Wenn die Kinder des Konstanzer Waldorfkindergartens eine Pause brauchen, legen sie sich in die Betten, die in jedem Raum anders aussehen. Und wenn Kindergartenleiterin Annette Schünemann-Küttenbaum Gäste empfängt, sitzen diese an einem dunklen Holztisch, hinter ihr steht ein altes Schränkchen.

Die Möbel hier sind gemütlich, individuell – und kostenlos bis sehr günstig. „Wir gehen auf den Wertstoffhof und holen Sperrmüll, außerdem polstere ich alte Stühle neu“, sagt die Kindergartenleiterin. Warum? Not macht erfinderisch: „Wir als kleiner Träger eines Kindergartens haben keine Möglichkeit, Rücklagen zu bilden. Daher sind wir auch guter Kunde beim Gebrauchtwarenkaufhaus Fairkauf der Caritas“, so Schünemann-Küttenbaum.

„Wir als kleiner Träger haben keine Möglichkeit, Rücklagen zu bilden.“ Annette Schünemann-Küttenbaum, Leiterin Waldorfkindergarten
„Wir als kleiner Träger haben keine Möglichkeit, Rücklagen zu bilden.“ Annette Schünemann-Küttenbaum, Leiterin Waldorfkindergarten | Bild: Kirsten Astor

Einerseits findet sie das gar nicht schlimm: „Als Waldorfkindergarten wollen wir gar keine Möbel von der Stange.“ Aber andererseits wünscht sie sich mehr finanziellen Spielraum: „Es wäre schön, sich mal etwas Neues kaufen zu können. Wir hätten so gern einen Schäfer- oder Bauwagen für draußen, denn unsere Räume sind alle doppelt belegt.“ Ein neuer Bauwagen liegt preislich aber in unerreichbarer Weite.

Diese finanziellen Sorgen plagen auch andere freie Träger von Konstanzer Kindertageseinrichtungen. Während die Stadt Konstanz für ihre Kitas die Beiträge noch nie erhöht hat, müssen kirchliche und sonstige Anbieter immer mal wieder die Preise anheben, um überleben zu können. So sagt Achim Weise, Leiter des von der evangelischen Kirchengemeinde Wollmatingen getragenen Albert-Schweitzer-Kinderhauses: „Die Betriebskosten steigen, die Zuschüsse der Stadt Konstanz und der Landeskirche aber nicht. So sind die Elternbeiträge unsere einzige Stellschraube. Uns wäre es auch lieb, die Eltern nicht noch mehr zu belasten, aber das geht nicht.“

Gebühren zwischen Trägern gehen auseinander

Deshalb erhöhte seine Einrichtung die Beiträge innerhalb von zwei Jahren zweimal moderat, zuletzt um drei Prozent. Doch unbegrenzt gehe es so nicht weiter: „Da die städtischen Einrichtungen günstiger sind, können auch wir nicht viel erhöhen, weil die Schere zwischen den Trägern immer weiter auseinandergeht.“ Hier liegt aus seiner Sicht auch eine der Schwierigkeiten: „Die Stadt Konstanz erhebt für ihre Kitas Beiträge, die weit unter der Empfehlung des Städtetags Baden-Württemberg liegen.“

Dies bestätigt Alfred Kaufmann, Leiter des Konstanzer Sozial- und Jugendamts. Er sieht durchaus mit Sorge, wie die Kluft bei den Elternbeiträgen zwischen den Anbietern immer größer wird und wollte dies ändern. Sein Vorschlag war, die Kosten für Eltern bei den städtischen Einrichtungen zu erhöhen, um sie an die der freien Träger anzunähern. Doch der Gemeinderat lehnte eine Erhöhung ab. Nun muss ein neues Modell her, denn das bisherige „ist nicht mehr für alle Träger auskömmlich“, wie Alfred Kaufmann formuliert. Die Träger teilten ihm dies in einem gemeinsamen Brief mit und treffen sich in einer Arbeitsgruppe, um Alternativen zu erarbeiten.

„Mein Ziel ist es, dass wir die Qualität der Betreuung hoch halten.“ Alfred Kaufmann, Leiter des Konstanzer Sozial- und Jugendamts
„Mein Ziel ist es, dass wir die Qualität der Betreuung hoch halten.“ Alfred Kaufmann, Leiter des Konstanzer Sozial- und Jugendamts | Bild: Kirsten Astor

So könnten Stadt und Träger sich künftig Kosten teilen:

Nach dem aktuellen Modell bezahlt die Stadt allen Trägern 96 Prozent der Personalkosten; die Sachkosten finanzieren die Träger selbst. Das hatte laut Alfred Kaufmann mehrere Vorteile: Es wurden alle gleich bezuschusst, weil der Personalstock in der Betriebserlaubnis festgelegt ist. Außerdem gab das Modell Planungssicherheit.

Doch es hat Grenzen, weil die Sachkosten ständig steigen. Kaufmann nennt Brandschutz, Legionellenüberprüfung und Stromkosten als Beispiele. „Kleine Träger spüren einen hohen Druck, bei diesen Kosten zu sparen oder kreativ zu werden, um Einnahmen zu generieren“, sagt der Amtsleiter. Zweiter Nachteil der Bezuschussung von Personalkosten: „Wir hatten noch nie systematisch für jede Einrichtung die Sachkosten und die Elternbeiträge erhoben und können bis heute nicht wirklich sagen, welcher Träger wie viel drauflegt“, so Kaufmann.

Das Ziel ist es nun, dass alle Träger und die Stadt gemeinsam ein neues Modell erarbeiten, das bis zum Doppelhaushalt 2021/22 auf den Weg gebracht werden soll. Es trägt den schönen Namen Abmangelausgleichmodell und soll so funktionieren: Anstatt der Bezuschussung der Personalkosten durch die Stadt sollen die Betriebskosten (also Personal- plus Sachkosten) als Bezugsgröße gelten. Die jeweiligen Einnahmen werden gegengerechnet, übrig bleibt ein Defizit. Stadt und Träger klären, wer künftig welchen Anteil des Defizits übernimmt. Am Ende entscheidet die Politik, ob die Elternbeiträge bei den freien Trägern erhöht werden oder nicht. Bei den städtischen Einrichtungen ändern sich die Kosten für die Eltern erst mal nicht.

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Ein gerechtes System für alle Träger:

Was auch immer bei den Gesprächen herauskommt: „Mein Ziel ist es, dass wir die Qualität der Betreuung hochhalten und erneut zu einem gerechten Modell für alle Träger kommen“, so Kaufmann. Das wünschen sich auch die Eltern. Sarah Seidel und Heike Kempe sagen im Namen des Vorstands des Gesamtelternbeirats (GEB) für Konstanzer Kitas: „Uns ist es ein Anliegen, dass die Schere nicht weiter auseinandergeht und ein Gebührenmodell vorangebracht wird, das von den Familien als angemessen und gerecht empfunden wird.“ Auch Irmhilde Spitzhüttl von der Caritas hält ein Abmangelausgleichmodell für interessant. Sie nennt noch ein weiteres Problem für Träger: „Die Preise, die die Einrichtungen für ein geliefertes Essen zahlen, erhöhen sich immer wieder. Der Betrag, den die Eltern beisteuern, deckt die Kosten hierfür nicht mehr.“

„Uns ist es ein Anliegen, dass die Schere nicht weiter auseinandergeht.“ Sarah Seidel, Mitglied des Vorstands, Gesamtelternbeirat Kita
„Uns ist es ein Anliegen, dass die Schere nicht weiter auseinandergeht.“ Sarah Seidel, Mitglied des Vorstands, Gesamtelternbeirat Kita | Bild: Oliver Hanser

Bis eine Lösung für alle gefunden ist, bleibt Annette Schünemann-Küttenbaum kreativ und sichtet auch Anzeigen für gebrauchte Schäfer- oder Bauwagen. „Irgendwann werden wir hier einen haben, da bin ich sicher“, sagt sie zuversichtlich.