Es ist 9.51 Uhr, als die Arbeit für Thomas Fillinger so richtig beginnt. Nicht, weil er vorher nichts zu tun gehabt hätte, der Grenzwächter ist bereits seit 5 Uhr im Dienst. Doch gerade hat Blaze, Fillingers Vierbeiner mit sensiblem Riechkolben, im Gepäckstauraum eines Reisebusses Platz gemacht.

Und was das bedeutet, weiß der Hundeführer: "Das ist das Zeichen, dass er etwas gewittert hat – Pyrotechnik oder eben Sprengstoff", erklärt Fillinger angespannt. Aber zurück auf Anfang.

Ein voll besetzter Bus mit Ultras an Bord befindet sich auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel nach Italien

9.10 Uhr: Am Autobahnzoll Konstanz-Kreuzlingen bereiten sich Thomas Fillinger und dessen Schweizer Grenzwacht-Kollegen auf die Ankunft eines Reisebusses aus dem Norden Deutschlands vor. "Vermutlich sind heute einige Fußballfans darin", sagt er. Ein Bundesligist spielt an diesem Abend im Europapokal gegen eine italienische Mannschaft. Alkohol, Betäubungsmittel, Pyrotechnik – eine womöglich schwierige Gemengelage erwartet Fillinger.

Doch alleine ist der 31-Jährige bei seiner Arbeit nicht. Er öffnet den Kofferraum seines Dienstfahrzeugs. Ein ergebenes Augenpaar blickt ihn an: Es gehört einem Deutschen Schäferhund, vier Jahre alt, ausgebildet, um mit seiner Nase kleinste Sprengstoffpartikel aufzuspüren. Blaze ist sein Name. Fillinger holt das Tier aus dem Transportkäfig. Der Einsatz des Zweiergespanns beginnt.

Bild: Reinhardt, Lukas

Wie er vorgeht bei der anstehenden Kontrolle? "Vieles ist Erfahrung, vieles ist Bauchgefühl", erklärt Fillinger. Auf seinem Smartphone überprüft er die Ankunftszeit des Reisebusses. "Ein Hilfsmittel ist der Busfahrplan im Internet", sagt Fillinger und steckt das Gerät zurück in die Hosentasche. Nicht sein einziges Werkzeug.

Am schwarzen Ledergürtel hängen Handschellen, Pfefferspray, Funkgerät, Schlagstock und Pistole. Die kam bislang noch nicht zum Einsatz. Doch Vorsicht ist an der Grenze stets höchstes Gebot.

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9.40 Uhr: Der Doppeldecker nach Mailand fährt pünktlich am Schweizer Grenzposten vor. Doch mit der Pünktlichkeit wird es schon bald vorbei sein.

Die Grenzwächter sind vorbereitet, der Ablauf der Kontrolle gleicht einer einstudierten Choreographie: Während zwei Kollegen im Inneren des Busses die Reisenden mustern, befragen und deren Papiere einsammeln, übernimmt Spürnase Blaze den für die Augen verborgenen Teil: schnuppernd untersucht der Sprengstoffspürhund zunächst die Karosserie des Busses, ohne Ergebnis. Doch die Kontrolle geht weiter.

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Im kompakten Gepäckstauraum lagern Koffer und Reisetaschen von 55 Passagieren dicht an dicht. Mit einem Satz springt Blaze hinein – und setzt dort seine Schnupperarbeit fort.

Nach nur wenigen Sekunden das Zeichen für Herrchen Fillinger: Blaze schlägt an. Oft kommt das nicht vor, erklärt der Grenzwächter, während er das Tier für die bisherige Arbeit belohnt. "Ich vermute aber, dass es sich eher um Pyrotechnik handeln könnte als um Sprengstoff", sagt Fillinger mit Blick auf die Fußball-Fans im Bus. Welches Gepäckstück genau die Reaktion ausgelöst hat, weiß der Hundeführer zu diesem Zeitpunkt nicht.

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Für die Fans wie auch für die restlichen Passagiere bedeutet das Ergebnis nichts Gutes. Denn aus der Routineuntersuchung ist nun eine Intensivkontrolle geworden. Alle Insassen müssen den Bus verlassen. In Reih und Glied stehen sie auf dem Parkplatz der Grenzwacht, das eigene Gepäck vor ihren Füßen.

Die Minuten vergehen, Unruhe macht sich breit. "Das ist doch scheiße, wir wollen zum Spiel", tönt es aus der Reihe. "Maximal eine halbe Stunde planen wir eigentlich für die Kontrollen ein", erklärt der Busfahrer ungeduldig. Doch die ist bereits verstrichen. Es ist 10.11 Uhr.

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Ob schicker Hardcase-Koffer, alternativer Reiserucksack oder klassische Handtasche: Gepäckstück für Gepäckstück wandert nun erneut unter Blaze's Spürnase. Doch ein weiteres Mal schlägt der Sprengstoffspürhund nicht an, auch im Inneren des Busses: keine Reaktion.

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Die Suche bleibt ohne Erfolg.

Blaze darf eine Pause einlegen. "Es kann natürlich sein, dass ein Passagier in jüngster Vergangenheit mit Pyrotechnik in Verbindung gekommen ist", erklärt Fillinger etwas ratlos. Doch lüften wird sich dieses Rätsel heute nicht mehr.

Während draußen Teile der Fußball-Ultras noch einer genaueren Taschenkontrolle unterzogen werden, überprüft Grenzer Yves Oswald im Warmen die Papiere aller Passagiere. Schnell wird er fündig: Einer der Insassen reist ohne gültigen Aufenthaltstitel und somit illegal in die Schweiz ein. "Was die illegale Migration betrifft, hat sich die Lage allerdings beruhigt", erklärt Fillinger.

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Als der Bus schließlich um 10.42 Uhr mit einer saftigen Verspätung vom Parkplatz des Grenzpostens rollt, darf der Mann nicht mehr einsteigen. Er muss bleiben. Die Großkontrolle ist beendet, doch die Schicht von Thomas Fillinger ist es noch nicht.

10.47 Uhr: Fillinger steigt in sein Dienstfahrzeug. Als Grenzwächter ist der 31-Jährige auch für den Schutz der sogenannten grünen Grenze zuständig, also für das schweizerische Hinterland. Gemächlich steuert er das Auto durch Kreuzlingen, immer entlang des in die Jahre gekommene Grenzzauns, immer auf der Suche nach etwas Verdächtigem. An der Kunstgrenze nahe des Sees stellt er sein Fahrzeug ab.

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Eine Frau schiebt einen Kinderwagen spazieren, ein Mädchen führt ihren Hund Gassi, ein Rentner zieht ein kleines Einkaufswägelchen hinter sich her – und grüßt übereifrig. "Ihn würde ich vermutlich kontrollieren", sagt Fillinger. Denn er weiß: "Das Schmuggeln von Fleisch ist immer wieder ein Problem." Maximal ein Kilogramm davon darf man in die Schweiz importieren. Nur wenige halten sich daran.

Doch heute setzt Thomas Fillinger seine Streife fort. Er fährt zum Grenzübergang im Tägermoos. Der Funk vermeldet einen möglichen Einbruch in der Nähe. Aber schnell stellt sich heraus: Es handelt sich um einen Fehlalarm.

"Einmal wurde ich mit Blaze zu einem solchen Vorfall gerufen. Wir haben den Einbrecher dann im Keller aufgespürt", erinnert sich Fillinger. Doch heute bleibt es an der grünen Grenze ruhig. Es geht zurück zum Grenzposten Autobahn.

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11.40 Uhr: Hier herrscht weiterhin Leben. Und auf Fillinger wartet wieder der Alltag. Er stoppt Fahrzeug um Fahrzeug, stellt stets die gleichen Fragen, kontrolliert Dokument um Dokument.

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"Trotzdem kann jeden Moment etwas Unvorhersehbares passieren", erklärt er den Reiz an seinem Beruf. Wie damals, als ein schwedischer Staatsbürger einen Wohnwagen voll mit Papageien über die Grenze fahren wollte. Geschichten aus der Rubrik für Kurioses.

Heute aber passiert nicht mehr viel. Ein letztes Mal überprüft er ein Fahrzeug. Um 13 Uhr schließlich geht Thomas Fillingers Schicht zu Ende.