Als sie von ihrem Cello erzählt, da fühlt sich Jakob mit Anita verbunden. Jakob Dach lebt in Konstanz und steht kurz vor dem Abitur. Anita Lasker-Wallfisch hat den Holocaust überlebt.

Beide sind Cellisten, die Überlebende und der Schüler.

Bild: Lukas Ondreka

Hier im Wolkensteinsaal des Kulturzentrums sitzt der junge Mann im Kapuzenpullover und lauscht gemeinsam mit vielen anderen Jugendlichen den Worten der weltweit bekannten Zeitzeugin.

Sie ist nicht persönlich da. In einem Videozusammenschnitt erzählt die Jüdin, wie sie die planvoll durchgeführte Massenvernichtung der Nationalsozialisten überlebt hat.

Im Vernichtungslager Auschwitz musizierte sie im Mädchenorchester, unter anderem für den KZ-Arzt und Kriegsverbrecher Josef Mengele. Nur wegen der Musik, wegen ihres Cellos, sei sie nicht vergast oder durch Zwangsarbeit getötet worden.

Bild: Lukas Ondreka

Gekommen sind Jakob Dach und die vielen anderen Schüler auf Bitten der Stolperstein-Initiative Konstanz und der US-amerikanischen USC Shoa Foundation.

Die wird Anita Lasker-Wallfisch für einen interaktiven Zeitzeugenbericht interviewen. Und die Schüler dürfen das Projekt mit ihren Fragen mitgestalten. Sie sind wie Jakob Dach vom Ellenrieder-Gymnasium, von der Gemeinschaftsschule Gebhard und dem Heinrich-Suso-Gymnasium.

Sie notieren ihre Fragen an die Holocaust-Überlebende auf bunten Karteikarten.

Bild: Lukas Ondreka

"Wie habe Sie es geschafft, nicht innerlich an dem Grauen kaputt zu gehen? Wie habe Sie nach dem Schrecken in den Konzentrationslagern den Hass auf die Deutschen ablegen können?"

Das möchte Franziska Böttcher von Anita Lasker-Wallfisch wissen. Die Schülerin vom Ellenrieder-Gymnasium ist froh, dass sie sich mit ihren Fragen einbringen kann.

Bild: Lukas Ondreka

"So etwas wie der Holocaust kann wieder passieren, deswegen dürfen wir nicht vergessen", sagt die junge Frau.

Gegen das Vergessen arbeiten, das ist das Ziel der USC Shoa Foundation mit Sitz in Los Angeles. Der Regisseur Steven Spielberg gründete die gemeinnützige Organisation 1994, ein Jahr nach der Veröffentlichung seines Films "Schindlers Liste".

Seitdem führt die USC Shoa Foundation weltweit Zeitzeugen-Interviews mit Überlebenden des Holocaust und anderer Genozide. Mehr als 55.000 Berichte sind so bereits entstanden, frei zugänglich in einem Online-Archiv.

Karen Jungblut hat für die USC Shoa Foundation die Konstanzer Schüler eingeladen.

Bild: Lukas Ondreka

“Wir Experten denken immer, dass wir wissen, was andere denken und fragen wollen”, sagt Karen Jungblut. Aber es sei wirklich sehr wichtig, die Perspektive junger Menschen einzubringen, ihre Fragen mit in das Interview mit Anita Lasker-Wallfisch zu nehmen.

Das Besondere: Jakob, Franziska und die anderen Schüler werden nach Abschluss des Projektes nicht einfach ein Interview anschauen können, zu dem sie Fragen beigesteuert haben.

Sie werden mit einem digitalen Abbild der Holocaust-Überlebenden sprechen können.

Karen Jungblut führt es den Schülern vor. Sie öffnet einen Laptop: Zu sehen ist ein älterer Herr in einem Sessel. Auf Englisch begrüßt sie Pinchas Gutter, einen Shoa-Überlebenden. Und tatsächlich: Seine Bildschirm-Repräsentation grüßt höflich zurück.

Bild: Lukas Ondreka

Sie stellt ihm Fragen zu seiner Zeit während des Nationalsozialismus. Der Pinchas Gutter in der Maschine gibt freundlich Auskunft. Wenn er keine Antwort weiß, dann sagt er: “Entschuldigen Sie, ich verstehe nicht.”

Bild: USC Shoa Foundation

Die Anwendung mit Anita Lasker-Wallfisch wird der erste interaktive Zeitzeugenbericht der USC Shoa Foundation in deutscher Sprache sein.

Die Technologie dahinter ist aufwendig und kompliziert. Während des Interviews sitzen die Zeitzeugen in einem speziellen Raum, umgeben von zahlreichen Kameras.

Bild: Kim Fox, USC Shoa Foundation

Über mehrere Tage hinweg geben sie auf Tausende Fragen Auskunft. Ihre Antworten werden als Videoschnipsel in einer Datenbank gespeichert.

Video: USC Shoa Foundation

Später, wenn die Schüler in Konstanz oder anderswo eine Frage stellen werden, dann wird eine Spracherkennungs-Software diese mit einer Antwort aus der Datenbank verbinden.

Die Anwendung lernt mit der Zeit dazu, verbindet Fragen und Antworten immer besser. "Dimensions in Testimony" heißt das Projekt der Shoa Foundation, sinngemäß: Zeitzeugenberichte in neuer Dimension.

Zukünftig werden Pinchas Gutter, Anita Lasker-Wallfisch und andere Holocaust-Überlebende nicht nur als digitales Abbild auf einem Bildschirm, sondern auch in virtueller Realität von ihrer Zeit während des Nationalsozialismus berichten. Auch dann noch, wenn sie längst gestorben sind.

Mila Baur ist überzeugt, dass die Technologie nicht nur eine Spielerei ist. Die Schülerin von der Gemeinschaftsschule Gebhard sieht zwei entscheidende Vorteile: Die Gesprächsform schaffe Verbundenheit, aber zugleich auch etwas Distanz.

Bild: Lukas Ondreka

“Bei einer realen Person wäre ich zurückhaltender, weil ich nichts Falsches fragen und sie nicht verletzen will”, sagt sie.

Mila freut sich darauf, wenn Sie die fertige Anwendung in voraussichtlich einem Jahr ausprobieren darf.

“Die Interaktion schafft eine größere Verbindung als ein klassisches Videointerview”, sagt Karen Jungblut von der USC Shoa Foundation. Dem digitalen Abbild eines Holocaust-Überlebenden Fragen zu stellen, das sei etwas anderes als in einem Geschichtsbuch über ein Schicksal zu lesen.

Die Schüler könnten sich aktiv einbringen. Eigenständiges Denken und kritische Reflexion würden dadurch gefördert, sagt die Expertin.

“In einer Doku bekommt man alles vorgesagt”, sagt Hamit Smajli von der Gemeinschaftsschule Gebhard. “Aber wenn man eine Frage stellt, dann ist man komplett drin.”

Bild: Lukas Ondreka

Der Schüler findet es wichtig, dass das dunkle Kapitel deutscher Geschichte nicht vergessen wird. “Das darf sich nicht wiederholen”, sagt er.

Mit dem digitalen Abbild von Anita Lasker-Wallfisch könnten junge Menschen wie er ihr noch in vielen Jahren Fragen stellen. Auch dann noch, wenn sie längst gestorben sein wird.