Konstanz "Wir Frauen bekommen die Brennpunkte im Alltag mit – und die Männer entscheiden dann darüber. Das kann doch nicht sein!"

In der Konstanzer Kommunalpolitik gibt es noch immer wenige Frauen. Warum eigentlich? Unsere Autorin hat mit lokalen Politikerinnen und Interessierten beim Treffen zum Thema "Frauen in der Kommunalpolitik" über dieses grundlegende Problem gesprochen.

In Konstanz leben rund 45.000 Frauen. Während sie arbeiten, studieren, sich ehrenamtlich engagieren, das Familienleben organisieren, Verwandte pflegen oder irgendwie versuchen, den Alltag als Alleinerziehende zu meistern, entwickelt sich die Stadt weiter. Im Gemeinderat und den Ausschüssen wird über Kleines und Großes entschieden, vom Abwasserkanal in einer Seitengasse der Niederburg über Kita-Gebühren bis zu neuen Verkehrskonzepten.

"Wir Frauen bekommen die Brennpunkte im Alltag mit – und die Männer entscheiden dann darüber. Das kann doch nicht sein", sagt Jana Akyildiz bei einem Treffen zum Thema "Frauen in der Kommunalpolitik" auf Einladung der Freien Grünen Liste (FGL).

"Wir Frauen sind nicht nur gute Elternbeiräte." Jana Akyildiz | Bild: Sandra Pfanner

Ein Blick in den Konstanzer Gemeinderat: Zehn Frauen. 30 Männer – die meisten über 60 Jahre alt. Sie alle sind gewählte Vertreter des Volkes, jeder Konstanzer konnte im Jahr 2014 entscheiden, wem er seine Stimme gibt. Dennoch kann man die Frage stellen: Warum sitzen da nicht mehr Frauen?

Familie, Beruf – und dann auch noch ein Mandat?

"Es ist schwierig, ein solches Gremium so durchmischt zu bekommen, dass es repräsentativ ist", antwortet Stadträtin Gisela Kusche. Es ist nicht ihr erstes Mandat. 1989 trat sie schon einmal für den Gemeinderat an – mit Erfolg. Die Grünen waren noch eine junge Partei, es herrschte Aufbruchsstimmung. Und bei Gisela Kusche nach ein paar Jahren Katerstimmung.

"Politisch aktive Frauen sollten sich stärker vernetzen." Gisela Kusche | Bild: Sandra Pfanner

Arbeit, Familie und Politik – das zehrte. "Mama, du bist so oft weg", habe ihr damals dreijähriger Sohn einmal gesagt. "Da war für mich klar, dass ich erst mal nicht weitermachen möchte", sagt Kusche. Ihr Sohn ist inzwischen erwachsen und sie wieder im Gemeinderat. Zwischen Mandat und Beruf sei sie immer noch zerrissen.

Es gibt entspannte Wochen, aber für viele Räte auch solche: Montag Fraktionssitzung, Dienstag Ausschuss, Donnerstag Gemeinderat von 16 bis 23 Uhr, plus Vorbereitungen. Die Vorlagen für bestimmte Themen können auch mal 100 Seiten haben und sind nicht immer gleich spannend.

"Vieles ist besser geworden"

700 Euro Aufwandsentschädigung erhalten Stadträte im Monat. Mitglieder mit Kindern unter 14 Jahren oder pflegebedürftigen Angehörigen bekommen pro Sitzungsstunde 10 Euro für einen Babysitter oder eine Pflegeperson erstattet. 1989 wäre das noch undenkbar gewesen.

"Insgesamt ist vieles besser geworden", sagt Gisela Kusche. "Aber ich habe immer noch das Gefühl, mich einmischen zu müssen. An Punkten, an denen ich denke: Das kann doch jetzt nicht wahr sein, dass das die Männer unter sich ausgemacht haben", sagt Kusche.

Weibliche Sicht der Dinge wird manchmal lächerlich gemacht

Kurz gesagt: Die großen Kämpfe mögen geschlagen sein. Jetzt gehe es ans Subtile – sagt auch Heidrun Horn, Mitglied bei den Freien Wählern. Dabei geht es auch um die Themensetzung. Frauen bringen aus Erfahrung im Alltag schon andere Sichtweisen mit – und dann auch die entsprechenden Anträge ein.

Die Reaktion so mancher altgedienter Politiker: "Das Thema lächerlich machen. Das ist ein psychologisches und politisches Mittel, das wertvolle Diskussionen verhindern kann", sagt Horn. "Jahrzehntelang dachte man in den Gremien, dass bestimmte Themen nicht wichtig sind. Sind sie eben doch."

"Es gibt einige Männer, die sich am Stuhl festhalten"

Karin Göttlich, seit 15 Jahren im Vorstand der FGL, wird deutlicher: "Dieser viel zitierte Erfahrungsschatz, auf den sich ältere Stadträte gerne berufen, ist genauso wichtig wie neue, frische Ideen." Nur: "Es gibt einige, die sich am Stuhl festhalten." Nach zwei oder drei Mandats-Perioden, so Göttlich, "sollte Schluss sein."

Wie steht es um die jungen Frauen? Können sie sich vorstellen, Stadträtin zu werden? "Momentan nicht, dafür fehlt mir die Zeit neben dem Studium", antwortet Linda Horn, 20 Jahre alt. Sie begleitet ihre Mutter gerne zu Diskussionen und sei auch politisch interessiert. Zu intensiv möchte sie sich aber, gerade mit der aktuellen Weltpolitik, nicht beschäftigen. "Um die Welt nicht zu schwarz zu sehen."

Für die Kreisrätin Birgit Brachat-Winder steht fest: "Gerade die Frauen, die es im Alltag schwer haben, haben keine Stimme – aber wichtige Themen, die Männer meist nicht auf den Tisch bringen. Machen wir es."

"Ich will etwas bewegen, nicht warten, bis es andere tun." Birgit Brachat-Winder | Bild: Sandra Pfanner

Wahlen und Listen

Bei der öffentlichen Diskussion "Frauen in der Kommunalpolitik" – zu der übrigens nur Frauen kamen – wurde auch über Wahlrecht diskutiert. Einige Kreis- und Ortsverbände in der Region habeneine festgeschriebene Reihenfolge auf den Wahllisten: abwechselnd ein Mann, eine Frau. Ein Verfahren, dass sich die Kreisrätin Birgit Brachat-Winder auch auf Landesebene wünschen würde.

Denn in Baden-Württemberg bestimmen Parteiversammlungen in den Wahlkreisen über die Kandidaten. Dabei seien oft bekannte Männer gegenüber weniger bekannten Frauen im Vorteil. Der Landtag von Baden-Württemberg ist hinsichtlich des Frauenanteils Schlusslicht unter den deutschen Landesparlamenten. 98 von 143 Parlamentarierinnen und Parlamentariern sind Männer.

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