Konstanz Werkrealschule weg, Lehrer gehen: Wie geht es an der Geschwister-Scholl-Schule weiter?

Wie geht es an der Geschwister-Scholl-Schule nach dem Aus für die Werkrealschule weiter? Im Interview spricht Schulleiter Thomas Adam über neue Ideen und sein Verhältnis zur Stadt.

Herr Adam, neues Jahr, neues Glück? Ende 2017 brachte ja für Sie nicht so gute Nachrichten mit dem Aus der Werkrealschule.

Veränderungen bieten auch neue Chancen. Dennoch habe ich mit unserem Werkrealschulleiter Dirk Tinner nicht umsonst um den Erhalt dieser Schulart gekämpft. Sie gehörte bisher zum Profil der Schule dazu. In der Gesamtlehrerkonferenz stimmten die Lehrer mit einer bemerkenswerten Geschlossenheit von 92 zu 8 Stimmen für den Erhalt der Dreisäuligkeit. Ich bin immer noch der Meinung, dass die Kollegen der WRS, wenn ich es mit meinen biblischen Kategorien benenne, wie ein Sauerteig hier an der GSS wirken. Zum Zweiten haben sich die Internationalen Vorbereitungsklassen (VKL) hier gut etabliert. Es war schon schade, dass die Stadt als Schulträger beschlossen hat, alle Werkrealschüler an die Berchenschule zu verlagern. Wir werden trotzdem einen Weg finden, weiterzumachen.

Wie könnte dieser Weg aussehen?

Dadurch, dass das Kultusministerium auch unseren Modellversuch Orientierungsstufe aufgelöst hat, bei der die Klassen 5 und 6 von Werkreal- und Realschule gemeinsam unterrichtet wurden, gibt es ohnehin eine Änderung. Das hat aber vor allem organisatorische Auswirkungen wie die Reduktion von Abteilungsleitern. Für die Schüler wird von dieser Änderung wenig zu spüren sein. So besteht auch keine Notwendigkeit, neue Konzepte im engeren Sinn auszuarbeiten. Diese sind eindeutig vom Ministerium formuliert. Ich würde eher vom pädagogischen Profil unserer Schule sprechen, das nun in Zusammenarbeit mit dem Schulträger geschärft werden soll. Einen kleinen Baustein haben wir schon implementiert: Wir wollen die kulturelle Bildung in unserem Haus stärken.

Bedauern Sie das Ende der Orientierungsstufe?

Sie kam in der Vergangenheit leider unter die Räder und wurde nicht so profiliert gelebt, wie es möglich gewesen wäre. Ich hätte es für ein gutes Konzept gehalten, sie wieder aufleben zu lassen, hatte aber keine Unterstützer in der Stadt und im Ministerium. Wenn man mich nun nach einem neuen Konzept für die gesamte Scholl-Schule fragt, ist es so, wie wenn man zu einem großen Autobauer sagt: Die Zukunft liegt in der E-Mobilität und ihr bräuchtet ein neues Konzept, doch wir streichen euch die Forschungsabteilung. Mit dieser Situation müssen wir umgehen, aber in einem Jahr wird man vom Aus der WRS nichts mehr merken. Es schmerzt allerdings, dass wir einige bewährte Lehrer werden gehen lassen müssen.

Woran liegt es aus Ihrer Sicht, dass Eltern ihre Kinder in den vergangenen Jahren nicht mehr an der Scholl-WRS angemeldet haben und Ihnen somit die nötigen Schülerzahlen fehlten?

Das Bildungskonsumentenverhalten in Konstanz ist nicht auf einen oder zwei Faktoren zurückzuführen. Es gab Managementfehler bei meinen Vorgängern, aber auch aufseiten des Schulträgers. Mitunter wurde übereifrig versucht, hier eine Gemeinschaftsschule zu errichten. Aber das geht nicht, wenn man in die Gesamtlehrerkonferenz hineinstolpert und denkt: Jetzt stimme ich ab und gehe als Gewinner raus. Veränderungsprozesse gelingen nur, wenn Vertrauen da ist zu Konzepten und zu Personen. Ein weiterer Grund für das Schulwahlverhalten der Eltern ist das Gebäude. Die GSS war nie so viel in den Medien wie in den vergangenen zwei Jahren, weniger mit ihrer pädagogischen Qualität, aber meist mit Bildern von undichten Stellen und Schmuddelecken. Hier muss die Stadt ihrer Verpflichtung nachkommen.

Haben Sie vielleicht auch zu wenig Lobbyarbeit betrieben?

Die Schule hat ja schwere Zeiten hinter sich, unter anderem war die Schulleiterstelle lange nicht besetzt. In der kurzen Zeit, in der ich jetzt hier bin, können Sie keine konzeptionellen Bocksprünge erwarten. Doch das, was ich in Elterngesprächen zurückgespiegelt bekomme, ist etwas anderes als das Image der Scholl-Schule, das scheinbar in der Konstanzer Bevölkerung verankert ist. Je mehr Besucher von außen unsere Arbeit begutachten, desto positiver ist ihre Einstellung uns gegenüber. Das verwundert. Außerdem finden Sie Schulen mit drei Schularten unter einem Dach nur wenig in Baden-Württemberg. Hier bilden sich bildungspolitische Veränderungen sehr verdichtet ab.

Welche Rolle zum Beispiel die Werkrealschule spielt als Brücke zwischen den Vorbereitungsklassen und der Realschule neuen Typs, ist von außen schwer erkennbar. Oft muss man ein, zwei Jahre überbrücken, doch diese Chance bekommen wir nicht. Denn das geht nicht zum Nulltarif, und viele bildungspolitische Entwicklungen hängen auch von den nächsten Wahlen ab. Wenn es blöd läuft, könnte die Entscheidung gegen den Erhalt der WRS die Stadt teuer zu stehen kommen. Bayern hat ja das G9 wieder eingeführt, das kostet. Hätte man die Lehrer, die vor G8 gewarnt hatten, vorher gefragt, hätte man eine Menge Geld und Ärger gespart.

Heißt das auf Sie übertragen, dass Sie sich auch zu wenig von der Verwaltung und dem Gemeinderat gehört fühlten?

Ich hatte nicht allzu viel Zeit, um Netzwerke aufzubauen. Und ich kann auch verstehen, dass manche Gemeinderäte das Thema Werkrealschule nicht mehr hören konnten. Ich fürchte nur, dass dieses Thema sich durch die Entscheidung nicht erledigt hat. Es gibt ja nach wie vor Werkrealschüler, und durch die Fokussierung auf die Berchenschule sowie die Gemeinschaftsschule wird es nicht einfacher. Nun ist spannend zu beobachten, welche Szenarien durchdacht werden. Es hieß auch schon: Wenn es an der Berchenschule zu eng wird, machen wir eine Außenklasse Werkrealschule an der Scholl-Schule auf. Das mag verstehen, wer will.

Wofür steht die Geschwister-Scholl-Schule? Können Sie drei herausragende Merkmale Ihrer Schule nennen?

 

 

Wie geht es mit den Internationalen Vorbereitungsklassen weiter, die nun auch von Ihnen wegwandern sollen?

Das ist noch unklar. Auch das Thema VKL wird für die Stadt nicht einfacher. Viele meinen, wenn der Bürgerkrieg in Syrien vorbei ist, komme fast niemand mehr. Dabei steht ein ganzer Kontinent bereit, die Menschen laufen zur Not übers Wasser, um der Armut zu entkommen. Und wir brauchen diese Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Es geht nicht nur um Selektion, sondern darum, alle bestmöglich zu bilden. Manche Schulleiterkollegen sagen: Sei froh, dass du die VKL und die Werkrealschüler los bist. Doch genau die bringen Innovationen in unsere Schule. Darum bin ich Pädagoge geworden.

Kommen wir zum Gebäude. Bei Amtsantritt sagten Sie mir, Sie wollten den „Brutkasten“ sanieren. Nun ist dieser Brutkasten unter Denkmalschutz. Fluch oder Segen?

Wir haben das mit großer Freude aufgenommen und sind von der pädagogischen Qualität des Gebäudes überzeugt. Ich habe nie damit gerechnet, dass die Option, die Schule abzureißen, eine Chance auf Verwirklichung hat. Umso mehr hat es verwundert, wie sehr der Schulträger verwundert war, dass er hier ein Kleinod hat. Die Denkmalbehörde war in den ersten Gesprächen sehr entgegenkommend und hat gesagt, sie sei keine Verhinderungsbehörde und wisse, dass eine Schule lebt – und dass unterschiedliche Erweiterungen denkbar seien. Ich hoffe, dass die Verwaltung sehr zeitnah die Auffrischung angeht. Letztlich ist die Schule auch ein Schaubild für die Stadt.

Zur Person

Thomas Adam, 55 Jahre, stammt aus Heidelberg. Nach dem Theologiestudium in Freiburg und Münster folgten sein Referendariat und einige Lehrjahre an beruflichen Schulen in Heidelberg und Bruchsal. Parallel war der Theologe zehn Jahre lang Schuldekan für katholische Religion. Berufsbegleitend belegte Adam den Master-Studiengang Bildungsmanagement an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und lehrte am Institut für Bildungsmanagement unter anderem Qualitäts- und Personalentwicklung sowie Projektmanagement. Thomas Adam lebt mit seiner zweiten Ehefrau in Staad. Aus erster Ehe hat er zwei erwachsene Söhne.

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