Unser Leben ist bestimmt von Gewohnheiten und Plänen, ob wir das wollen oder nicht. Manche erleichtern den Alltag, andere sind uns lästig. Dinge einfach mal spontan anders zu machen, ohne Plan – das gelingt uns selten, weil wir es irgendwie auch nicht wollen. Dabei gibt uns doch gerade die Improvisation die Chance, die Dinge entspannter zu sehen – sagt die Konstanzerin Caroline Schneider.

"Improtheater zu spielen heißt Leben zu üben"

Die 29-Jährige ist Schauspielerin am Improtheater Konstanz und steht damit regelmäßig vor Publikum auf der Bühne, ohne zu wissen, was passieren wird. Es gibt kein Drehbuch, keine Souffleuse, keine vorgefertigten Dialoge. Nur die Spontaneität, beispielsweise aus Stichworten eine Geschichte zu stricken. „Auf einer leeren Bühne ohne Plan zu stehen, erschien mir am Anfang absurd“, erinnert sich Schneider. „Aber eben diese Offenheit ermöglicht es, die vielen Möglichkeiten zu entdecken, die sich nicht planen lassen.“ Improtheater zu spielen sei für sie, Leben zu üben. „Und das begeistert mich so sehr daran“, sagt Schneider und lächelt.

Denn Improtheater, das heißt auch: scheitern üben. Ohne Skript in der Hand geht schließlich ziemlich sicher einiges schief. „Fehler gehören nun mal zu unserer Lebensrealität dazu. Die Frage ist doch: Wie gehen wir damit um?“, sagt Schneider. Auf der Bühne könne man üben, „mit einer gewissen Gelassenheit und neugierig statt ängstlich dem zu begegnen, was wir nicht vorhersehen können“.

Das betreffe nicht nur den Alltag – sondern auch Momente im Leben, die einschneidend sind. Für Caroline Schneider war ein solcher Moment vor einigen Jahren, nach der Trennung von ihrem Partner. „Ich war unfassbar traurig, hatte damals aber eine tolle Trainerin in einem Improtheater-Workshop. Irgendwann bin ich morgens aufgewacht und konnte mich wieder spüren. Die eine Tür schließt sich, eine andere geht auf.“

Leidenschaft wird zum Beruf

Inzwischen ist Caroline Schneider selbst freiberufliche Improvisations-Trainerin und gibt das, was sie gelernt hat, weiter. Geplant war auch das nicht in ihrem Leben, obwohl sie schon als Achtjährige auf der Theaterbühne stand und später Literaturwissenschaft studierte. Bis sie durch Zufall in die Improtheater-Szene reinrutscht.

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Sie wird Teil der Konstanzer Improgruppe TmbH, besucht Workshops und Festivals in Deutschland, reist mit einer Gruppe von sechs anderen jungen europäischen Improspielern für ein halbes Jahr nach Kanada, gründet mit ebendiesen Freunden anschließend das Europäische Impro-Ensemble Ohana. "Ja, und dann stellte ich eines Tages verwundert bis beglückt fest, dass ich meine große Leidenschaft zum Beruf gemacht hatte", sagt sie und lächelt wieder. Das Literaturwissenschaftsstudium hat sie inzwischen gegen Psychologie eingetauscht, weil das auch besser zu ihrer Arbeit als Trainerin passe.

Meditation für sich entdeckt

In ihren Workshops verbindet Caroline Schneider das Improvisationstraining mit einer Lehre, die sie selbst seit Jahren übt: buddhistische Achtsamkeitspraxis. "Als 17-Jährige war ich mal sehr genervt von mir selbst und meinen Gedanken. Ich wollte meinen Kopf am liebsten für eine Woche in einem Schrank verstauen und Urlaub von ihm machen", erinnert sich Schneider. In der Stadtbücherei entdeckte sie ein Buch über Meditation und tauchte tiefer in diese Welt ein, machte Workshops und Seminare in ganz Europa. Bei einem der Kurse lernte sie ihren heutigen Ehemann kennen.

Gerade im Automatismus des Alltags sei man nicht bei dem, was gerade passiert. "Meist denken wir schon einen Schritt weiter, wenn wir etwas tun". Wir stehen unter der Dusche und kochen in Gedanken Kaffee. Und beim Kaffee denken wir daran, dass wir gleich losmüssen. Durch die Improvisations-Übungen und Meditationen habe sie gelernt, aufmerksam zu sein für den Moment und seine Möglichkeiten: Kein Plan ist eben auch eine Lösung.