Kaum ist das Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“ angestimmt, fällt einer Seniorin ein: „Das konnte unser Nymphensittich pfeifen. Nicht schön, aber laut und lange.“

Eine andere sagt: „Meine Mutter hat mit mir immer Volkslieder gesungen.“ Im Haus Talgarten ist es die Musiktherapeutin Mechthild Placke von der Konstanzer Musikschule, die mit den Senioren Volkslieder und Schlager anstimmt, und so bei ihnen viele Erinnerungen weckt.

Mechthild Placke zupft die Gitarre. Heute stehen Lieder zu Vornamen auf dem Programm, etwa „Wo mag denn nur mein Christian sein?“. Die Melodie kennen fast alle, die Therapeutin hat auch die Texte dabei.

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Schnell fallen der Gruppe weitere Lieder ein, die sich um Vornamen drehen. „Hänsel und Gretel“, sagt eine Frau, die gleich zwei Strophen singt, und die Handlung mit Gesten anzeigt. Sie bildet mit den Händen beispielsweise ein Dach, wenn es ums Hexenhäuschen geht.

Öffentlicher Auftritt geplant

Die Senioren aus den vom Altenhilfeverein ermöglichten Singkreisen treten höchstwahrscheinlich auch bei einem öffentlichen Konzert in der Lutherkirche auf. Dieses ist nach Angaben von Dieter Dörrenbächer, Leiter der Konstanzer Musikschule, in Planung.

Stephanie Ermler, die Leiterin des Hauses Talgarten, ist froh, dass der Altenhilfeverein die professionell geführten Singkreise in Pflegeheime bringt.

Die Bewohner im Talgarten seien zwar anfangs etwas skeptisch gewesen, ob die Stimme noch trägt. Doch diese Bedenken seien schnell ausgeräumt gewesen.

Musik zeigt Wirkung

Ein unheilbar kranker Bewohner habe durch die Musik sogar Kräfte mobilisiert, die ihm keiner mehr zugetraut hätte. Aus dem eigenen Etat könnte das Haus das Angebot nicht finanzieren.

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Rund 5000 Euro setzt der Konstanzer Altenhilfeverein für Singkreise im Haus Talgarten und im Luisenheim ein. „Musik berührt die Seele“, sagt die Vorsitzende Luise Mitsch.

Dies gelte auch bei Menschen mit schwerer Demenz. Mitsch ist seit 19 Jahren auch die Fürsprecherin im Haus Talgarten. Dort habe sie immer wieder erlebt, wie wohltuend Musik wirke.

Begeisterte Konzertbesucher

Wenn junge Menschen zu Konzerten zu Gast waren, sei die Begeisterung jeweils groß gewesen. Bei einem Konzert in der Lutherkirche, wo sie den neuen Leiter der Musikschule kennenlernte, sei ihr die Idee gekommen, Singangebote in den Heimen zu fördern. Bei der Musikschule und dem Heimträger Spitalstiftung habe sie offene Türen eingerannt.

„Wir wollen Heimbewohner nicht auf das reduzieren, was sie nicht können, sondern aus Potenzialen schöpfen, die noch vorhanden sind“, sagt Luise Mitsch.

Gesungene Lieder hätten sich gerade in der Generation, die jetzt in den Heimen sei, besonders eingeprägt. Denn diese wuchs noch ohne ständig verfügbarer Musik aus elektronischen Medien auf.

Zauber des Singens

Dieter Dörrenbächer kennt aus eigener Erfahrung den Zauber des Singens mit Senioren. Der Leiter der Musikschule berichtet, wie er seinen Zivildienst in einer Altenpflegeeinrichtung absolvierte, und sich dort besonders beliebt machte, weil er sich immer wieder ans Klavier setzte und mit den Bewohnern Volkslieder und Schlager sang.

Musik lasse die Menschen aufleben und gebe ihnen Lebensfreude. Musikschulen seien gerade dabei, sich verstärkt damit auseinanderzusetzen, wie diese Inklusion, also die Beteiligung von Menschen mit Handicaps, erreichen können. Die Arbeit mit Senioren gehöre auch dazu. „Die Musikschulen verändern sich.“

Bei den aktuellen Kursen in den Heimen wolle man die Teilnehmer zum gemeinsamen Singen motivieren, aber auch zum Bewegen und zum Ausprobieren von Orff-Instrumenten wie Klanghölzer oder Rassel. „Wir machen das so niederschwellig wie möglich.“

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Singangebot erhält Zuspruch

Das Angebot treffe eine Generation, in der das Singen noch zur wichtigen Beschäftigung in der Jugend gehörte und die ein festes Repertoire an Liedern kenne. Die Mundorgel beispielsweise, eine Sammlung bekannter Lieder, habe für viele ältere Menschen zur Grundausstattung gehört. Keine der Folgegenerationen habe mehr so ein festes, gemeinsames Liedgut.

Der Altenhilfeverein wirkt an vielen Stellen für pflegebedürftige Menschen in der Stadt, unter anderem brachte er schon die Kunsttherapie in Heime oder Räder, auf denen sich auch körperlich eingeschränkte Menschen sicher bewegen können, und er unterstützte mit der Spitalstiftung als Trägerin den Aufbau einer Wohngemeinschaft für Demenzkranke.

Weiter arbeitet er am Aufbau von öffentlichen Bewegungsparks. Einer steht schon im Paradies, ein zweiter ist am neuen Schwaketenbad geplant.

Alle Folgen der Serie „Wir helfen mit“ finden Sie gesammelt auf dieser Seite.

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