An Fasnacht steht Konstanz Kopf – und die Narren halten den Politikern den Spiegel vor. Allen wohl und niemand weh, das ist der Leitsatz. Als Krankenpflegerinnen verkleidet, zog am Schmotzigen Dunschtig eine Gruppe humpelnd mit dem Hinweisschild "Pflegenotstand" durch die Gassen. Mario Böhler frotzelte beim Rathaussturm unter viel Applaus Richtung Oberbürgermeister Uli Burchardt: "Erst, wenn das letzte Klopapier, die letzte Flasche Bier, das letzte Stückle Speck, der letzte Bärendreck, der allerletzte Fisch verkauft an einen Schweizer Einkaufstourischt, dann merkt hier jede Frau und jeder Mann, dass man Franken nicht fressen kann!"

Und beim Umzug am Sonntag gaben die Narren der Konstanzer Elefanten im Entenkostüm mit dem Banner "Schlafkasse" zu verstehen: Die Konstanzer Sparkasse zieht aus der Markstätte aus, ein Hotel ein – und die Investoren schwimmen wie Dagobert Duck im Geld. Botschaften an die Politik gehören zur Fasnacht dazu. Soweit, so närrisch. Wie aber gehen die Veranstalter, die Polizei und die Medien mit einer Gruppe um, die einen Fasnachtsumzug missbrauchen, um rechtsnationale Botschaften zu verbreiten und für sich Werbung zu machen?

"Die bunte Republik. Das große Kotzen" stand unter anderem auf dem Banner, mit dem am Sonntag eine freie Gruppe beim großen Fasnachtsumzug an rund 16 000 Zuschauern vorbei lief. Die jungen Männer hatten sich zuvor beim Veranstalter mit Name und Adresse angemeldet – wie andere freie Gruppen auch, die jedes Jahr am Ende des Umzugs mitlaufen dürfen. Ein Mann der rechten Gruppierung lief mit einer Kamera mit. Das Banner hatten sie erst später ausgerollt, für die Veranstalter sei es vorher "nicht ersichtlich gewesen, was die vorhaben", erklärt der Organisator des Umzugs, Axel Zunker.

„Die Teilnehmer waren verkleidet, maskiert und es gab politische Parolen – wo ist der Unterschied zu den anderen Gruppen?"

Die große Bühne, die Unterwanderung von größeren Veranstaltungen, und am Ende gibt es Foto- und Videoaufnahmen von der Aktion, die in den Sozialen Netzwerken verbreitet werden: Das ist die Strategie der Identitären Bewegung. Die Gruppe prahlt derzeit im Internet damit, auf Fasnachtsumzügen, wie zuletzt in Donauwörth, ihre politische Botschaft unter die Narren zu jubeln. Ob die Gruppierung auch hinter der Aktion in Konstanz steckt, ist noch unklar. Auf eine Anfrage reagierte sie bis Montagabend nicht. Aktiv ist die Gruppe auf jeden Fall am Bodensee. Zuletzt erregte sie Aufsehen, als sie die Imperia verhüllte. Ermittlungen gegen die an der sonntäglichen Aktion beteiligten Personen wird es wohl nicht geben. "Es gibt keine strafrechtliche Relevanz", so der Pressesprecher der Polizei Konstanz, Bernd Schmidt.

2012 hatte es schon einmal einen ähnlichen Fall in Konstanz gegeben. Damals schmuggelte sich eine kleine Gruppe schwarz gekleideter Männer im Kapuzenpulli und mit weißen Masken in den Umzug und verteilte Flugblätter mit dem Hinweis auf rechstextreme Internetseiten. Vier Jahre später saßen die mutmaßlichen Organisatoren der Aktion auf der Anklagebank des Amtsgerichts Konstanz – wegen des Verstoßes gegen das Vermummungsverbot. „Die Teilnehmer waren verkleidet, maskiert und es gab politische Parolen – wo ist der Unterschied zu den anderen Gruppen?“, formulierte es damals die Verteidigung und plädierte darauf, die Aktion als Kunst im Sinne der freien Meinungsäußerung und Kunstfreiheit sehen.

Wie politisch darf die Konstanzer Fasnacht sein?

Ist es das? Diese Frage stellt sich nun auch bei der Aktion vergangenen Sonntag. Wie politisch – egal ob rechts, links oder mittig – darf die Konstanzer Fasnacht sein? Wo hört das närrische Frotzeln auf – und wo werden das Brauchtum und die traditionelle Maskierung missbraucht? Eine Frage, die sich gerade auch rechte Gruppierungen, die sich gerne auf die Begriffe "Heimat" und "Tradition" besinnen, stellen sollten.

"Es ärgert uns natürlich, wenn Brauchtum missbraucht wird", sagt Axel Zunker. Gemeinsam mit den Narrenpräsidenten und der Polizei wolle man sich beraten, wie man solche Gruppierungen in Zukunft von vornherein ausschließen kann. Humorvolle, verständliche Spitzen gegen die Politik seien dagegen immer willkommen. "Ich persönlich finde ja die Mottowägen wie die in der Schweiz toll", sagt Zunker. Allen wohl und niemandem weh. Das gilt an Fasnacht auch in politisch turbulenten Zeiten.

In eigener Sache: Warum der SÜDKURIER über den Vorfall berichtet

4500 Hästräger und 16 000 Zuschauer: Der Fasnachtsumzug war ein friedliches und tolles Spektakel, für das die Organisatoren und Helfer jedes Lob verdient haben. Wie groß oder klein berichtet man nun über diese eine kleine Gruppe? Macht man sich durch einen Artikel zum Steigbügelhalter einer fremdenfeindlichen Gruppierung, die nur zu gerne über sich liest? Diese Frage hat sich auch die SÜDKURIER-Lokalredaktion Konstanz gestellt und darüber diskutiert. Das Fazit: Es gehört zum journalistischen Auftrag, einordnend über eine Aktion zu berichten, bei der sich einige Zuschauer sicher gefragt haben: Was soll das? Gehören die dazu? Mediale Aufmerksamkeit bekommen die Gruppen in der Regel ohnehin – und zwar in den sozialen Medien mit ihre eigenen Beiträgen. (sap)