Kreis Konstanz Wie ein Niederbürgler dazu beitrug, dass Deutschland 1974 Weltmeister wurde

Guido Frick spricht im Interview über seine Jahre als Sportjournalist und warum er seine Heimatstadt Konstanz gegen keine andere tauschen würde - es ihm aber trotzdem "zu voll" in der Stadt ist.

Herr Frick, die Holländer munkeln noch heute, dass Sie ihnen 1974 den Weltmeistertitel wegnahmen.

Ich hatte mit Sicherheit Einfluss auf das Finale zwischen Gastgeber Deutschland und den Niederlanden, das 2:1 für Deutschland endete.

Wie das?

Damals war ich Sportjournalist für die "Stuttgarter Nachrichten" und hatte mir im streng bewachten Mannschaftshotel der Holländer ein Zimmer genommen. Das ging ganz einfach: Ich gab mich nicht als Journalist aus, sondern als Spätzlevertreter aus Stuttgart (lacht). So kam ich dem holländischen Fußballstar Johan Cruyff, der aus meiner Sicht bislang der beste WM-Spieler gewesen war, wenige Tage vor dem Finale sehr nah. Wir saßen gemeinsam an der Hotelbar, Cruyff rauchte mir meine Zigaretten weg. Ein paar Frauen waren auch dabei, und nachts landeten wir dann alle nackt im Pool. Am nächsten Tag wollte ich die Geschichte eigentlich nicht schreiben, ich hatte ein schlechtes Gewissen. Aber meinem Chef war klar, dass ich das nicht verheimlichen konnte.

Was geschah dann?

Kurze Zeit nach meinem Artikel stiegen die Boulevardmedien darauf ein, und der holländische Trainer Rinus Michels zwang seinen besten Mann, seine Frau Danny anzulügen und alles zu leugnen. Die reiste an und sprach von Scheidung. Johan Cruyff war völlig durch den Wind und spielte im Endspiel sehr schlecht. Auch die holländische Mannschaft trat sehr verunsichert auf. So wurde Deutschland Weltmeister.

Sind Sie stolz darauf?

Das war schon meine bedeutendste Geschichte als Sportjournalist. Aber stolz bin ich trotzdem nicht. Viele Jahre lang befragten mich deutsche und niederländische Fernsehteams immer wieder dazu. Ich wollte aber nicht, dass das Cruyff bis an sein Lebensende verfolgt, und ließ ihm ein gemaltes Bild von mir schenken. Ob er es jemals erhalten hat, weiß ich nicht. Er wollte nie mit mir sprechen.

Sind Sie in der Hoffnung auf solche Geschichten Journalist geworden oder was reizte Sie an diesem Beruf?

Ein Antrieb ist mein Gerechtigkeitssinn. Außerdem wollte ich mich ausdrücken können. Ich brauche eine Plattform, denn ich bin ein meinungsfreudiger Mensch. Unter anderem habe ich viele Jahre lang journalistisch mit dem damaligen Konstanzer Baubürgermeister über Verkehrsprobleme gestritten, das war damals schon ein großes Thema.

Warum wandten Sie sich nach 30 Jahren ab vom Journalismus?

Auslöser war ein schwerer Autounfall 1974. Ich saß betrunken am Steuer und knallte mit 120 Sachen ausgerechnet in die Straßenlaterne vor dem Schaufenster von Alemannia Bestattungen (grinst). Ich lag zehn Tage lang auf der Intensivstation, alles mögliche war gebrochen. Nach dem Unfall wollte ich nicht zurück nach Stuttgart, sondern dachte daran, dass es beim SÜDKURIER klappen könnte. Dort wurde ich dann für kurze Zeit Konstanzer Lokalchef. Parallel suchte ich Kontakt zum Konstanzer Professor und Maler Karel Hodr aus Tschechien, da ich schon länger gemalt hatte. Doch ich wusste, dass ich noch nicht mit der Malerei auf eigenen Beinen stehen konnte. Ab 1983 lernte ich beim berühmten Maler Sergei Bongart in den USA, der leider zwei Jahre später starb. Eine Woche vor seinem Tod riet er mir, den Journalismus aufzugeben und komplett als Künstler zu leben.

Die Berufe scheinen gegensätzlich. Oder finden Sie Parallelen?

Ja, einige! Im Journalismus und in der Malerei muss man sehr genau beobachten, Dinge anschaulich darstellen. Die Bilder fließen genauso aus mir heraus wie damals die Buchstaben auf der Schreibmaschine. Einziger Unterschied: Stress habe ich mit der Malerei keinen, während ich heute mausetot wäre, wenn ich länger als Redakteur gearbeitet hätte. Damals habe ich 60 Zigaretten am Tag geraucht und zwei Liter Kaffee getrunken.

Warum gingen Sie ausgerechnet in die USA? Gibt es keine spannenderen Länder als West-Amerika, das Europa so ähnlich ist?

Die Menschen dort sind mir egal, sie sind so oberflächlich, schlecht gebildet und politisch unterbelichtet. Aber ich liebe einfach die westamerikanischen Landschaften, und auch die Indianer faszinieren mich sehr. Ich mag die Abgeschiedenheit und gehe heute auf keine Fasnacht und kein Weinfest mehr. Dafür male ich täglich. Ich gebe Malworkshops und bin in vielen Künstlermagazinen vertreten. Das hat aber Jahre gedauert. Anfangs wollte ich den Pinsel öfter mal in den Bodensee werfen.

Warum leben Sie heute zur Hälfte in Amerika und zur Hälfte im Thurgau?

In Konstanz ist es mir zu voll, hier sehe ich auch zu viel Neid und Missgunst, zum Beispiel in der Geschäftswelt. Wer als Verkäufer einen Kleiderständer zu weit weg von der Hauswand stellt, wird gleich vom Nachbarn angezeigt. Trotzdem würde ich meine Heimatstadt gegen keine andere eintauschen, Konstanz ist meine Tankstelle. Aber nach zwei bis drei Monaten wird es mir hier zu langweilig und ich werde kribbelig. Dann ist es Zeit, wieder nach Amerika zu fliegen.

Fragen: Kirsten Schlüter

Zur Person

Guido Frick, 70 Jahre, wurde wenige Meter vom Schnetztor entfernt geboren, wuchs in der Niederburg auf und besuchte das Humboldt-Gymnasium. Er machte ein Zeitungsvolontariat bei der Schwäbischen Zeitung, arbeitete als Sportredakteur für die "Stuttgarter Nachrichten", wurde Konstanzer SÜDKURIER-Lokalchef und Chefredakteur seines eigenen Anzeigenblatts "Rundschau". 1994 eröffnete er seine Galerie Seemotiv, die er 2017 schloss. (kis)

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