Marco Haselbeck ist ein großer Sportfan. Seit Jahren schon verfolgt der junge Mann die Spiele seines Basketballidols Dirk Nowitzki aus der Ferne, und wenn es irgendwie geht, ist er ganz nah dabei, wenn sein Bruder im Fußballdress auf dem Sportplatz steht. Ansonsten ist der Hegauer viel mit seinen Freunden unterwegs.

Marco Haselbeck ist ein typischer 28-Jähriger. Freundlich, gut gelaunt. Wäre da nicht dieser kleine Unterschied zu seinen Altersgenossen: Marco Haselbeck sitzt sein Leben lang schon im Rollstuhl. Haselbeck kam mit einer Fehlbildung am Rückenmark zur Welt, die als Spina bifida bezeichnet wird.

„Ich hatte bei der Geburt eine offene Stelle am Rücken, an der Rückenmark und Nerven nicht richtig zusammengewachsen sind“
Marco Haselbeck

Seine Eltern wussten bereits während der Schwangerschaft, dass ihr erster Sohn wohl querschnittsgelähmt sein würde, „eine Abtreibung oder so was war aber nie ein Thema“, sagt Marco Haselbeck. Die Familie ging die Sache vielmehr pragmatisch an, wie so vieles. Im neu bezogenen Haus in Schlatt unter Krähen wurde das Erdgeschoss eben ganz einfach rollstuhltauglich umgebaut.

Vom Bauchnabel abwärts spürt Marco Haselbeck nichts. Im Gegensatz zu Menschen, die etwa wegen eines Unfalls erst spät auf den Rollstuhl angewiesen sind, sieht er es selbst als Vorteil an, „dass ich von Geburt an so bin. Ich kenne es nicht anders.“

Marco Haselbeck im Garten seiner Familie in Schlatt unter Krähen.
Marco Haselbeck im Garten seiner Familie in Schlatt unter Krähen. | Bild: Feiertag, Ingo

Seine Jugend verläuft fast genauso wie die seiner Freunde, nur eben im Kindergarten auf allen Vieren und anschließend auf vier Rädern. Haselbeck besucht die Ekkehard-Realschule in Gottmadingen und macht eine Ausbildung zum Bürokaufmann. Trotzdem ist sein Leben ein fragileres als das der anderen.

„Es war schon nicht immer einfach“, räumt Marco Haselbeck ein, „ich war regelmäßig bei irgendwelchen Ärzten, und es gab lange Zeit nicht ein Jahr, in dem ich nicht im Krankenhaus war.“ Durch die einseitige Fehlbelastung leidet er als Teenager an einer schiefen Wirbelsäule.

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Irgendwann ist es so schlimm, dass Haselbeck sich 2001 dazu entschließt, sie in zwei Operationen versteifen zu lassen. Ein hohes Risiko. „Das hätte lebensgefährlich werden können“, erinnert er sich an die schwere Zeit. Es geht jedoch alles gut – und „seitdem habe ich zwei Stäbe, links und rechts, im Rücken und in so gut wie jedem Wirbel zwei Schrauben.“

Er erzählt diese Dinge, an denen manch ein anderer zerbrechen würde, als wären sie das Normalste der Welt. „Ich bin damit aufgewachsen und habe Wege und Mittel gefunden, mir selber zu helfen“, sagt Marco Haselbeck.

Marco Haselbecks Motto: „Du musst kämpfen, es wird dir nichts geschenkt.“

Am Ende der Grundschule und während der ersten Jahre auf der Realschule wird er von manchen Mitschülern gehänselt, weil er anders ist als sie. Zu Beginn hört er weg, dann geht er selbst in die Offensive. Durch die Wirbelsäulen-OP hat sein Körper irgendwann aufgehört zu wachsen, doch an jeder weiteren Hürde, die ihm das Schicksal in den Weg stellt, wächst der Mann im Rollstuhl mental weiter. „Du musst kämpfen, es wird dir nichts geschenkt“, lautet sein Motto.

Manchmal gerät allerdings auch der größte Kampfgeist an seine Grenzen. So wie im Jahr 2014. Marco Haselbeck ist 23 Jahre alt und hadert mit dem Schicksal, das ihm das Leben immer wieder so schwer macht. So viel schwerer als das der anderen. „Größtenteils nehme ich es hin, damals hatte ich aber eine Phase, in der ich extrem viel darüber nachgedacht habe“, sagt er.

Zuerst hilft die Familie ihm, jetzt hilft er selbst

Er zieht sich zurück, verfällt in eine Depression und lässt sich in einer Klinik helfen. „Neben den Ärzten hat mit in dieser Zeit meine Familie geholfen, meine Geschwister und meine Eltern“, erinnert er sich an die dunklen Stunden, die längst vergangen sind.

Heute hilft er selbst anderen. „Ich finde mich gerade bei der Caritas rein, in eine sogenannte Zweite-Hilfe-Gruppe, in der eingeschränkte Leute Besuche bei einsamen Menschen im Krankenhaus machen und sie bei ihren Besorgungen unterstützen“, erklärt er.

Marco Haselbeck bei seinem Lieblingshobby, dem Rollstuhl-Basketball.
Marco Haselbeck bei seinem Lieblingshobby, dem Rollstuhl-Basketball. | Bild: Peter Pisa

Und wenn doch mal wieder Wolken aufzuziehen drohen, gibt es immer noch den Sport. In früheren Jahren spielte er Hockey, inzwischen ist der Hegauer regelmäßig in einer Konstanzer Rollstuhlbasketball-Mannschaft aktiv, ansonsten verbringt Haselbeck viel Freizeit auf seinem Handbike im Hegau. Obwohl er gerade auf Jobsuche ist, wird ihm selten langweilig.

„Ich habe einen sehr guten Freundeskreis, der mich immer mitschleppt, im wahrsten Sinn“, sagt er, „wenn wir vor einer Treppe stehen, ist einer vorne, einer hinten. Zack, bin ich oben. So schnell kann ich gar nicht schauen.“

Mit den Jungs, „bin ich für jeden Scheiß zu haben“, sagt der 28-Jährige und lacht voller Lebensfreude. Auch wenn sie ihn noch nie tragen konnten, Marco Haselbeck steht mit seinen beiden zarten Beinen fest im Leben.