Konstanz Werner Fleig und Katrin Knorpp: „Helfen verschafft Befriedigung“

Auf einen Kaffee mit Werner Fleig und Katrin Knorpp, die im Ignaz über den Malteser Social Day und ihr Ehrenamt sprechen.

Herr Fleig, Sie engagieren sich beim Malteser Social Day am 27. September. Was genau passiert an dem Tag?
 
Fleig: Firmen engagieren sich an diesem Tag, der bundesweit stattfindet, in einer sozialen Einrichtung. Mitarbeiterteams können zum Beispiel in einem Kindergarten einen Flur streichen, ein Gartenhäuschen renovieren oder in ein Seniorenheim gehen und mit den Bewohnern einen Ausflug machen. Sie könnten aber auch einen  Computerkurs für eine Sonderschule anbieten, je nach Bedarf. Die Idee dahinter ist, dass einerseits soziale Einrichtungen Unterstützung erhalten und dass auf der anderen Seite auch die helfenden Firmen profitieren. Die Malteser organisieren den Tag und führen Helfer und Einrichtungen sinnvoll zusammen.
 
Sie sind letztes Jahr in die Organisation eingestiegen, als die Malteser nach Hilfe gerufen haben. Warum haben Sie sich dazu entschieden?
 
Fleig: Ich finde die Idee des Social Day genial, weil er einfach allen hilft. Er nutzt den Firmen, weil die Mitarbeiter interdisziplinär etwas abseits der regulären Arbeit tun. Manche Leute arbeiten seit 20 Jahren zusammen und haben privat nichts miteinander zu tun. So leisten sie gemeinschaftlich etwas, das den Zusammenhalt fördert. Und sie verspüren Zufriedenheit, weil sie sich für eine soziale Sache engagieren. Das schweißt zusammen. Den sozialen Einrichtungen tut der Social Day gut, weil es dort in der Regel immer irgendwo fehlt und wir ihnen ein bisschen helfen können. Das ist eine runde Sache und ich wollte dabei sein.
 
Welche Atmosphäre haben Sie im vergangenen Jahr vor Ort erlebt?
 
Fleig: Es war wunderbar. Ich komme aus einem technischen Beruf und hatte bisher mit sozialen Einrichtungen relativ wenig zu tun. Ich war erstaunt, wie anders die Denke der Menschen in einer sozialen Einrichtung oder einer Schule ist als in einem Industriebetrieb, aus dem ich komme. Ich habe schon bei der Vorbereitung gemerkt, dass beide Seiten, also Helfer und Einrichtungen, manchmal verschiedene Vorstellungen von demselben Projekt hatten. Da konnten wir als Organisatoren  etwas unterstützen. Es war toll, alle waren mit vollem Engagement dabei. Am Tag selbst war es einfach schön, das Miteinander zu erleben. Die Firmenmitarbeiter wie auch die Angestellten oder Kinder aus den sozialen Einrichtungen haben zusammen gewerkelt und waren richtig glücklich, das hat man gemerkt. Der Tag endete zum Teil mit einem Grillfest am Abend, das war schön. Es war ein befriedigendes Gefühl für alle.
 
Ist alles fertig geworden?
 
Fleig: Alle Projekte sind super fertig geworden, manche sogar zu früh. Ich versuche immer, alle Stationen abzufahren. In Mühlhausen-Ehingen hat eine Gruppe einen 100 Meter langen Zaun gebaut. Als ich mittags um drei Uhr ankam, waren sie schon fertig. Das war fantastisch. Das geht oft nur, wenn auch die passenden Geräte da sind. Letztes Jahr hat zum Beispiel ein kleines Baggerunternehmen uns den ganzen Tag lang kostenlos einen Bagger zur Verfügung gestellt. Bei einem anderen Projekt hat ein Team schon zwei Tage vorweg gearbeitet, weil sie gesehen haben, dass das an einem Tag nicht zu schaffen ist. Es ist schon super, was die Firmen leisten.
 
Frau Knorpp, Ihre Anwaltskanzlei ist zum ersten Mal dabei. Warum wollen Sie anderen helfen?
 
Knorpp: Wir von Kues und Partner spenden jedes Jahr zu Weihnachten Geld an soziale Einrichtungen. Darunter waren schon das Pestalozzi-Kinderdorf in Wahlwies, der integrative Kindergarten Arche und das Projekt Skipsy der AWO Singen, das Kinder psychisch kranker Eltern unterstützt. Dieses Jahr sind wir auf diesen Social Day gekommen und fanden es eine schöne Idee, mal etwas vor Ort umzusetzen und zu bewegen. Die Resonanz im Kollegenkreis war überraschend groß. Ich habe den Social Day vorgeschlagen und hatte am Anfang die Befürchtung, dass die Anwaltskollegen, die ja jeden Tag imAnzug ins Büro gehen, sagen: ‚Das ist nicht ganz so mein Ding.’ Aber altersübergreifend fanden junge sowie ältere Kollegen die Idee spontan super. Obwohl wir ein relativ kleines Unternehmen sind, haben wir es geschafft, eine Gruppe auf die Beine zu stellen, die ein Projekt stemmen kann. Vom Chef bis zum Referendar sind wir vertreten.
 
Dann kann es passieren, dass der Azubi mal etwas besser weiß als der Chef.
 
Klar, das kann durchaus sein. Ich mag nicht ausschließen, dass sich viele  wesentlich besser handwerklich anstellen werden als ich (lacht). Ich verspreche mir von dem Tag deshalb ein noch besseres Kennenlernen. Die Hierarchien sind gerade in einer Kanzlei doch vorhanden, das darf man nicht wegdiskutieren. Und es ist ein Unterschied, ob man zusammen einen Betriebsausflug macht oder ob man auf einer Ebene dieselbe Arbeit verrichtet.
 
Warum sehen Sie sich als Anwaltskanzlei in der sozialen Verantwortung?
 
Knorpp: Wir Anwälte engagieren uns größtenteils auch privat sozial. Ich selbst empfinde keine Befriedigung dabei, alles für mich zu behalten. Freude ist das Einzige, das sich vermehrt, wenn man es teilt. Und wir sehen es eben noch lieber, wenn wir am Ende eines Social Day Tages etwas geschaffen haben als dass wir relativ anonym einen Geldbetrag spenden.
 
Auf welche Art von Projekt hätten Sie Lust?
 
Knorpp: Wir würden gerne etwas mit Kindern machen. Wir haben unser soziales Engagement in den vergangenen Jahren immer auf Projekte wie Kindergärten und sonstige soziale Einrichtungen fokussiert, die Kinder unterstützen. Es wäre erstrebenswert, in diesem Bereich wieder zu helfen.
 
Welche Begabungen Ihrer Mitarbeiter können Sie dabei nutzen?
 
Knorpp: Ich bin zuversichtlich, dass sich alle Kollegen und Mitarbeiter, die sich zur Unterstützung bereit erklärt haben, handwerklich ausreichend begabt sind. Manche haben zwar schon geäußert, dass sie handwerklich nicht so viel praktische Erfahrung haben, dass man ihnen aber durchaus einen Pinsel in die Hand drücken könnte. Wir sind überzeugt, dass wir unter Anleitung alle zusammen etwas Gutes hinbekommen.
 
Manche Unternehmen stellen die teilnehmenden Mitarbeiter einen Tag lang frei und andere verlangen, dass sie einen Tag Urlaub nehmen. Wie manchen Sie das?  
 
Knorpp: Wir stellen alle Mitarbeiter, die mitmachen wollen, für den Tag frei. Das sehen wir als Gebot der Fairness an.
Fleig: Ich verstehe aber auch größere Unternehmen, die ihren Mitarbeitern dafür keinen freien Tag schenken. Erstens haben wir Malteser ein organisatorisches Problem, wenn sich 500 freiwillige Helfer melden und zweitens könnte die Firma einen Tag lang dicht machen, wenn sich alle beim Social Day engagieren. Deshalb finde ich es auch super, wenn jemand bereit ist, dafür einen Tag Urlaub zu spenden.
 
Die Suche nach Projekten läuft oft schleppend. Warum sagen so wenige soziale Einrichtungen, dass sie Hilfe brauchen?
 
Fleig: Ich bin kein Spezialist für soziale Einrichtungen, aber ich glaube, sie kämpfen mit anderen Problemen. Insbesondere kleinere soziale Einrichtungen sind vielleicht  organisatorisch nicht so aufgestellt, dass sie sich um solche Dinge kümmern könnten. Sie haben mit ihrem Alltagsgeschäft so viel zu tun, dass sie nicht die Chancen wahrnehmen, die sie mit dem Social Day haben. Denn wenn man sie persönlich anspricht, sind sie sofort hellauf begeistert und sagen: ,Ja, da habe ich noch eine Idee.’ Die Zurückhaltung liegt sicher nicht darin begründet, dass die Einrichtungen keine Hilfe bräuchten.
 
In anderen Fällen läuft die Koordination fast schon von alleine.
 
Fleig: Genau. Das Tierschutzheim meldet sich seit Jahren immer mit einer Idee für ein Projekt. Seitdem wir im ersten Jahr eine Helfergruppe von Siemens dorthin vermittelt haben, organisieren die beiden Seiten sich auch in den Folgejahren quasi selbst. Das ist auch der Wunschgedanke, dass die Firmen und die sozialen Einrichtungen Kontakt zueinander aufbauen.
 
Wie viel Vorarbeit kommt auf die sozialen Einrichtungen zu?
 
Fleig: Eigentlich brauchen sie nicht viel zu tun. Sie müssen natürlich schauen, dass das nötige Material da ist und sie sollten dafür sorgen, dass die Helfer fachkundige Unterstützung haben. Und natürlich sollten die helfenden Teams mit Essen und Trinken versorgt werden. Der Aufwand ist relativ gering. Wir unterstützen auch gerne, wenn es darum geht, dass ein Unternehmen noch Farbe oder ein Gerät zur Verfügung stellen soll.
 
Ehrenamtliches Engagement wird immer wichtiger, auch angesichts der alternden Bevölkerung. Aber die Bereitschaft, anderen zu helfen, sinkt. Machen Sie sich manchmal Gedanken, wie es mit der Gesellschaft weitergehen soll?
 
Knorpp: Das ist ein wichtiges Thema. Wenn ich auf meine berufliche Laufbahn zurückschaue, merke ich schon, dass sich die Anforderungen in relativ kurzer Zeit extrem gesteigert haben. Die Schlagzahl wird immer höher. Man sieht es ja schon an der verkürzten Schulzeit durch das achtjährige Gymnasium. Dadurch bleibt weniger Zeit für soziales Engagement. Und die Akzeptanz in der Gesellschaft ist, glaube ich, auch nicht mehr so groß. Viele fragen sich inzwischen, was für sie dabei herausspringt, wenn sie sich für andere einsetzen. Das ist schade. Ich hoffe, dass der Social Day nochmals einen Anstoß gibt und die Menschen merken, dass ehrenamtliches Engagement einen persönlich weiterbringt, auch wenn kein unmittelbarer finanzieller Vorteil für den Einzelnen herauskommt.
 
Fleig: Dem kann ich nur zustimmen, aber vielleicht setzt sich auch der Gedanke durch, dass jeder irgendwann mal froh ist, wenn er Hilfe bekommt. Ich meine, es sind   viele Menschen bereit, etwas zu tun. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, dass Oberbürgermeister Uli Burchardt sein Versprechen einhält und die zentrale Stelle in Konstanz besetzt, die bürgerschaftliches Engagement koordiniert. Dann kann für jeden der passende Einsatz gefunden werden. Es kann nicht jeder mit alten Menschen, es kann auch nicht jeder mit Kindern. Also nochmal der Aufruf: Leute, engagiert euch ehrenamtlich, das bringt euch selbst unheimlich viel. Die Zufriedenheit ist eine andere als man sie vielleicht beruflich hat.
 

Zu den Personen
 
Katrin Knorpp, 38 Jahre, wurde in Ostfildern geboren. Nach dem Abitur in Stuttgart studierte sie Jura in Konstanz und promovierte in Münster. Seit 2001 arbeitet sie als Rechtsanwältin mit dem Schwerpunkt Arbeitsrecht, seit 2009 ist sie Partnerin der Kanzlei Kues und Partner. In ihrer Freizeit taucht und reist sie gern und macht mit ihrem Lebensgefährten und Hund Kolja eine Jagdhundeausbildung.

Werner Fleig, 53 Jahre, stammt aus Villingen, studierte in Konstanz Elektrotechnik sowie Informationswissenschaft. 24 Jahre lang war er bei AEG/Siemens angestellt. Fleig spielt gern Squash, reist und liest. Er ist verheiratet und hat einen Sohn.

Soziale Einrichtungen oder Firmen, die am Social Day teilnehmen wollen, melden sich bis Freitag, 28. Juni, bei Silvia Baumann: Tel. 07531/810482 oder per E-Mail an silvia.baumann@malteser.org. Der SÜDKURIER ist Medienpartner des Social Day. Im Internet: www.socialday-bodensee.de
 


 
 

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