Andreas Hoffmann spricht von einer luxuriösen Situation, Dagmar Schmieder von quantitativ und qualitativ sehr gutem Angebot: Bei der Gesundheitsversorgung gibt es in Konstanz, Allensbach und Reichenau kaum Lücken, das Netz aus niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern ist ein dichtes. Geht es nach den Verantwortlichen in den Kliniken, wollen sie es noch enger flechten – zum Wohl der Bürger und Patienten.

Die Herausforderungen für die Spitäler waren und sind groß, die Stadt und der Landkreis haben durchaus turbulente Zeiten hinter sich. Kliniken haben fusioniert, um sich wirtschaftlich zu fangen und in kommunaler Hand zu bleiben. Heute, drei Jahre nach der Fusion mit dem Singener HBK-Verbund, steht das Konstanzer Klinikum gut da, es "schreibt schwarze Zahlen im sechsstelligen Bereich", sagt Geschäftsführer Rainer Ott. Was vor dem Zusammenschluss nicht möglich war, ist Geschichte. In den knapp 100 Millionen Euro teuren Neubau am Klinikum fließt heute selbst erwirtschafteter Überschuss. Der Funktionstrakt, voraussichtlich bezugsfertig ab dem Jahr 2018, "wird nochmal einen Schub geben", ist der Ärztliche Direktor, Marcus Schuchmann, überzeugt. An der Luisenstraße wird ein Gesundheitscampus entstehen, nachdem das orthopädische Krankenhaus Vincentius aus der Stadt in den Neubau eingezogen sein wird.

Die Fusion hat eine technische Modernisierung und strukturelle Veränderung nach sich gezogen. Das Zeitalter der medizinischen Spezialisierungen ist eingeläutet. Ein Beispiel dafür ist Schuchmann selbst. Er kam als einer von zwei neuen Chefärzten für die Innere Medizin und gilt als Experte für Lebererkrankungen. Sein Innere-Kollege Hans-Joachim Kabitz hat die Lunge als Spezialgebiet. Nach dem Motto "Stillstand ist Rückschritt" blicken Schuchmann und Ott bereits an morgen. Der demografische Wandel bedinge ein Umdenken, sagt der Klinikgeschäftsführer. Weil die Menschen immer älter würden, müsse der Gesundheitsverbund den eingeschlagenen Weg im Aufbau einer Altersmedizin konsequent weitergehen. Dabei spiele die ambulante Nachsorge eine große Rolle. Wegen des Vergütungssystems nach Fallpauschalen hätten Pflegekräfte immer weniger Zeit für Patienten, so Schuchmann, es gebe immer kürzere Liegezeiten, so Ott. Nicht immer seien Patienten dann in der Lage, sich zu Hause selbst zu versorgen. "Da wird sich der Gesetzgeber etwas einfallen lassen müssen", sagt Ott. Eine ambulante Nachbetreuung durch das Krankenhaus in Kooperation etwa mit Hausärzten wäre eine Lösung. Solange es strikte Sektorengrenzen gebe, solange Kliniken gesetzlich auf die stationäre Versorgung begrenzt seien, bleibt diese Idee Rainer Otts Vision.

Überdurchschnittliche Versorgung

Dagmar Schmieders Vision war, eine Präventionsklinik in Konstanz zu errichten. Vor wenigen Jahren legte die Geschäftsführende Gesellschafterin der Kliniken Schmieder ihre Pläne nach einer politischen Auseinandersetzung auf Eis. Stattdessen investierte sie mehr als 15 Millionen Euro in den Ausbau des Standorts Allensbach. Die fachliche Kompetenz ihrer Ärzte ist weit über die Kreis- und Landesgrenzen hinaus gefragt. Die Nachfrage nach stationärer, aber auch ambulanter Versorgung ist groß.

Wartezeiten bei niedergelassenen Medizinern, vor allem Zahnärzte, beobachtet Andreas Hoffmann. Der Geschäftsführer der Caritas Konstanz ist profunder Kenner der hiesigen Gesundheitsversorgung, er sitzt im Aufsichtsrat des Gesundheitsverbunds Landkreis Konstanz. Warum gerade bei Zahnärzten? Sie profitieren von Schweizer Kundschaft. Dennoch: Im Vergleich zu anderen Regionen sei der Landkreis und vor allem Konstanz bei der klinischen wie ambulanten Versorgung überdurchschnittlich gut aufgestellt. Hierbei gibt es gerade bei Haus- und niedergelassenen Fachärzten eine leichte Überversorgung, festgelegt von der Kassenärztlichen Vereinigung. Sie berechnet nach einem Schlüssel, wie viele Ärzte sich wo niederlassen dürfen. Da relativiert sich der leichte Überhang durch die Mitversorgung Schweizer Patienten.

Andreas Hoffmann schlägt in dieselbe Kerbe wie Rainer Ott: Die Altersmedizin müsse sich wie auch die ambulante Hospizversorgung entwickeln, "da braucht es Veränderung und Ausbau". Das Reichenauer Zentrum für Psychiatrie (ZfP) hat reagiert. 16,4 Millionen Euro investierte es in den Neubau einer Alterspsychiatrie. Mit dem Altersmedizinischen Zentrum im Radolfzeller Krankenhaus sei eine Spezialstation für Gerontopsychiatrie geplant. Zudem würde nach Sanierungen im Lindenbühl die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie mit den Akutstationen, der Ambulanz und tagesklinischen Plätzen erweitert. Sukzessiv werde am Klinikum Konstanz die Psychosomatische Medizin und Psychiatrie erweitert, heißt es aus dem ZfP auf Anfrage.

Kooperationen unter den Kliniken sind ohnehin weitere Bausteine in der optimalen Versorgung der Patienten. Das Herzzentrum spielt hierbei für das Klinikum eine wichtige Rolle. 2,5 Millionen Euro hat es in den vergangenen Jahren in die medizinische Ausstattung sowie in die Infrastruktur investiert, und es nimmt auch am deutschen Standort weiterhin viel Geld in die Hand – etwa für eine noch frühzeitigere Diagnostik von Herzerkrankungen. Im Radius von mehr als 100 Kilometern ist es die einzige Klinik, die Herzpatienten eine umfassende Versorgung von Kardiologie und Herzchirurgie bietet. Was Dagmar Schmieders Aussage stützt, wenn sie sagt: Bei der Gesundheitsversorgung in Konstanz und Umgebung "fehlt es an nichts" – einzig an Fachpersonal, das die Aussicht auf besseres Gehalt in die Schweiz zieht.

Die Kliniken und Niedergelassene

  • Klinikum Konstanz: Es hat 14 Fach- und zwei Belegabteilungen. Im Jahr 2013 ist es mit dem HBK-Verbund aus Singen eine Fusion eingegangen und im Gesundheitsverbund Landkreis Konstanz eingeflossen. Das Klinikum behandelt jährlich weit mehr als 15¦000 Patienten. Am Klinikum gibt es ein Facharztzentrum mit niedergelassenen Ärzten sowie mit einem Medizinischen Versorgungszentrum, in den in einer Klinikum-Gesellschaft angestellte Ärzte arbeiten. Das Zentrum soll Synergien mit dem Klinikum bringen.
  • Vincentius: Es gehört ebenfalls zum noch jungen Gesundheitsverbund und ist ein orthopädisches Fachkrankenhaus. Die Ärzte und das Pflegepersonal behandeln jährlich rund 1500 Patienten. Derzeit hat es seinen Standort an der Unteren Laube in Konstanz, es zieht in zwei Jahren in einen Neubau am Konstanzer Klinikum.
  • Kliniken Schmieder: Das private neurologische Fach- und Rehabilitationskrankenhaus hat seinen Hauptsitz in Allensbach und weitere Kliniken in Konstanz, Gailingen, Gerlingen, Stuttgart, Heidelberg. Sie betreuen jährlich mehr als 13¦000 Patienten.
  • Herzzentrum Konstanz: Das private Herzzentrum an der Konstanzer Luisenstraße gibt es seit 2002. In Konstanz werden jährlich etwa 6000, in der Kreuzlinger Schwesterklinik etwa 7000 Patienten behandelt. In Münsterlingen soll ein etwa 50 Millionen Euro teurer Neubau entstehen, der das Kreuzlinger Haus ersetzen soll. Es läuft allerdings noch ein Beschwerdeverfahren eines Anwohners.
  • Reichenauer Zentrum für Psychiatrie: Es behandelt 4000 Patienten jährlich und hat sein Angebot in den vergangenen Jahren stets erweitert. Am Klinikum Konstanz ist ein qualifizierter Alkoholentzug eingerichtet worden, im Frühjahr hat eine Substitutionspraxis zum Drogenentzug in Tuttlingen eröffnet und ein Sozialpsychiatrischer Dienst in Stockach. Im Oktober wird eine Sucht-Tagesklinik in Bad Säckingen beginnen, die Uni Konstanz (Fakultät Psychologie) begleitet eine Ersterkrankungsstation.
  • Niedergelassene: Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg legt nach einem Schlüssel die Kassenarztsitze für eine Region fest. Beispiel: Pro 1671 Bewohner ein Hausarzt. Drei Mal im Jahr tagt der Zulassungsausschuss und überprüft, ob dieser Bedarf ausreicht. (phz)