Anthrazitblauer Anzug, weißes Hemd mit offenem Kragen, schwarze Lederschuhe: Als einfacher Gast wäre Otto Wulferding mit dieser Garderobe an der Tür seines Konstanzer Casinos vor einigen Jahren noch abgewiesen worden.

Denn das wichtigste Kleidungsstück trägt der Geschäftsführer der baden-württembergischen Spielbanken an diesem Tag nicht: den Schlips.

Online-Glückspiel macht den staatlichen Spielbanken einen erheblichen Teil des Umsatzes streitig

Doch in den Casinos des Landes geht es bei der Kleiderordnung mittlerweile etwas lockerer zu. Und das hat einen Grund. „Bis in die 90er Jahre hinein waren wir nahezu ohne Konkurrenz in der Branche“, sagt Wulferding. Mit dem Internet veränderte sich das. Das Online-Glückspiel kam auf – und macht den staatlichen Spielbanken seither einen erheblichen Teil des Umsatzes streitig.

Klagen über den eigenen Erfolg kann Otto Wulferding trotzdem nicht. Drei Casinos führt er: Stuttgart, Baden Baden, Konstanz. Und während in Bundesländern wie Bayern mit der zunehmenden Digitalisierung des Glückspiels die roten Zahlen kamen, setzten die drei Spielbanken im Ländle vergangenes Jahr zusammen erstmals über 90 Millionen Euro um.

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Konstanz als einziges der drei Casinos mit einem Minus

Der Konstanzer Anteil ist mit knapp 22 Millionen Euro der geringste im Verbund. Als einziges der drei Casinos verzeichnete es zudem einen Umsatzrückgang – in Höhe von 4,2 Prozent. Geschuldet sei der Rückgang dem Umbau des Parkplatzes und der damit verbundenen Sperrung. Als Garant für das Wachstum an den Standorten in Stuttgart und Baden Baden sieht Wulferding vor allem die gute Konjunkturlage der vergangenen Jahre.

In Konstanz liegt das Casino unmittelbar an der Seestraße, der Flaniermeile der Stadt. Draußen, auf der Terrasse mit Blick auf den See, sitzen die Gäste, reden, essen, trinken. Drinnen, an den Spieltischen, umgeben von Lounge Flair, stehen sie, die einen angespannt, die anderen ausgelassen. Für alle ist es ein ständiger Wechsel zwischen Gewinn und Verlust.

Das Casino Konstanz an der Seestraße. 21,6 Millionen Euro wurden hier 2018 umgesetzt. Der Großteil durch das Automatenspiel, das Suchtberater besonders kritisch sehen. Mit einer neuer Bar und neuer Innenausstattung versucht das staatliche Casino, neue Zielgruppen für sich zu gewinnen.
Das Casino Konstanz an der Seestraße. 21,6 Millionen Euro wurden hier 2018 umgesetzt. Der Großteil durch das Automatenspiel, das Suchtberater besonders kritisch sehen. Mit einer neuer Bar und neuer Innenausstattung versucht das staatliche Casino, neue Zielgruppen für sich zu gewinnen. | Bild: FEZE

Etwa 100 000 Gäste im Jahr, von denen die Hälfte Schweizer sind

„Für einen Nachmittag ist heute einiges los“, erklärt Agron Salihi, Direktor des Konstanzer Casinos. Es ist Feiertag in der Schweiz. Und die zahlungskräftigen Nachbarn tragen seit den Anfängen der Konstanzer Spielbank im Juli 1951 einen erheblichen Teil zum Umsatz bei. „Rund die Hälfte unserer 100 000 Gäste im vergangenen Jahr waren Schweizer“, sagt Salihi.

Noch bis in die 90er Jahre sei dieser Anteil deutlich höher gewesen, „bei 75 bis 80 Prozent“. Doch die Liberalisierung des Glückspiels im Nachbarland sorgte dafür, dass dieser Anteil nach und nach geringer wurde.

Deshalb setzt Geschäftsführer Wulferding auch auf das Luxusressort, das nur wenige Meter nebenan auf dem Büdingen-Areal entstehen soll. „Ein Hotel im Fünf-Sterne-Bereich ist schon sehr interessant für uns“, sagt er.

Automatenspiel macht mittlerweile den größten Anteil am Umsatz aus

Agron Salihi führt durch die Räumlichkeiten seines Casinos. Die, erzählt er stolz, seien zuletzt aufwendig erneuert worden. Ein optischer Spagat zwischen klassisch und modern, um einerseits eine jüngere Zielgruppe in die Spielbank zu locken, andererseits die ältere Stammkundschaft nicht zu verprellen.

Das klassische Glückspiel wie Roulette oder Black Jack macht mittlerweile nur noch etwa 25 Prozent des Umsatzes aus. Das sagen Otto Wulferding, Geschäftsführer der baden-württembergischen Spielbanken (rechts), und Agron Salihi, Direktor des Casino Konstanz.
Das klassische Glückspiel wie Roulette oder Black Jack macht mittlerweile nur noch etwa 25 Prozent des Umsatzes aus. Das sagen Otto Wulferding, Geschäftsführer der baden-württembergischen Spielbanken (rechts), und Agron Salihi, Direktor des Casino Konstanz. | Bild: Reinhardt, Lukas

Dieser Spagat spiegelt sich auch im Glückspielangebot selbst wider. Denn mittlerweile bringen nicht mehr Black Jack, Roulette oder Poker den größten Ertrag in die Spielbanken des Landes Baden-Württemberg, erklärt Otto Wulferding: „Etwa 75 Prozent des Umsatzes erwirtschaften wir heute durch das Automatenspiel.“ Die ebenfalls staatliche Spielhalle Jackpot im Konstanzer Bahnhofsviertel leistet mit ihren 61 Automaten daran ihren entsprechenden Beitrag.

Leiter Selbsthilfegruppe: „Das größte Problem sind eindeutig die Geldspielautomaten“

Genau diese Entwicklung kritisiert Rolf Oser, Leiter einer Selbsthilfegruppe für Spielsüchtige im Landkreis Konstanz: „Das größte Problem sind eindeutig die Geldspielautomaten“, sagt er, „denn die sind häufig sehr leicht zugänglich“. Besonders gefährdend für Suchtanfällige seien dabei private Spielhallen, die im Vergleich zu staatlichen Spielbanken weniger reguliert und kontrolliert werden.

Tatsächlich liegt die Zahl der Automatendaddler unter den Spielsüchtigen nach Angaben mehreren Beratungsstellen aus dem Landkreis bei bis zu 75 Prozent. In Konstanz versucht die Stadtverwaltung auch deshalb, die Zahl dieser privaten Spielhöllen in Zukunft zu reduzieren.

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„Ich habe von Fällen gehört, in denen Spielhallenbetreiber Spielsüchtigen, die sich sperren lassen wollten oder um ein Hausverbot baten, sogar ein Geld zur Überbrückung angeboten haben“, sagt Oser. Noch problematischer aber sehe er die beinahe unkontrollierten Auswüchse des Glückspiels im Internet.

Er spricht von einer Doppelmoral seitens des Staates, der an der Spielsucht mitverdiene, und findet: „Eigentlich sollte Glückspiel verboten oder nur mit Spielerpässen ermöglicht werden.“

Zum Thema Spielsucht

Etwa 250 Sperren pro Jahr im Casino Konstanz

„Im Juli gab es bei uns 20 Sperren“, sagt Agron Salihi, „250 sind es etwa in einem Jahr.“ Geschäftsführer Otto Wulferding sieht sich für solche Fälle gut aufgestellt. „Wir schulen unsere Mitarbeiter, um kritische Situationen besser zu erkennen“, sagt er, „außerdem haben wir Kooperationen mit Suchtberatungsstellen.“

Wer gesperrt sei, für den sei es ein aufwendiges Verfahren, um wieder einen Fuß in ein Casino setzen zu dürfen.