„Die Mischung macht‘s.“ Da sind sich Holger Reile und Levin Eisenmann bei ihrem politischen Spaziergang durch Konstanz einig. Auch wenn der Gemeinderat nicht den Querschnitt der Bevölkerung repräsentiere, brauche es junge Leute wie den 22-jährigen Eisenmann von der CDU ebenso wie erfahrene alte Hasen, wie der 65-jährige Reile von der Linken Liste einer ist.

Es geht die Seestraße entlang, über die Rheinbrücke und durch die Niederburg, während die beiden Kandidaten über ihre jeweiligen Ideen sowie über Privates sprechen.

Dabei entwickelt sich eine spannende Debatte – weit über das Generationenthema hinaus, auch wenn dies ganz zu Beginn doch kurz zur Sprache kommt.

Was rät ein langjähriger Kommunalpolitiker einem Neuling auf der Kandidatenliste? Was braucht es, um sich erfolgreich durchzusetzen?

„Eigenständiges Denken. Sich nicht unbedingt von der Parteidisziplin leiten zu lassen und einen eigenen Kopf zu behalten, ist ganz wichtig“, sagt Reile zu seinem jungen Gegenüber.

Die Antwort von Eisenmann lässt nicht lange auf sich warten: „In der Kommunalpolitik geht es nicht in erster Linie um das Parteibuch.“

Holger Reile: „Nachhaltige Mobilität braucht enorm viele Investitionen.“

In der Seestraße sind viele Radfahrer unterwegs und Gassigänger mit ihren vierbeinigen Freunden. Mit Blick auf Altstadt und Inselhotel spricht Reile „zwei große Probleme“ der Stadt an: Wohnen und Mobilität. „Damit kommen wir zum Klimanotstand“, sagt der 65-Jährige.

Mit der Seestraße im Rücken diskutieren Holger Reile (Mitte) und Levin Eisenmann (links) über das Bodenseeforum. Rechts SÜDKURIER-Redakteur Ingo Feiertag.
Mit der Seestraße im Rücken diskutieren Holger Reile (Mitte) und Levin Eisenmann (links) über das Bodenseeforum. Rechts SÜDKURIER-Redakteur Ingo Feiertag. | Bild: Hanser, Oliver

Der langjährige Vertreter der Linken Liste ist davon überzeugt, dass im Stadtrat „viele aus dem konservativen Zirkel gar nicht wissen, was auf sie zukommt. Das wird die Stadt viel Geld kosten“, sagt er. „Nachhaltige Mobilität braucht enorm viele Investitionen.“

Levin Eisenmann findet dieses Thema ebenfalls wichtig – auch wenn sich das ungleiche Paar naturgemäß nicht in allen Punkten einig ist.

Bald schon kommt es zu einem engagierten Dialog

„Wir wollen eine 24-Stunden-Taktung des Seehas und eine besser getaktete Busverbindung, auch in die Vororte. Eine komplett autofreie Innenstadt ist nicht umsetzbar“, meint Eisenmann. „Natürlich! Man muss nur daran arbeiten“, entgegnet Reile.

Eisenmann: „Polizei, Busse, Anlieferer werden auch weiter in die Stadt fahren. Total autofrei wird es nie sein.“ Stattdessen schlägt er vor, das Rad-Mietsystem und den Wasserbus auszubauen.

Levin Eisenmann: „Eine komplett autofreie Innenstadt ist nicht umsetzbar.“

„In Augsburg gibt es die Kurzstrecke zum Nulltarif. Könnt ihr euch zumindest ein Ein-Euro-Ticket vorstellen?“, fragt Holger Reile. Und weiter: „Eine bessere Taktung ist nicht alles. Es muss ein radikaler Umbau sein.“ Er will Konstanz „frei machen vom Blech“ und fordert, die Parkhäuser in der Innenstadt zurückzubauen und für Anwohner, die sie noch brauchen, bereitzustellen.

Levin Eisenmann ist mit Blick auf die Finanzen etwas anderer Meinung. „Das alles muss bezahlt werden. Der öffentliche Nahverkehr wird jetzt schon subventioniert. Pauschal zu sagen, wir wollen einen kostenlosen Nahverkehr, halte ich nicht für sinnvoll“, sagt er. Reile schüttelt den Kopf: „CDU ist halt CDU.“

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Auf dem Weg in Richtung Sternenplatz geht es vorbei am Büdingen-Areal, einer der letzten Freiflächen der Stadt, die schon bald einem Luxus-Gesundheitshotel weichen soll. Hier kommen Eisenmann und Reile zum nächsten Punkt. „Das Handlungsprogramm Wohnen ist im Ansatz richtig, aber es wird zu wenig gemacht“, sagt Holger Reile, „wir haben lange dafür geworben, dass das Vincentius-Areal von der Stadt bebaut wird, um halbwegs bezahlbaren Wohnraum zu haben. Stattdessen wurde der rote Teppich für einen Investor ausgerollt.“

Das Thema Wohnen beschäftigt alle in Konstanz

Inzwischen müsse man in Konstanz „um jeden Quadratmeter kämpfen. Die Preise in der Stadt sind am Rande der Kriminalität. Wohnen ist so teuer geworden, dass Normalbürger sich es nicht mehr leisten können“, redet er sich in Rage.

In diesem Punkt sind der Mann von der Linken Liste und der Kreisvorsitzende der Jungen Union einer Meinung.

Levin Eisenmann findet, dass „sorgfältig mit den Flächen umgegangen werden muss“. Der Student sei selbst seit drei Jahren auf der Suche nach einer Wohnung. Im Gegensatz zu seinen auswärtigen Kommilitonen hat Eisenmann aber „das Glück, dass ich im wahrsten Wortsinn im Paradies wohne bei meinen Eltern“, wie der 22-Jährige sagt.

Um dem immer größer werdenden Ungleichgewicht entgegenzuwirken, sei es wichtig, „dass im Hafner sozialer Wohnbau stattfindet“ und dass es dort Wohnraum für alle Alters- und Berufsschichten gebe. „Die klassische Mittelschicht fällt oft hinten runter, weil sie nicht in den sozialen Wohnungsbau fällt. Die viel zitierte Krankenschwester, die mit dem Feuerwehrmann verheiratet ist“, sagt Eisenmann.

Auf der alten Rheinbrücke angekommen, geht der Blick natürlich in Richtung Bodenseeforum, mit dem, so Reile zu Eisenmann, „euer CDU-OB sich am Anfang schon ein Denkmal setzen wollte, statt das Geld in den ÖPNV zu investieren“. Ganz so drastisch sieht Levin Eisenmann es nicht, auch wenn er zugibt, dass das Tagungszentrum direkt am Seerhein „bürgerfern“ sei.

„Grundsätzlich finde ich, dass es so etwas braucht neben dem Konzil“, erklärt der Kreisvorsitzende der Jungen Union, „der Bedarf ist da, aber es muss für die Vereine attraktiver sein. Es muss ein Haus für alle Konstanzer sein. Ich habe Vertrauen in die neue Geschäftsführerin. Bei den Finanzen ist nicht alles super gelaufen. Alle anderen ähnlichen Häuser werden aber auch subventioniert.“

Levin Eisenmann (links) und Holger Reile.
Levin Eisenmann (links) und Holger Reile. | Bild: Hanser, Oliver

Diese Worte quittiert Reile mit einem Kopfschütteln. „Das gibt das nächste Fleißbildchen vom OB“, sagt der gebürtige Bayer. „Konstanz hat davon geträumt, ein Tagungszentrum aufzubauen, auf das ganz Europa wartet“, fährt er fort. „Dieses Schuldenloch wird nicht kleiner werden. Die Gretchenfrage ist doch: Hat jemand gefragt, ob die Bürger das überhaupt wollen? Das war gar nie für alle gedacht!“

Dann folgt eine scharfe Pointe in Richtung des Studenten der Rechtswissenschaften. „Darf ich Ihnen einen Rat geben?“, fragt Reile. „Wenn Sie als Jurist keinen Job finden, dann werden Sie Berater oder Gutachter. Die gehen da ein und aus.“

Das Gespräch während des Spaziergangs durch die Stadt, deren Zukunft das Duo mitgestalten will, ist unterhaltsam, erfrischend ehrlich, manchmal bissig, doch im Grunde immer fair.

Trotz der unterschiedlichen Meinungen und der einen oder anderen Spitze von links scheinen sich die beiden Männer nicht völlig unsympathisch zu sein. Im Grunde kämpfen sie beide für ein „lebenswertes Konstanz“, wie Levin Eisenmann vor dem Münster sagt.

Es könnte sogar sein, dass sich das Duo hier ganz in der Nähe bei einem Kneipenabend in der Altstadt begegnen. Beide erklären sie, dass sie unter anderem gerne in der Kellerkneipe namens Heimat unterwegs sind. Die passende Bar für zwei, die sich politisch für ihre Heimat engagieren wollen.

Die Personen und die Serie

Die Serie: Zwei oder drei zur Wahl stehende Kandidaten begleiten einen Redakteur des SÜDKURIER zu einem ausgiebigen Spaziergang durch die Stadt oder ihre Stadtteile – die Kandidaten sind zwar von anderen Parteien, doch sie sollten trotzdem stets das Wohl der Stadt Konstanz und ihrer Bürger im Auge behalten. Dabei entwickeln sich hochspannende und unterhaltsame Gespräche zweier Menschen, die sich gerne für Konstanz einsetzen würden. Heute sind Holger Reile von der Linken Liste und Lewin Eisenmann von der CDU unterwegs.

Holger Reile: Der gebürtige Bayer ist in München aufgewachsen und lebt seit 1977 in Konstanz. Zu Beginn seiner Zeit am Bodensee war der heute 65-Jährige Mitbetreiber der damaligen Szene-Kneipe S‘beese Miggle und Mitherausgeber des Stadtmagazins Nebelhorn. Von 1982 bis 1985 war Reile (parteiloser) Kreisrat für die Grünen. Ab 1985 arbeitete er als freier Mitarbeiter für Rundfunk, TV und diverse Printmedien, ehe Reile 1990 das Pressebüro LAGOpress in Konstanz gründete. 2006 kandidierte er im Landtag für die WASG/Die Linke, ein Jahr später begründete er das Internetmagazin SeeMoZ mit. Seit 2009 ist Holger Reile Gemeinderat für die Linke Liste Konstanz. Großen Wert legt er darauf, keiner Partei anzugehören. „Jetzt trete ich nochmal an. Wir hoffen auf einen dritten Sitz, damit wir in die Aufsichtsräte kommen“, sagt Reile.

Levin Eisenmann: Der gebürtige Singener ist in Konstanz aufgewachsen und hat am Ellenrieder-Gymnasium sein Abitur gemacht. Der 22-Jährige studiert seit drei Jahren Rechtswissenschaften und kam bereits als Teenager mit der Politik in Kontakt. Im Zuge eines Schüleraustauschs lernte die Konstanzer Gruppe im Jahr 2012 das politische System in China kennen. Nach einem Referat wurde Eisenmann von seiner Lehrerin gefragt, „ob ich mich politisch engagieren möchte. Sie hat mir sozusagen auf die Sprünge geholfen“, sagt er selbst. So fand der Konstanzer langsam seinen eigenen Weg in die Politik. Seit 2015 ist der Student Kreisvorsitzender der Jungen Union. Sollte er in den Konstanzer Gemeinderat gewählt werden, will Levin Eisenmann sich auf „Jugendthemen“ konzentrieren.

Die Kommunalwahl: Am Sonntag, 26. Mai, sind auch die Konstanzer Bürger zur Wahl eines neuen 40-köpfigen Gemeinderats aufgerufen. Sieben Parteien und Gruppierungen haben Kandidaten aufgestellt. Und: An diesem Tag stellen sich auch Kandidaten für den Kreistag sowie für das Europäische Parlament zur Wahl. Die Wahlunterlagen erreichen bereits die Bürger.