Wenn er über den Arbeitsplatz der Zukunft spricht, zieht Carsten Schleyer am Schnürchen. Buchstäblich. "Bevor sie ständig übers Digitalisieren sprechen, sollten Unternehmen die mechanischen Möglichkeiten ausreizen", sagt der Professor für Maschinenbau. Dann hebt er einen kleinen Motor von einem Schlitten und dieser saust von einem Gegengewicht gezogen davon. Was soll das? Der Motor steht für ein Produkt, der Schlitten soll den Transport zum nächsten Produktionsschritt darstellen.

Kommt dem Mitarbeiter der Schlitten entgegen, weiß er, dass er einen neuen Motor – sprich: ein neues Produkt – aufladen muss. Dieser einfache kleine Aufbau im Modelllabor der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Gestaltung (HTWG) in Konstanz soll den Arbeitsplatz der Zukunft zeigen?

Die entscheidende Frage über Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens wird laut Schleyer und seinem Kollegen Markus Kurth sein: Wie geht die Firma mit der wachsenden Produktvielfalt um? "In Zukunft werden wir uns maßgeschneiderte Turnschuhe und die Tütensuppe mit Lieblingsgeschmack bestellen", sagt Schleyer voraus. Darin sieht er einen Vorteil für den deutschen Arbeitsmarkt. "Die Angst, von Robotern ersetzt zu werden, ist unberechtigt", sagt Carsten Schleyer. In Asien seien die Sorgen vor der Automatisierung berechtigt. "Der Niedriglohnsektor ist am stärksten davon betroffen", so Schleyer. Denn: Nur gut ausgebildete – und bezahlte – Kräfte seien den Anforderungen gewachsen, speziell auf den Verbraucher zugeschnittene Produkte herzustellen.

 

Ausbildung per Virtual Reality?

So könnte die Aus- und Weiterbildung der Zukunft aussehen. SÜDKURIER-Redakteur Benjamin Brumm versucht sich mit Virtual-Reality-Brille und Joysticks im Modelllabor der HTWG Konstanz am Verladen von Bauteilen aus einem Regal in die Produktionsschleife.
So könnte die Aus- und Weiterbildung der Zukunft aussehen. SÜDKURIER-Redakteur Benjamin Brumm versucht sich mit Virtual-Reality-Brille und Joysticks im Modelllabor der HTWG Konstanz am Verladen von Bauteilen aus einem Regal in die Produktionsschleife. | Bild: Oliver Hanser

Deshalb sei im Jahr 2030 in Deutschland auch keine Massenarbeitslosigkeit zu befürchten. Im Gegenteil, es kommt laut den Maschinenbau-Professoren darauf an, genug Arbeitnehmer zu finden. Schon jetzt fehlen hunderttausende Fachkräfte. "Automatisieren ist viel zu teuer, um es aus Spaß zu machen", sagt Markus Kurth, "es geht darum, dem Mensch monotone Arbeiten abzunehmen und ihm dank Unterstützung schwierigere Aufgaben zu übertragen". Dazu gehöre auch, dass Mitarbeiter in der Fertigung künftig von Tablet-Computern über den nächsten Arbeitsschritt informiert werden. Im Modelllabor der HTWG findet bereits der darauf folgende Schritt statt: in der virtuellen Welt Maschinenteile zu verladen, ist erst der Anfang. Die Ausbildung der Zukunft wird auch mit 3D-Brille und Joystick stattfinden. Es sei eine Frage des Umgangs mit dem Menschen, bestätigt Kurths Kollege Carsten Schleyer. Worum geht es Unternehmen: das schwächste Glied zu trainieren oder es auszusortieren? Schon allein aus praktischen Gründen müssten die Mitarbeiter künftig "als das wertvollste Gut" wahrgenommen werden, sagt Schleyer.

 

Ein Roboter namens Konstanz

Ortswechsel ins Konstanzer Industriegebiet. In den Produktionsräumen der Firma Ingun Prüfmittelbau arbeiten ganze Städte. Oslo, Bern, Paris oder Konstanz heißen sie. Es sind durchsichtige Automaten zur Herstellung von Kontaktstiften für Leiterplatten. In der Halle sind sie menschlichen Arbeitskräften zahlenmäßig überlegen. Fallen hier, in den Räumen eines mittelständischen Traditionsunternehmens, menschliche Arbeitsplätze Robotern zum Opfer?

Mehr Durchblick dank Automatisierung? Beim Konstanzer Unternehmen Ingun Prüfmittelbau helfen Roboter bei der Produktion mit. Den Menschen ersetzen sie noch lange nicht.
Mehr Durchblick dank Automatisierung? Beim Konstanzer Unternehmen Ingun Prüfmittelbau helfen Roboter bei der Produktion mit. Den Menschen ersetzen sie noch lange nicht.

"2030 werden bei Ingun mehr Menschen arbeiten als heute", verneint Jochen Müller, kaufmännischer Geschäftsführer, diese Fragen. Die Tochtergesellschaften im Ausland dienten allein dem Kundenservice vor Ort. "Es geht unter keinen Umständen um Rationalisierung am Stammsitz in Konstanz." Auch Thomas Schrodi, bei Ingun als Bereichsleiter unter anderem für Automatisierung und Produktentwicklung zuständig, schwächt die Sorge um den Arbeitsplatz ab. Die habe es beim Aufkommen der Robotik vor vielen Jahren schon einmal gegeben. "Das Gegenteil ist der Fall: Die Automation ist als Werkzeug dafür zu sehen, dass Arbeitnehmer mehr Zeit für andere Aufgaben haben", sagt Schrodi. Damit bestätigt er die Thesen der beiden Maschinenbau-Professoren der HTWG.

Wie ändert sich also die Arbeit bei einem Unternehmen wie Ingun künftig? Geschäftsführer Jochen Müller geht – was die Zahl der Arbeitskräfte angeht – von einem "überproportionalen Wachstum in der Automatisierung" aus. Das bedeutet: Es werden mehr Menschen damit beschäftigt sein, dass die Automaten auch genau das tun werden, was sie tun sollen. Der Angestellte ist also die Intelligenz hinter der Intelligenz.

Und dann ist da dieses grüne Kabel, das Oslo mit Konstanz und Konstanz mit Paris verbindet. Das grüne Kabel ist nichts anderes als ein Netzwerkkabel, das die einzelnen Produktionsroboter miteinander kommunizieren lässt. Es ist das, was Politiker derzeit gerne als Weg zur Industrie 4.0 beschreiben. Bei Ingun soll es dazu führen, dass der Mensch nach einem Produktionsausfall von Oslo oder Paris nicht mehr nur sieht, dass etwas nicht funktioniert hat, sondern warum es nicht funktioniert. "Irgendwann soll das Ziel sein: Produktionsausfälle durch diese Kenntnisse gar nicht erst geschehen zu lassen", sagt Thomas Schrodi. Man kann sich das vorstellen wie bei einem Rückenleiden: Besser zum Arzt gehen, wenn es ein bisschen zwickt, bevor der Hexenschuss da ist. Das klingt dann doch ziemlich menschlich.

 

Wie das Bürgerbüro digital wird

Ines Mergel ist Professorin für Politik- und Verwaltungswissenschaften an der Uni Konstanz. Eines ihrer Fachgebiete ist die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung. Auch dort spielt das Thema Digitalisierung längst eine Rolle.

Frau Mergel, wie weit ist die öffentliche Verwaltung bereits digitalisiert?

Derzeit befindet sie sich in der Umstellung von analog auf digital als parallele Servicedienstleistung, das bedeutet unter anderem: Papierakten werden durch elektronische Akten ersetzt. Im Moment ist das für die Bürger jedoch noch nicht unbedingt spürbar, da viele Formulare selbst wenn sie als pdf-Dokument heruntergeladen werden können, trotzdem noch ausgedruckt, von Hand ausgefüllt und in die Verwaltungsstube getragen werden müssen.

Was wäre dann der nächste Schritt?

Eine Automatisierung einiger Prozesse, die während den Lebensphasen der Bürger anstehen. Für eine Stadt wie Konstanz ist aufgrund des Umfangs der Aufgabe die Einstellung eines Beauftragen für Digitalisierung wichtig. Diese Stelle muss mit viel Budget, Kompetenz und umfassender Veranwortlichkeit ausgestattet sein, um die Digitalisierung vorantreiben zu können. Beispielsweise muss der gesamte Onlineauftritt von Städten und Gemeinden vereinfacht werden.

Und im übernächsten Schritt gibt es dann im Amt keinen Mensch mehr?

Nein, diese Sorge halte ich für unbegründet. Die meisten Vorgänge werden nicht so schnell, in manchen Bereichen nie, von Robotern übernommen werden. Selbst bis zur kompletten Umsetzung des once-only-Prinzips (bestimmte Informationen müssen nur einmal der Verwaltung mitgeteilt werden, diese tauscht sie untereinander aus, Anm. d. Red.) und der Anerkennung einer digitalen Signatur wird es noch Jahre dauern.

Was aber klar ist: Die digitalen Kompetenzen der Verwaltungsangestellten müssen angepasst werden, so dass sie zukünftig weiter ihre hoheitlichen Aufgaben ausführen, aber eben mit einem anderen Medium. Und nicht nur ihre, übrigens.

Sondern?

Auch die der Bürger. Der e-Government Monitor der Initiative D21 hat gezeigt: In Deutschland haben sich digitale Kompetenzen zuletzt nicht verbessert, sondern verschlechtert. Wir haben in den Schulen und Hochschulen die digitale Agenda der Bundesregierung nicht umgesetzt. Diese Wissenslücken werden später in die Verwaltung und Politik getragen.

Fragen: Benjamin Brumm