Der Titel ist kurz und klar: „Geist“. Simon Weiland ist kein Freund langatmiger Monologe oder überflüssiger Worte. Ebenso karg sind Bühnenbild und Ausstattung. Ein Mann steht auf der Bühne mit übergroßer Sonnenbrille: „Ich bin dein Ego“. Es klingt irgendwie bedrohlich und nicht gerade vertrauenserweckend. Allerdings bleibt der Typ auf der Bühne von sich und seiner Rolle überzeugt. „Was wird hier gespielt? Ach, egal. Ich bin der Regisseur.“

Das wirkt. Doch es wird noch anders kommen. In dem Ein-Mann-Stück schlüpft der Künstler Simon Weiland in unterschiedliche Rollen und fordert mit Wortspielen, Bedeutungswechseln und etlichen Anklängen an die Bibel sein Publikum im K 9 heraus. Dort läuft seine Trilogie „Welttheater“ derzeit in drei Teilen. Der dritte und letzte Teil „Diesseits/Jenseits – die Befreiung vom Ego“ ist am kommenden Dienstag, 1. März, zu sehen.

Gegen das Ego, den Regisseur, scheint das Ich keine Chance zu haben. Diese zweite Stimme im Stück wirkt klein, zerbrechlich, manchmal infantil und hilflos. Sie versteckt sich hinter einer einfachen Maske und vermittelt authentische Gefühle. Der Regisseur, das Ego, übt Druck auf den Schauspieler aus. Immer wieder geht es dabei auch um Gott und die Transzendenz, um die Beziehung des Einzelnen zu Gott.

Und es geht um die Beziehungen des Einzelnen zu seinem Mitmenschen. Als Träger des Themas dient die biblische Geschichte von Kain und Abel. Kain, der sesshafte Bruder, aufsteigend, wohlhabend, aber unzufrieden: Er fühlt sich von Gott weniger akzeptiert und geliebt, weil dieser die Annahme seiner Opfer verweigert.

Eine Schlüsselszene stellt die Diskussion mit dem Engel dar, der dem Menschen das Leben als Päckchen überbringt. Der Mensch lehnt es ab, will es zurückschicken, gibt sich als Krone der Schöpfung aus. Der Engel bleibt gnadenlos: „Du nimmst wohl an, dass du das Leben nicht annehmen musst? So nimmst du es doch an, oder?“ Es ist eine Herausforderung, der sich der Mensch hier stellt, frei von Hybris ist er nicht. Die Frage nach der Fremd- oder Selbstbestimmung hat sich das Ich auch auf anderen, alltäglicheren Ebenen zu stellen. In der Beziehung zum Beispiel: Da schmeckt dem Mann der Kaffee nicht, den seine Frau ihm täglich zubereitet. Dieses neue Gefühl genügt, um sich von der Ehefrau zu entfremden, sich zu fragen, ob man nicht etwas Besseres verdient habe, bis es dann tatsächlich so kommt: „Wenn das so weitergeht, suche ich mir eine andere.“

Zwischen den Dialogen fügt Simon Weiland immer wieder Musik ein. Die Lieder, allesamt im Stil des melancholischen Liedermachers, geben dem Publikum die Möglichkeit, der Dichte der Texte für einen Moment zu entfliehen. Die Themen aber sind dieselben: Es geht um das Ich, das Ego und seine Beziehung zum Gegenüber, am häufigsten anhand der Paarbeziehung dargestellt. Allzu oft gelingt diese nicht, weil das Ich zu sehr im Zentrum steht und die Wahrnehmung des Gegenübers in den Hintergrund gerät.

Wo von Gott die Rede ist, ist auch der Teufel nicht fern. Er tritt als mythische Randfigur auf, im Sinne des Verführers und bietet dem Menschen „Geld, Sex, Macht“ an. Was dies koste, will dieser wissen. Die eigene Großmutter müsse er schon bereit sein zu verkaufen. Wer bereit ist, seine Seele zu verkaufen, erhält materielle Anreize und kann sich egoistische Wünsche erfüllen. Manches in den Dialogen gerät zu deutlich, die Moral ist stets spürbar. Der Egoismus steht am Pranger. Auch die Eitelkeit. Sind das die größten Sündenfälle?

So schwach wie es zu Beginn den Anschein hatte, ist das Ich am Ende des Stückes nicht mehr. Der Kritik des Regisseurs, des arroganten Egos mit Sonnenbrille, lässt es sich nicht mehr ohne Widerspruch aussetzen. Dieser will seinen Schauspieler antreiben, fordert mehr Emotion und Action: „Du bist erschüttert, zutiefst verletzt und leidest.“ Es soll zum Mord von Kain an seinem Bruder Abel kommen. Der Regisseur sieht die Szene vor sich: „Jetzt ist etwas los im Stück. Töte ihn, zeig's uns allen.“

In diesem Moment emanzipiert sich das Ich, der kleine Schauspieler, und weigert sich. „Nein, ich töte ihn nicht. Da spiele ich nicht mit. Ich falle aus der Rolle.“ Das Spiel verändert sich.

Nein, laute Töne sind die Sache des Künstlers nicht. So geht der Zuschauer nach Hause mit dem leisen Unbehagen, dass mit der menschlichen Existenz nicht alles in Ordnung ist. Langweilig ist ihm in keinem Moment geworden. Abgeschlossen aber ist nichts. „Fortsetzung folgt“, sagt der Künstler zum Abschied. Das ist wörtlich gemeint: Der dritte Teil der Trilogie steht noch aus.


Zu Person und Kunst

Zur Trilogie:

Die Trilogie „Welttheater“ wird im Konstanzer K 9 uraufgeführt. Der erste Teil „Ein starkes Stück – die Entstehung des Ego“ war am 16. Februar zu sehen, der noch ausstehende dritte Teil „Diesseits/Jenseits – die Befreiung vom Ego?“ wird am Dienstag, 1. März, um 20 Uhr gezeigt. Die Stücke orientieren sich jeweils an der Tradition des griechischen Theaters. In einer weiteren Trilogie „Leave Paradise“, die 2015 aufgeführt wurde, hat sich Simon Weiland den Märchen Rotkäppchen, Hänsel und Gretel und Froschkönig gewidmet.

Zur Person: Simon Weiland, gebürtig aus München, lebt seit vielen Jahren in Konstanz. Er arbeitet als Sprachlehrer im Carl-Duisberg-Centrum in Radolfzell und als freischaffender Künstler. Die Texte seiner Theaterstücke schreibt er selbst wie auch die Lieder. An der Trilogie „Welttheater“ hat er seit 2008 gearbeitet.

Informationen im Internet:

www.simon-weiland.de