Kommentar Wenn Fremdenhass schick wird: Das Verhältnis zwischen Deutschen und Schweizern leidet

Ausfuhrscheine, Raser, freches Benehmen: In Konstanz ist es schick wie nie, über Schweizer herzuziehen. Andersherum werden Deutsche als unbeliebte Eindringlinge gesehen. Beides ist ebenso falsch wie gefährlich, kommentiert Redakteur Benjamin Brumm.

Wenn er das liest, dann schnaubt er, der Konstanzer: 20 Schweizer Franken in der Stunde sind nicht genug, 22 sollten es schon sein. Das fordert die größte Schweizer Gewerkschaft, Unia, nachdem der Kanton Neuenburg als schweizweit erster einen Mindestlohn von eben jenen 20 Franken pro Stunde festgelegt hat. Die Unia aber meint: 4000 Franken brutto monatlich, umgerechnet mehr als 3400 Euro, sollte eine Vollzeitstelle mindestens wert sein. In den meisten Berufen verdienen Schweizer deutlich mehr, der durchschnittliche Bruttolohn betrug laut offizieller Statistik der Regierung zuletzt knapp 6200 Franken.

Auf deutscher Seite hat die Lohnungleichheit zu den Nachbarn über Jahrzehnte allenfalls zum Zucken mit den Schultern geführt. Bevor auch nur die Spur von Neid aufkommen konnte, half der Gedanke an die hohen eidgenössischen Lebenshaltungskosten. Längst aber treiben die üppig mit Franken gefüllten Lohntüten den Konstanzern die Zornesfalten auf die Stirn, sind sie doch sicher: Aus diesen Lohntüten werden an einem ganz normalen Samstag ganz schnell volle Einkaufstüten, tausenden Ausfuhrscheinen geschuldete Wartezeiten an den Supermarktkassen, verstopfte Straßen in der Innenstadt. Flugs ist vergessen, dass das Zürcher Geschnetzelte mit Teigwaren auf der anderen Seite der Grenze dafür auch 30 Franken aufwärts kostet.

Wo bleiben die Manieren?

Was mit einem diffusen Gefühl von Neid auf praller gefüllte Geldbörsen begonnen hatte, wächst sich zusehends zu einer generellen Ablehnung aus, zu einem ausgesprochenen: "Klar, Schweizer halt." Sie fühlen sich als Kunden erster Klasse; sie nehmen uns die Plätze in Restaurants, Bars und Kneipen weg; sie würden am Liebsten auf statt vor der Marktstätte parken; sie sind schuld, dass dort statt einem beliebten Kino bald noch ein Drogeriemarkt steht. All das sagt und hört man in Konstanz gerne.

Als ein junger Schweizer seinen hochmotorisierten Sportwagen vor einer knappen Woche nicht auf der Bodanstraße halten konnte und in ein Schaufenster prallte, war das Echo absehbar: "Klar, Schweizer halt." In den sozialen Netzwerken im Internet verbunden mit Spott und Häme, mitunter auch mit niveaulosen Beleidigungen und Hetze. Dass bei dem schweren Unfall mehrere Menschen ziemlich viel Glück hatten, war allenfalls eine Randbemerkung wert. Etliche Kommentatoren hatten in diesem Moment nicht nur ihre Manieren vergessen. Sondern auch, dass sie ohne "die Schweizer" in Konstanz ein weit spärlicheres Einkaufserlebnis vorfinden würden. Von wegen schicke Modefilialen.

Deutschfeindliche Schweizer

Nun gehören kleine Frotzeleien mit Regionalbezug zur folkloristischen Unterhaltung dazu. Man lästert schließlich auch über Schwaben, die zum Seenachtfest in Konstanz einfallen oder vor Sommerwochenenden auf dem Weg zum Bootsliegeplatz kilometerlange Staus produzieren. Das alles geschieht jedoch in einem Ton, dem die nötige Prise Humor nicht abgeht. Beim Umgang zu den direkten Nachbarn wird dieser Ton jedoch immer rauer. Und das nicht nur von Norden nach Süden.

Einer Studie zufolge haben Deutsche inzwischen nirgends in Europa einen schlechteren Ruf als in der Schweiz. So werden die Germanen in Umfragen unter den unbeliebtesten Ausländern geführt. Da heißt es, Deutsche seien arrogant, reden komisch daher und verhalten sich wie Bessergestellte – klingt irgendwie bekannt. Da forderte bereits vor Jahren die Nationalrätin der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei, Natalie Rickli, allen Ernstes eine Obergrenze für Deutsche in ihrem Land (O-Ton: "Einzelne Deutsche stören mich nicht, mich stört die Masse.") und nannte ihre Idee "Ventilklausel". Da gibt es inzwischen in Zürich Selbsthilfegruppen von Deutschen, die sich wegen ihrer Nationalität als gehasst, abgelehnt und gemobbt fühlen.

Schon lange heißt es: Wenn Schweizer Neutralität sagen, meinen sie in Wahrheit Isolation. Hinter der Abneigung gegen Deutsche steckt dort vor allem die Angst vor Konkurrenten um den Arbeitsplatz – aus dem Niedriglohnland im Norden. Dass sich auch diesseits der Grenze die Stimmung immer stärker in Richtung echter Feindseligkeit bewegt, ist dagegen neu. Fremdenhass ist und bleibt verpönt, wenn auch leider nur öffentlich.

Itaker, Polacken, Jugos, Bimbos – ein Segen, dass diese Begriffe aus dem Wortschatz verschwinden. Wenn es jedoch um Schweizer geht, dann scheint es in Ordnung zu sein, den Satz mit "Das wird man wohl noch sagen dürfen" einzuleiten. Auch von Menschen, die sich sonst von jeglichem Hass auf das Andere lossagen. Löhlis klingt dann irgendwie doch lustig und nett. Das ist eine Gefahr. In Deutschland darf es nie wieder schick sein, gegen Fremde zu hetzen – und zerrt der gegenseitige Umgang auch noch so sehr an den Nerven.

Ihre Meinung ist uns wichtig
Adventskalender - weil Vorfreude die schönste Freude ist
Neu aus diesem Ressort
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz
Konstanz/Waldshut
Die besten Themen
Kommentare (22)
    Jetzt kommentieren