Wenn die Konstanzer am Sonntag zum Bürgerempfang ihres Stadtoberhaupts in das Bodenseeforum strömen, wird Uli Burchardt vermutlich genau hinhören. Ihm sei es ein Anliegen, die Stimmung, die Sorgen und Wünsche der Leisen einzufangen, sagte er in einem Interview. Dagegen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Größtmögliche Aufmerksamkeit bekommen aber diejenigen, die öffentlichkeitswirksam die große Trommel rühren, noch besser ist es, wenn sie die Lokalpolitik für ihre Themen gewinnen können. Zum Beispiel wegen eines Baumes. Dessen Schicksal es dann auf die Tagesordnung eines politischen Gremiums schafft. Geht's noch?

Es geht um eine Schwarzpappel

Eine Schwarzpappel erregt derzeit die Gemüter von Bürgern. Es sind nahezu dieselben wie vor wenigen Jahren beim Tauziehen um die Pappelallee im Tägermoos. 41 Bäume fielen damals den Kettensägen der Technischen Betriebe zum Opfer, weil die Stämme angeblich nicht mehr sicher waren. Wären sie vermutlich gewesen, wie alle in der Allee noch stehenden, war der Schweizer Baumexperte Fabian Dietrich der Auffassung. Etwas Pflege, und schon müsse keine Pappel mehr fallen. Zu solch einer Einschätzung kommt Dietrich auch beim Turnschuhbaum gegenüber dem HTWG-Neubau. Wieder einmal war er in die Stadt gekommen, wieder einmal auf Einladung einer Bürgerinitiative, die sich in behördliche Entscheidungen einmischt und das bereits gefällte Urteil über einen Baum nicht einfach so stehen lassen möchte. Er sei ein Wahrzeichen, ist die Bürgerinitiative überzeugt.

Baum hält Orkan Stand

Wirf ein Paar Turnschuhe in einen Baum, und schon ist er ein Wahrzeichen, genießt höchsten Schutz durch eine von Interessen getriebene Gruppe? Der Einsatz der Bürgerinitiative Pappelallee ist mehr als Zeitvertreib. Ihr Engagement ist ein Aufschrei gegen aus ihrer Sicht voreilig getroffene Entscheidungen. Sie fordert einen behutsamen und verantwortungsvollen Umgang mit der Natur in Konstanz; vor allem im Sinne aller Bürger aber: Verlässlichkeit. Insofern war es für die Stadtverwaltung und die Technischen Betriebe (TBK) suboptimal gelaufen, dass der Turnschuhbaum auch nach Sturm Burglind am 3. Januar, dessen Böen an Orkanstärke heranreichten, noch stand. So, als ob nahezu nichts gewesen ist. Noch Ende vergangenen Jahres hatten die TBK erklärt, die Pappel müsse weg: weil sie aufgrund ihres maroden Zustands keinem Orkan standhalten könne. Mit dieser Fehleinschätzung haben TBK und Verwaltung erneut am Ast gesägt, auf dem sie sitzen – das Vertrauen in ihr ökologisches Urteilsvermögen hat weiteren Schaden erlitten.

Zwei Seiten der Medaille

Der Bürgerprotest und das Einmischen ist die eine Seite. Die andere Seite ist das dadurch erzeugte Bild, wer in der Stadt Gehör findet. Es hätte mit Sicherheit noch andere Wege gegeben, als über einen einzelnen Baum gerade im so wichtigen Technischen und Umweltausschuss des Gemeinderats zu diskutieren. Die Freie Grüne Liste hat es damit auf die Tagesordnung am kommenden Dienstag geschafft. Wenn sich ein Gremium mit der Zukunft einer einzelnen Schwarzpappel befasst, haben dessen Mitglieder entweder zu viel Zeit, oder es gibt zu wenige wirklich wichtige Themen in der Stadt.

Es demonstriert ein weiteres Mal, dass eine Interessengruppe nur laut genug auftreten muss. Sie muss den Eindruck vermitteln, für einen großen Kreis von Bürgern zu sprechen, um politische Aufmerksamkeit zu erlangen. Aus Sicht einer Bürgerinitiative ist das natürlich ein Erfolg. Allerdings birgt das die Gefahr, dass Einzelinteressen immer mehr das Potenzial entwickeln, es nach ganz oben zu schaffen. Aus diesem Grund tut eine Stadtspitze gut daran, sich immer wieder daran zu erinnern, die Leisen hören zu wollen. Das ist in all dem Stimmengewirr eine enorme Herausforderung. Kann allerdings dem Vorwurf der Lobbypolitik entgegenwirken.

philipp.zieger@suedkurier.de