Schlachterszene. Sabrina Strehl und Kolja Heiß stehen einander gegenüber. Sie zerfleischen sich. Mit Worten. Mit Wortgewalt. Es geht um Beziehung, um die Aufarbeitung der Vergangenheit, um Reflexion, um die Zukunft, um die Gefühlswelt im Innersten. Es geht um Lyrik, um Sprache, um von den zwei Schauspielern dargestellte Poesie. Barbara Marie Hofmann wagt sich erstmals an ein Theaterstück und hat sich hierfür gleich das verworrenste Themen ausgesucht: die Liebe, das Lieben, das eben zur Schlacht werden kann.

Eben diese Szene bezeichnet Barbara Marie Hofmann als Schlachterszene. Die 29-Jährige sitzt auf einem Barhocker im Kulturzentrum K9 und beobachtet die zwei Schauspieler. Sie verfolgt, wie diese ihr Werk für die Premiere am Donnerstag, 8. März, proben, angeleitet von Regisseur Yannick Zürcher. Auch für ihn, gelernter Schauspieler und einst am Stadttheater, eine der ersten Regisseurarbeiten. Und sogleich eine, die ihn vor eine große Herausforderung stellte. Ein starker Text Hoffmanns als Vorlage für das Stück, sagt Zürcher am Rande der Probe, "jede Silbe bedeutet etwas". Wortgewalt trifft es als Beschreibung, zumindest bezogen auf die präsentierte Schlachterszene. Schauspielerin Strehl fühlte sich bei der ersten Lektüre des Texts "überfordert und angzogen zugleich"; von vielen anfangs verwirrdenden emotionalen Sprüngen, die schlussendlich allerdings Sinn ergeben hätten, spricht ihr Kollege Heiß.

Was sich auf den ersten Blick als große Herausforderung zeigt, löst sich im Laufe der Proben als gut überwindbar auf. Trotz der Dichte des Texts habe sich dieser gut auf die Bühne bringen lassen. Weil er eben so konkret und relevant sei, sagt Zürcher, "nah an der Erlebniswelt dran". An Gefühlswelten. Zwischen Mann und Frau, die in enger Beziehung zueinander stehen. Barbara Marie Hofmann geht der Frage nach, wie Menschen mit schlechten Erfahrungen umgehen; wie funktioniert eine Beziehung, die auf Aggression und Fehlverhalten aufgebaut ist?; wie geht ein Paar mit Einflüssen von außen um, ist es fähig, Negatives nicht weiterzugeben?; und schlussendlich: Wer unterdrückt wen? In der Schlachterszene hat vermeintlich er die Macht. Zu Beginn, denn im Laufe des Dialogs nimmt sie das Heft in die Hand, sie drängt ihn in die Ecke, indem sie eigentlich nur widerspiegelt, was andere Personen über ihn sagen, wie er sie behandle. Wer sind sie und er? Mann und Frau, Mutter und Sohn, Freunde, Geschwister? Am wahrscheinlichsten, sagt die Autorin, sind es Bruder und Schwester. Die Betonung liegt auf "am wahrscheinlichsten". Der Zuschauer soll sich sein eigenes Bild machen, er soll sich zum Nachdenken angeregt fühlen. Vielleicht handelt es sich in "I never meant to heart you, babe/anticrescendo" auch um nur eine Person mit zwei Persönlichkeiten?

Für das Theaterstück hat sie auf Beobachtungen zurückgegriffen, die sie textlich in fiktionale Geschichten umgesetzt hat. Fiktion trifft auf Realität, wenn Kolja Heiß und Sabrina Strehl auf der Bühne das Paar geben, das rennt und rennt, und den Ausweg aus dem Hamsterrad nicht findet. Sie setze auf eine klangliche Sprache, eine Sprache für das Hören, mit viel Rhythmus. Hofmann ist Lyrikerin. Im Jahr 2015 strömten zu einer Debütlesung sogleich 120 Zuhörer. Beim Scheiben sollte es nicht bleiben. Nach einem Workshop am Theater brachte Barbara Marie Hofmann ihr Werk erst textlich zu Papier. Als Folge hatte sie "Lust darauf, die Personen kennezulernen, über die ich da schreibe". In Yannick Zürcher fand sie einen Regisseur, der ihre Bilder im Kopf von den Szenen sehr gut umsetze. Er war es auch, der die zwei Schauspieler als Idealbesetzung vorgeschlagen hat. Um ihr Projekt zu finanzieren, kann Barbara Marie Hofmann in erster Linie auf den Kulturfonds der Stadt Konstanz, auf Zuschüsse der Stadt Kreuzlingen und des Vereins Kultursee zurückgreifen. Abseits des Theaters arbeitet Hofmann als Multimediaredakteurin an der Universität Konstanz, sie erstellt Ausstellungstexte für den Kunstraum in Kreuzlingen, wird als Laudatorin gebucht. An der Uni hatte sie ihr Studium in Literatur, Kunst und Medien mit dem Master abgeschlossen.

Vor der Premiere ist ihr nicht bange. Sie gehe unvoreingenommen ran, hoffe aber, "dass die Zuschauer "berührt werden vom Klang der Sprache". Von Lyrik und Wortgewalt, von Menschlichem und Zwischenmenschlichem und irgendwie auch von der Erkenntis, dass nur mit sich ins Reine kommen kann, wer sich öffnet und tief in sein Innerstes blickt. Weil für den Sprung aus dem Hamsterrad der Kampf gegen den anderen nicht ausreicht, zuvor steht ein Kampf mit sich selbst.

 

Termine

Premiere für das Stück "I never meant to heart you, babe/anticrescendo" ist am Donnerstag, 8. März, um 20 Uhr im Kulturzentrum K9. Weitere Vorstellungen sind am Freitag, 9. März, und Montag, 12. März, jeweils um 20 Uhr. Tickets gibt es für zwölf Euro, ermößigt zehn Euro, im Café Exxtra, bei der Buchhandlung Homburger und Hepp, bei Buchkultur Opitz und im K9 sowie an der Abendkasse. Aufführungen im Annexe Kunstraum Kreuzlingen (Bodanstraße 7a) sind am 22. und 23. März um jeweils 20 Uhr. Karten hierfür gibt es an der Abendkasse. Barbara Marie Hofmann strebt mit ihrem Stück Gastspiele an, eventuell in Tuttlingen und Berlin.

Das Werk im Internet: www.http://www.anticrescendo.com