsch ummalt wurde. „Kein Parkplatz“ stand daneben. Plus Ausrufezeichen. Und Kennzeichen des Gefährts. Und Strafzettel. Unklar warum, aber das hat selbst Schweizer Medienkollegen auf den Plan gerufen. Autofahrer. Parkplatz. Wut. Selbstjustiz im Vorort. Das zieht eben. Die Schweizer Kollegen von den „20 Minuten“ berichten von einem 58-jährigen Landsmann, dem das alles zu viel ist mit dem Stau und der Parkplatznot in Konstanz. Kein Wunder sei es, dass sich die Leute ihren Wagen da einfach „irgendwo abstellen“ oder „private Parkplätze“ nutzen. Wer so lange im Stau stehe, verliere eben die Nerven – darf sich dann aber immerhin über eine Teilberühmtheit seines weißen Wägelchens freuen.

Rücksichtzone des Jahres

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel hat die Damen und Herren im Rathaus und von der Politik die Tatsache getroffen, dass es rund um den Herosé-Park allsommerlich ungemütlich wird. Für Anwohner, die sich an Rauchsäulen, Gedröhne aus mobilen Lautsprechern, Scherben und noch unschönere Hinterlassenschaften vor ihrer Haustür stören. Für ausgelassen Feiernde, die sich in ihrem Recht auf Freiheit im öffentlichen Raum eingeschränkt fühlen. Bemerkenswert, dass Stadtverwaltung und Gemeinderat es da geschafft haben, einen ganzen Sommer hin und her zu lavieren: Security, Deeskalationsteams, Polizei – ja, wer soll die Befriedung denn jetzt übernehmen? Und reicht vielleicht nicht doch ein oder zwei öffentliche Grillstellen und/oder ein Toilettenhäuschen mehr? Man hat ja auch nicht die hübsch eingezeichneten Rücksichtzonen. Am Ende wurde es dann doch ein kommunaler Ordnungsdienst, im Juli beschlossen. Beginn der Arbeit: April 2018. Das ging fix, schließlich ist der Herosé-Park erst seit 2011 eine Un-Ruhezone.

Spruch des Jahres

Der Schauspieler Ben Becker ist die große Bühne gewohnt – und dennoch trat er im März dieses Jahres im Konstanzer Bodenseeforum auf. Klingt jetzt böse, sah aber auch Becker selbst so. Nach dem eindrucksvoll vorgetragenen Stück „Ich, Judas“ und langem Applaus schlurfte der Maestro nochmals auf die Bühne, um etwas loszuwerden: „Normalerweise spiele ich dieses Stück in Kirchen oder in schönen Theatern, aber jetzt hier in dieser Mehrzweckhalle...“ Ganz schön böse, der Judas.. äh Becker. Nachdem das Bodenseeforum nun also endgültig als Mehrzweckhalle enttarnt wurde brauchen die HSG-Handballer keine Hallenerweiterung mehr und die fehlenden Wohnungen für Studenten sind auch Geschichte. Eine Frage aber bleibt noch an den Mecker-Becker: Warum tat sich der Schauspieler den Auftritt überhaupt an? Die einfache Erklärung: „Mein Schornstein muss ja auch rauchen und meine Tochter hat ein Pferd.“

Festival des Jahres

Was war es diesen Sommer nicht wieder schön im Bodenseestadion: Satte Gitarren-Riffs, bebende Trommelfelle im doppelten Wortsinn und echte Rockröhren. Ja, das Rock am See ist und bleibt einfach DAS Festival für Musikfans aus nah und – nicht nur dank der direkten Nachbarschaft zum See – auch aus fern. Und wer gab sich nicht wieder die Klinke in die Hand: von Metallica bis zu (natürlich) den Toten Hosen und (ebenso natürlich) den Ärzten. Halt, stop. Dieser Campino hat sich ja ganz schön verändert. Hat der nicht eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem König von Mallorca? Und wieso sah Marilyn Manson dieses Jahr nach dem ersten Auftritt 2001 noch gruseliger aus als sonst? Ach richtig, das war gar kein Heavy Metal und Hard-Rock da am Hörnle, sondern Fasnacht mitten im Hochsommer. So nannte das Bodensee-Ahoi-Schlagerfestival zumindest einer der zwischen 2500 (zum Höhepunkt) und 1200 (am Ende) Gäste. Die Freiluftparty à la Ballermann 6 und Bierkönig wird es auch im August 2018 geben – das Rock am See vielleicht auch.

Zum Schluss

Letzte Worte der Imperia-Jury: Ja, es gibt viele Baustellen in dieser Stadt, und ein paar Dinge, die „temporär mangelhaft“ sind und einen Negativpreis verdient haben. Vielleicht aber hat es eine Dame auf den Punkt gebracht, die kürzlich in der Schwarzwaldbahn von Offenburg bis Konstanz in bester Konstanzer Manier auf die Schweizer, den Verkehr, den übervollen Weihnachtsmarkt und die Wohnungspreise schimpfte und am Ende, als der Zug über die alte Rheinbrücke fuhr, auf den See schaute und meinte: „Hach, schon schön hier. Ich würd’ nicht weg wollen.“

In diesem Sinne: Auf ein schönes, neues, denkwürdiges und friedliches Jahr 2018. Einen guten Rutsch wünscht Ihre Lokalredaktion: Jörg-Peter Rau, Sylvia Ahlebrandt, Philipp Zieger, Benjamin Brumm, Andreas Schuler und Sandra Pfanner.