Alles begann mit einem Leserbrief. Als der Allensbacher Heilpraktiker Wighard Strehlow erfuhr, dass die Bagger beim Abriss des Vincentius-Krankenhauses auch die bunten Glasfenster des expressionistischen Künstlers Emil Wachter zerstört hatten, schrieb er dem SÜDKURIER folgende Zeilen: „Dieser Akt von Zerstörungswut und Vandalismus tut richtig weh! Die wertvollen Kirchenfenster von Emil Wachter, der ja selbst ursprünglich Priester werden wollte, sind ein Blick in die Herrlichkeit Gottes. Jede Kirche schätzt sich glücklich über die Kunstwerke dieses bedeutenden deutschen Expressionisten. [...] Offensichtlich ist für die Schönheit seiner Kunstschätze kein Platz mehr in Konstanz.“ Strehlow stellte die Frage: Wer gab eigentlich den Befehl zum Abriss der bunten Fenster?

Die Suche beginnt

Der SÜDKURIER begab sich auf Spurensuche. Zunächst beim Erzbischöflichen Bauamt Konstanz. Dessen Leiterin Bettina Sutter-Peters hatte sich vor dem Abriss des Krankenhauses zwar in der Kapelle umgeschaut. Doch sie sagt: „Da wir nicht der Eigentümer des Gebäudes waren, zu dem die Fenster gehörten, waren wir auch nicht zuständig für die Frage, ob sie erhalten bleiben oder nicht. Hier hätte die Untere Denkmalschutzbehörde reagieren müssen.“

Überreste der Wachterfenster aus der Vincentius-Kapelle.
Überreste der Wachterfenster aus der Vincentius-Kapelle. | Bild: Markus Ringwald

Fehlanzeige, kein Befehl zum Abriss. Nun also die Nachfrage beim städtischen Denkmalpfleger Frank Mienhardt. Für ihn ist die Angelegenheit klar: „Gegenstand der Denkmalpflege waren die Wachter-Fenster nicht. Die Frage nach der Denkmaleigenschaft des Krankenhauses einschließlich Kapelle wurde im Vorfeld (noch vor dem Wettbewerbsverfahren 2015) geklärt – mit negativem Ergebnis. Die Krankenhauskapelle war geprüft kein Kulturdenkmal.“ Aus Mienhardts Sicht gehören die Fenster eben nicht zur Gebäudehülle, sondern seien Teil der künstlerischen Ausstattung, wenn auch wandgebunden. „Wir müssen Sie an die kirchlichen Ämter verweisen, die hier zuständig sind“, so Mienhardt.

Wer gab den Abrissbefehl?

Wieder kein Erfolg auf der Suche nach dem Abriss-Befehlsgeber. Die nächste Anfrage ging an die Katholische Gesamtkirchengemeinde. Deren stellvertretender Vorsitzender Joachim Filleböck führte die Schnitzeljagd noch weiter: „Die Kapelle im Vincentius-Krankenhaus war kein Eigentum der Katholischen Gesamtkirchengemeinde, sondern der Vincentius AG, die das gesamte Gelände an die LBBW verkauft hat“, so Filleböck.

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Folglich war nun Rainer Ott gefragt, Geschäftsführer des Gesundheitsverbunds Landkreis Konstanz, zu dem inzwischen auch das Vincentius-Krankenhaus gehört. Ott beschäftigte sich laut eigener Aussage gar nicht mit den Fenstern. „Deshalb habe ich auch nie eine Zusage gemacht, sie zu erhalten“, sagt er. Durch den Verkauf an die LBBW Immobilien seien auch die eingebauten Fenster in den Besitz der Bank übergegangen. „Die hatten dafür wohl keine Verwendung oder es war ihnen zu teuer, sie auszubauen“, vermutet Rainer Ott. Von der LBBW, deren Immobilienunternehmen 126 Wohnungen an der Laube errichtet, war noch keine Stellungnahme zu erhalten.

Hinter vorgehaltener Hand ist allerdings zu hören, diese Fenster seien eventuell nicht von großem künstlerischen Wert gewesen. In einer Fotodokumentation der Kapellenausstattung klingt das anders. Dort heißt es in einer Bemerkung zu den Fenstern: „Glasbild aus reinen Buntgläsern ohne Bemalung. Handwerklich sehr anspruchsvoll hergestellt.“

Eine persönliche Beziehung zum Künstler

Wighard Strehlow kann es nicht fassen. „Es ist typisch, dass sich die Beteiligten nun gegenseitig die Verantwortung für die Zerstörung der Fenster zuschieben. Diese Schmach will niemand über sich ergehen lassen“, schimpft der Arzt. Der Allensbacher hat selbst eine ganz besondere Verbindung zu Emil Wachter: Dieser war von 1994 bis zu seinem Tod 2012 Strehlows Patient, er lebte auf der Höri.

Wighard Strehlow an Wachterfenstern. Sie zeigen unter anderem die Dreieinigkeit mit Gott Vater, Sohn und heiligem Geist.
Wighard Strehlow an Wachterfenstern. Sie zeigen unter anderem die Dreieinigkeit mit Gott Vater, Sohn und heiligem Geist. | Bild: Stadt Konstanz

„Da ich selbst gern male und Expressionismus genau mein Ding ist, habe ich ihn gefragt, ob er mir auch Fenster in meine Kapelle einbaut“, erzählt der Arzt. Und tatsächlich, der Künstler sagte zu. So zieren seit 1995 sechs bunte Fenster das kleine Allensbacher Gebäude, heute Strehlows Atelier. Auf der einen Seite stellte Wachter drei Gebete dar, auf der anderen Seite die Dreifaltigkeit mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist.

Dass die Vincentius-Fenster nun für immer verloren sind, kommentiert Wighard Strehlow so: „Man kann nur den Kopf schütteln über so viel Banausentum. Die Fenster waren wertvoll, für die Stadt Konstanz ist dies ein echter Verlust.“

Das geschah mit der Orgel und der Kapellenausstattung

  • Die Ausstattung: Das Erzbischöfliche Bauamt Konstanz und die Katholische Gesamtkirchengemeinde retteten die Orgel und die Ausstattung der Vincentius-Kapelle. Nach einer Ortsbegehung sagte die Kirchengemeinde zu, die Bronzekunstwerke von Klaus Ringwald (1939-2011), also Altar, Kreuz, Tabernakel, Leuchter und Kreuzweg, auf eigene Kosten auszubauen und einzulagern. Diese Kunstgegenstände sollen in eine neu zu errichtende Kapelle am Pflegeheim Zoffingen (Klostergasse) integriert werden. Diese Kapelle erhält auch einen öffentlichen Zugang. Die Orgel gehörte den Schwestern des Klosters Hegne. Da diese keine Verwendung für das Instrument hatten, kontaktierte Joachim Filleböck von der Gesamtkirchengemeinde den Orgelinspektor Georg Koch aus Mühlhausen. Er ließ seine Kontakte spielen, die Orgel ging für 3000 Euro an die katholische Kirchengemeinde in Laa an der Thaya in Österreich. „Ein Abbruch hätte 5000 Euro gekostet“, sagt Joachim Filleböck. Der Verkauf war ein Glücksfall: „Orgeln sind schwer vermittelbare Kinder“, sagt Georg Koch dem SÜDKURIER und verdeutlicht: „Die aus der Vincentius-Kapelle war sehr hoch und hatte keine Rückwand. So etwas muss woanders genau hineinpassen.“ Die Konstanzer Orgel stammt aus den 1970er-Jahren.
  • Der Künstler: Emil Wachter (1921-2012) war ein Schüler von Erich Heckel (Künstlergruppe „Brücke“) und am Bodensee nicht unbekannt. Seine Fenster in der Vincentius-Kapelle stammten von 1975 und zeigten die Motive „Christus der Weinstock“, „Rebzweige und Früchte“, „Rebzweige und Feuer“ sowie „Leben und Blühen“. Weitere Spuren in Konstanz hinterließ Wachter im Konradihaus (1960, Fenster) sowie in der katholischen Kirche St. Gallus (1971, Betonrelief).