Sie verlängert das Leben, beugt Krankheiten vor und kann sie sogar heilen. Dass Bewegung ein probates Mittel gegen Wohlstandskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden, Rückenschmerzen, Diabetes und Bluthochdruck ist, ist längst bekannt. Nur welche Bewegung am besten ist, ist noch nicht gänzlich erforscht. Konstanzer Wissenschaftler sind vorne mit dabei, mehr darüber herauszufinden. Von den Erkenntnissen soll am Ende jedermann profitieren – vom Astronauten im Weltall bis zum Senior in Konstanz.

Forschungszentrum für jedermann – nicht nur für Sportler

"Zentrum für Trainings- und Bewegungsforschung" heißt ein neues, neuromechanisches Labor an der Universität Konstanz, das neben der Sporthalle in Egg untergbracht ist und rund 1,8 Millionen Euro gekostet hat. Der Konstanzer Sportwissenschaftler Markus Gruber leitet das Zentrum, das landesweit das einzige seiner Art ist. „Mit unserer Forschung möchten wir im Detail nachvollziehen, wie sich Sport und Bewegung auf den Körper und die Gesundheit auswirken. Unser Ziel ist, daraus effiziente Trainingsprogramme zu erstellen, die mit möglichst geringem zeitlichen Aufwand eine optimale Wirkung für die Gesundheit entfalten", so Gruber.

„Bewegungsmangel ist eines der wichtigsten Probleme, die wir in Zukunft lösen müssen.“
Markus Gruber, Sportwissenschaftler

Das Zentrum stehe explizit nicht nur denen offen, die gerne Sport treiben und ihre Leistung optimieren möchten, sagt Gruber. Sondern gerade auch jenen, die wenig oder gar keinen Sport machen.

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Bewegungen werden im Detail erfasst

Unterteilt ist das Zentrum in vier Labore, die unterschiedliche Facetten von Leistung, Bewegung und körperlicher Belastung im Detail analysieren können.

Wie zum Beispiel den Gleichgewichtssinn. In diesem Labor steht gerade Sportstudentin Sandra Wacker auf einer Plattform.

Bild: Universität Konstanz

Lorenz Assländer, Postdoktorant und Dozent, leitet diesen Laborteil. Er kann am Computer die Platte steuern, auf der Sandra Wacker steht und versucht, das Gleichgewicht zu halten.

Video: Pfanner, Sandra

Entwickelt wurde die Plattform von Wissenschaftlern aus der Sportwissenschaft, der Mathematik und der Ingenieurswissenschaft. Eine Stange misst, wie Sandra Wacker versucht, die Störung auszubalancieren und überträgt die Datensätze auf den Bildschirm von Lorenz Assländer.

Video: Pfanner, Sandra

Mit diesen Datensätzen kann Assländer nun beispielsweise herausfinden, wie sich die Gleichgewichtskontrolle bei Kindern entwickelt – oder im Alter abnimmt. Am Ende sollen so unter anderen Gleichgewichtstrainings für Senioren verbessert werden.

Was Astronauten und Bettlägrige gemeinsam haben

Im nächsten Labor denken die Forscher groß. Nicht nur hier in Konstanz sollen die Menschen von den Forschungsergebnissen profitieren. Sondern auch im Weltall. Genauer gesagt: Die Astronauten der ESA, der Europäischen Weltraumorganisation. Denn in Zusammenarbeit mit der ESA haben die Konstanzer Wissenschaftler diese Liege entwickelt, die der Sportwissenschaftler Andreas Kramer (links) und ein Sportstudent demonstrieren.

Bild: Universität Konstanz

Denn Astronauten haben dasselbe Problem wie ältere und bettlägrige Patienten. Längere Aufenthalte im Weltraum haben Auswirkungen auf ihre Muskeln und Knochen, vor allem an den Stellen, die auf der Erde mit der gewohnten Schwerkraft den Großteil der körperlichen Lasten tragen: die Arme und Beine.

Wie ein Körper auf diese Belastung reagiert, haben Kramer und das Forschungsteam im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt getestet mit 23 freiwilligen Probanden. Sie wurden 60 Tage lang einer strikten Bettruhe ausgesetzt, mussten alles im Liegen machen – also wirklich alles.

Kramer und sein Team suchten nach einer Übung, um die Muskel- und Knochenmasse aufrechtzuerhalten und ließen die Hälfte der Probanden auf dem Rücken liegend in bestimmten Trainingseinheiten herumspringen. Mit dem Ergebnis: Herumspringen könnte das Wundermittel für starke Knochen, Muskeln und Herzen sein. „Das Training ist effektiv und effizient: es kann überall auf der Erde ohne jegliches Hilfsmittel und in einer sehr kurzen Zeit ausgeführt werden“, sagt Andreas Kramer – relevant ist das beispielsweise für Menschen mit einem erhöhten Osteoporose-Risiko.

Angelique Kerber und der Turnverein Konstanz

Aber auch Breiten- und Leistungssportler können von dem neuen Konstanzer Zentrum und den Studien profitieren. In einem größeren Laborraum sind 12 Kameras installiert, die den kompletten Körper und seine Bewegung und die Muskelaktivität genau erfassen und aufzeichnen können.

Wenn Sportstudentin Maria Venegas also nach oben springt...

Video: Pfanner, Sandra

...sieht das auf dem Bildschirm der Wissenschaftler so aus:

Video: Pfanner, Sandra

Theoretisch, erklärt Zentrums-Leiter Markus Gruber, könne man hier jede Sportart simulieren. Golfen, Tennis, Fußball, Turnen. So könnten etwa Spitzensportler wie Angelique Kerber ihre Technik verbessern – genauso wie die Sportler des TV Konstanz, die sich das Zentrum in Egg bereits angeschaut haben, oder die Handballer der HSG.

Zugang zum Zentrum über Studien und Kooperationen

Einfach vorbeikommen geht allerdings nicht. Die Studien, ihre wissenschaftlichen Hintergründe sowie Teilnahmemöglichkeiten gibt die Uni jeweils rechtzeitig öffentlich bekannt. "Wir sind zudem offen für Kooperationen mit Sportvereinen und -verbänden sowie mit Klinken", ergänzt Gruber.

Für Kliniken könnte auch dieser Laborteil interessant sein, in dem der Postdoktorant Giboin Louis-Solal mit neurowissenschaftlichen Methoden die Stimulation bestimmter Gehirn-Regionen analysiert. Stimuliert er etwa bestimmte Nervenzellen im Gehirn, muss der Proband automatisch den Arm heben.

Bild: Universität Konstanz

Im vierten und letzten Labor des neuen Zentrums beschäftigt sich Doktorant Raphael Bertschinger mit der Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers. Wer auf einem Ergometer radelt – wie hier Student Marek Sülzle – bewegt dabei mehr als 1/7 der gesamten Muskelmasse.

Bild: Universität Konstanz

Das ideale Ganzkörpertraining also, um mehr über das Herz-Kreislauf-System und die Atmung herauszufinden. Auch in diesen Studien liegt der Fokus auf dem Thema Sport im Alter.

Für den scheidenen Uni-Rektor Ulrich Rüdiger war die Eröffnung des Zentrums noch einmal ein Höhepunkt:

„Die Sportwissenschaft in Konstanz hat einen Generationenwechsel erfahren und ist dabei, sich neu zu orientieren. Professoren wie Markus Gruber arbeiten naturwissenschaftlich und interdisziplinär, er setzt einen Fokus auf Neuromechanik. Für die Universität war schon früh klar, dass wir einen entsprechenden Raum schaffen müssen, um diese Forschung in Konstanz voranzutreiben. Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden.“
Ulrich Rüdiger, Uni-Rektor

Mit einem Lächeln ergänzt er: "Vorher wäre ich nicht gegangen".