Konstanz Wie Gemeinschaft das Älterwerden erleichtert

Riesiger Andrang beim Jahresempfang der Bürgervereinigung Allmannsdorf-Staad: In dem Stadtteil von Konstanz gibt es schon lange sehr lebendige Nachbarschaften. Weiter so, rief der renommierte Forscher Andreas Kruse den rund 200 Gästen zu.

Für Karl Steffek war dieser Nachmittag Ansporn und Bestätigung zugleich. Eben hat Andreas Kruse seinen Vortrag beendet, im Gemeindehaus der evangelischen Allmannsdorfer Kreuzgemeinde drängen sich 200 Gäste an den Tischen und stehend bis in den Vorraum. Der international renommierte Forscher, Professor an der Universität Heidelberg, hatte über das Älterwerden gesprochen, über die Gefahr des Einsamwerdens und die Möglichkeiten eines Gemeinwesens, dem entgegenzuwirken. Karl Steffek ist einer der vielen Allmannsdorfer, die schon jetzt so handeln, wie es sich Andreas Kruse wünscht und wie er es als langjähriger Vorsitzender der Altenberichtskommission der Bundesregierung immer wieder vorgeschlagen und eingefordert hat.

Karl Steffek ist 75, ein junger Alter, wie man so sagt. Verwitwet, aber voll eingebunden. Woche für Woche kümmert er sich um ein an Demenz erkranktes Paar aus seinem Quartier. Die Aufforderung auf den gelben Stofftaschen, die die Besucher beim Neujahrsempfang der Bürgervereinigung Allmannsdorf-Staad (BAS) als Geschenk mitbekommen, sie hat bei ihm längst gewirkt. „Lebendige Nachbarschaft“, steht auf den Beuteln. Auch Dorothee Schmidt, die Vorsitzende des Stadtseniorenrats und Staaderin, sieht in dem Vortrag beides – die Bestärkung, dass im Stadtteil schon einiges gut läuft, und der Appell, Nachbarschaft zu leben. „Junge Alte helfen alten Alten“, sagt sie. Denn wenn sich Familien auflösen oder in alle Winde zerstreuen, brauchen Senioren andere, neue Angebote. Das ist eine der wesentlichen Erkenntnisse aus diesem Neujahrsempfang. Und wie das konkret aussieht, wird zum Ende deutlich. Schmidt fragt, ob jemand von den Gästen in der Dämmerung Begleitung für den Heimweg wünscht. Bedarf meldet niemand an, aber das Signal ist klar: Hier kümmert man sich umeinander.

Das ist ganz im Sinne des Altersforschers, Psychologen und Autors Andreas Kruse, der bei der BAS übrigens ohne jedes Honorar sprach: Verantwortung füreinander lasse sich nicht delegieren, so einer seiner Thesen; erst wenn die Gemeinschaft es nicht mehr schafft, dann soll der Staat eingreifen.

Volker Steinijans, auch er ein engagierter Staader, hat den Vortrag als ein „Plädoyer für das Engagement in der Gemeinschaft“ empfunden. Einsamkeit, bedingt durch Krankheit oder die nicht nur räumlich entfernten Verwandten, sei das größte Problem beim Älterwerden. An zweiter Stelle folge das Bedürfnis, Teil einer Gemeinschaft zu sein, so Steinijans in seiner Rückschau auf den Vortrag. Wer keinen substantiellen Gedankenaustausch mehr habe, drohe seine Selbstständigkeit verlieren und an Depressionen zu erkranken. Und so, fasst Steinijans zusammen, bezeichnen die Gerontologen die Einsamkeit auch als den „Krebs der Seele“. Dass es auch anders geht, dass an Demenz Erkrankte eben nicht auf ihren „Inseln des Selbst“ gefangen sein müssen, zeigte nicht nur Kruses Vortrag.

Gerade diejenigen in der BAS, die sich im Arbeitskreis „Lebendige Nachbarschaft“ engagieren, fühlten sich an diesem Sonntagnachmittag bestätigt und gewertschätzt. BAS-Vorsitzender Sven Martin berichtete vom großen Erfolg des regelmäßig angebotenen Mittagstischs im Pfarrsaal St. Georg. Nicht nur, weil es dort etwas Gutes zu essen gibt, ist er seit zwei Jahren so beliebt, sondern mehr noch, weil man sich dort begegnen kann. 60 Teilnehmer und mehr werden alle zwei Wochen am Mittagstisch gestärkt. Nicht nur denen, die all das ehrenamtlich ermöglichen, wird am Sonntagnachmittag im Gemeindesaal das „Lob aus berufenem Munde“, über das sich Volker Steinijans so freute, gut getan haben.


Die Bürgervereinigung

Die Bürgervereinigung Allmannsdorf-Staad ist eine sehr aktive Gemeinschaft von Menschen, die sich für ihren Stadtteil sowie das angrenzende Egg und das Zusammenleben dort einsetzen. Die BAS wurde 1978 gegründet und hat rund 350 Mitglieder. Vorsitzender ist Sven Martin, Ehrenpräsident Alexander Gebauer. Die BAS begleitet intensiv den Meinungsbildungsprozess in der Stadt, zuletzt etwa bei der Frage, welche Art von Seniorenpflegeeinrichtung an der Jungerhalde gebaut werden soll.

Die ausführliche Webseite der BAS:

www.bas-konstanz.de

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