Frau Meinhold, im Rahmen eines Projekts haben Sie ein Jahr in einer Seniorenresidenz gelebt. Was haben Sie voneinander gelernt?

Marit Meinhold: Meine Oma hat mir bescheinigt, dass ich gelassener und geduldiger geworden bin. Und ich habe gelernt, bestimmte Dinge mehr wertzuschätzen. Die Gespräche mit den Bewohnern haben mir bewusster vor Augen geführt, welche Möglichkeiten ich heutzutage habe, die sie früher nicht hatten. Wie wir heute unser Leben gestalten können, ist nicht zu vergleichen mit der Jugend in der Nachkriegszeit.

<strong>Marit Meinhold</strong> stammt aus Langenenslingen und wohnt seit sieben Jahren in Konstanz, zuletzt in einer WG mit einer Freundin. Meinhold hat ihr Lehramtsstudium in Französisch, Englisch und Geschichte an der Uni Konstanz abgeschlossen und arbeitet seit April an einer Doktorarbeit.
Marit Meinhold stammt aus Langenenslingen und wohnt seit sieben Jahren in Konstanz, zuletzt in einer WG mit einer Freundin. Meinhold hat ihr Lehramtsstudium in Französisch, Englisch und Geschichte an der Uni Konstanz abgeschlossen und arbeitet seit April an einer Doktorarbeit. | Bild: Rindt Claudia

Frau Schmautz, sind Sie neidisch auf die heutige Jugend und Ihre Möglichkeiten?

Marieluise Schmautz: Nein, tatsächlich nicht. Ich habe mich schon oft gefragt, ob mir die Erlebnisse, die ich durchgemacht habe, eigentlich geschadet haben. Ich glaube nicht. Durch die Erfahrungen des Krieges sind wir wahrscheinlich resistenzfähiger als ihr heute. Wir konnten aus dem Nichts etwas aufbauen und sind heute, glaube ich, sehr viel genügsamer in vielen Dingen. Also nein, neidisch bin ich nicht.

<strong>Marieluise Schmautz</strong> lebt seit knapp einem Jahr in der Konstanzer Seniorenresidenz Tertianum. Früher hatte sie als Dolmetscherin und in der Arztpraxis-Verwaltung gearbeitet.
Marieluise Schmautz lebt seit knapp einem Jahr in der Konstanzer Seniorenresidenz Tertianum. Früher hatte sie als Dolmetscherin und in der Arztpraxis-Verwaltung gearbeitet. | Bild: Rindt Claudia

„Student in Residence“ war ein spezielles Projekt, das für ein Jahr angelegt war. Wie kann es auch künftig solche Begegnungen wie die zwischen Marit und den Bewohnern im normalen Alltag geben?

Marit Meinhold: Im normalen Alltag ist es schwierig, in so eine Seniorenresidenz reinzukommen, das muss von der Leitung schon gewollt sein und der Rahmen geschaffen werden. Die hat sich aber schon was Neues ausgedacht: Es wird regelmäßig ein Generationen-Dinner stattfinden, mit neuen Charakteren. Und im Alltag außerhalb einer Seniorenresidenz könnte man einfach mehr aufeinander zugehen. In Mietshäusern beispielsweise. Zwischenzeitlich ist es selten geworden, dass man sich überall vorstellt, wenn man einzieht. Dabei ist es doch für beide Generationen schön zu wissen, wer mit einem im Haus lebt und wen man im Zweifel mal um Hilfe bitten kann – sei es bei Computerproblemen oder wenn man mal Mehl und Eier braucht. Eine Freundin von mir hatte beispielsweise diesen Sommer angeregt, ein Gartenfest für das ganze Haus zu machen. Alle fanden es super. Aber irgendjemand muss den Anstoß geben.

Frau Vorholzer, welchen größten Unterschied sehen Sie zwischen ihrer Jugend und der von heute?

Ursula Vorholzer: Wir haben damals mehr gearbeitet, hatten viel weniger Freizeit und kaum Geld. Ich bin 1938 geboren, kurze Zeit später wurde mein Vater als Scharfschütze eingezogen. Bis bei ihm ein Tumor im Rückenmark entdeckt wurde. Er wurde operiert und früh pensioniert. Meine beiden Eltern waren Lehrer, wir wohnten über der Schule mit vielen Zimmern und einem riesigen Garten, in dem wir Kleintiere hielten und Gemüse und Obst anbauten. Schon als 13jähriges Mädchen musste ich viel im und um das Haus herum schuften. Sie müssen bedenken: Es gab damals so gut wie keine Wasserversorgung im Garten. Mein Bruder und ich mussten jeden Tag mit einem Leiterwagen runter zum Weiher und Wasser zum Gießen holen. Wir haben uns damals geschworen, dass wir niemals einen Garten wollen. Und hatten am Ende natürlich doch einen, aber das ist eine andere Geschichte. Es war eine harte Zeit für mich. Auch, weil ich nebenbei Französisch lernen musste. Mein Vater war als ehemaliger Lehrer sehr streng – strenger, als er es je zu seinen Schülern war. Wehe, wir hatten mal etwas nicht richtig kapiert – dann hat er mir die ganzen Bücher nachgeschmissen. Das war eine ganz andere Zeit.

<strong>Ursula Vorholzer </strong>lebt seit knapp einem Jahr in der Konstanzer Seniorenresidenz Tertianum. Sie war als Angestellte am Konstanzer Landgericht tätig.<br /><br />
Ursula Vorholzer lebt seit knapp einem Jahr in der Konstanzer Seniorenresidenz Tertianum. Sie war als Angestellte am Konstanzer Landgericht tätig.

| Bild: Rindt Claudia

 

Frau Schmautz, Frau Vorholzer: Was bewundern Sie an der Jugend von heute?

Ursula Vorholzer: Dass sie mutiger und selbstständiger sind. Sie fordern auch mehr, das hätten wir uns nicht erlaubt.

Marieluise Schmautz: Ich bewundere auch das technische Verständnis. Ich habe nicht mal ein Handy. Ich will auch keins, weil ich nicht ständig erreichbar sein möchte.

Ursula Vorholzer: Die Jugend von heute wächst da ja auch rein, das hatten wir doch früher alles nicht. Wir hätten es uns auch nicht leisten können. Heute bekommen die Jugendlichen Smartphones zu Weihnachten. Bei mir war jedes Jahr vier Wochen vorher meine Puppe Charlotte weg. Am Heiligen Abend hatte sie ein neues Kleidchen.

Was nervt sie an der Jugend von heute?

Marieluise Schmautz: der Lärm. Und was mich als Busfahrerin nervt: Die jungen Leute schauen nur noch auf ihr Smartphone. Sie schauen nicht auf, hören nichts, wollen nichts sehen. So vernachlässigen sie ihr Gegenüber. Natürlich muss man sich nicht ständig anschauen. Aber der Augenkontakt, das Anlächeln – das geht verloren.

Ursula Vorholzer: Eine Bekannte erzählte mir, dass ihre Tochter von der Schule nach Hause kommt, sie direkt am Telefon hängt und mit der besten Freundin aus der Schule quatscht. Die Mutter weiß gar nicht, was die sich schon wieder zu erzählen haben.

Marieluise Schmautz: Ich könnte mir vorstellen, dass das auch ein Statussymbol ist. Ein Smartphone und damit dann eben auch zu telefonieren.

Marit Meinhold: Das würde ich so nicht sagen. Ein Smartphone zu haben, ist heute selbstverständlich. Ich habe das auch gemacht mit 15: Zwei Stunden mit der besten Freundin telefoniert, obwohl wir schon den ganzen Vormittag miteinander in der Schule verbracht haben.

Marieluise Schmautz: Die jungen Leute vergeben sich aber selbst sehr viel dadurch, dass sie zwar viel mehr kommunizieren als früher – aber sich nicht mehr persönlich begegnen.

Ursula Vorholzer: Ich habe jeden Samstag einen gemischten Stammtisch. Da ist auch ein Herr dabei, der gelegentlich von seinen Enkeln erzählt – und dem Wahnsinn Smartphone. Er meinte mal: „Wir haben uns früher geküsst. Dafür haben die heute keine Zeit mehr.“

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Marieluise Schmautz: Wenn man sich dafür begegnet, ist das heute alles viel lockerer als früher. Vor einigen Wochen hatte ich Klassentreffen. Die Jungs damals waren sehr distanziert gegenüber uns Mädchen. Und heute sind sie so fürsorglich, so liebevoll, umarmen einen direkt. Diese Selbstverständlichkeit, dass man sich in den Arm nimmt: das finde ich sehr viel schöner als zu unserer Zeit.

Frau Vorholzer, Frau Schmautz: Wenn Sie bitte folgenden Satz vervollständigen: Ich hätte mit 26 Jahren gerne gewusst, dass…

Ursula Vorholzer: Ich hätte nie gedacht, dass ich überhaupt in dieses Alter komme. Dass ich noch mit 80 Jahren ein so gutes und glückliches Leben führen darf, trotz des Verlustes meines Mannes. Dafür, und dass ich gesund bin, bin ich sehr dankbar. Als ich 26 Jahre alt war, dachte ich mir: Wie geht das alles weiter? Gerade war meine erste Ehe gescheitert, ich war in einer misslichen Lage.

Marieluise Schmautz: Ich war mit 26 Jahren relativ frisch verheiratet. Ich habe viele Aufs und Abs erlebt, beruflich wie privat, sodass ich eine unendliche Dankbarkeit verspüre für das, was mir geblieben ist. Dass ich jetzt noch zum Teil die Früchte meiner Arbeit ernten kann. Darüber habe ich damals nicht nachgedacht.

Hatten Sie mit 26 Jahren, also in den 60er Jahren, Angst vor der Zukunft?

Marieluise Schmautz: Nein, absolut nicht.

Ursula Vorholzer: Nein.

Haben Sie es, Frau Meinhold?

Marit Meinhold: Angst vielleicht nicht, aber eine Unsicherheit im Hinterkopf, wie das alles werden soll. Das liegt ein Stück weit auch daran, dass wir von der Weltpolitik so viel mehr mitbekommen als früher. Man kennt die ganzen Brennpunkte und denkt irgendwann über bestimmte Fragen nach. Werde ich überhaupt alt werden? Wird unsere politische Ordnung bestehen bleiben? Kann man in diese Welt überhaupt irgendwann Kinder setzen oder ist das unverantwortlich? Das sind Gedanken, die meine Generation schon beschäftigen.

Marieluise Schmautz: Wir hatten in unserer Jugend auch viel bessere berufliche Perspektiven. Ich wäre in meinem erlernten Beruf als Dolmetscherin gut untergekommen, da war ich mir sicher. Genauso war es bei meinem Mann, der Karriere in der Medizin machte. Brennpunkte gab es natürlich auch damals. Aber wir wussten damals nichts davon. Da sind die medialen Möglichkeiten von heute ganz andere.

Ursula Vorholzer: Ich muss noch eine Sache ergänzen. 1948 gab es ja die Währungsreform. Jeder bekam 40 Mark Kopfgeld. Mein Bruder und ich haben damals ganz dringend Unterwäsche gebraucht, weil wir damals die Krätze hatten. Die stinkende grüne Salbe – ich habe heute noch den Geruch in der Nase – hatte die Unterwäsche durchgefressen. Also standen wir mit diesen 40 Mark vor den Läden, die plötzlich über Nacht bis oben hin voll waren. Wo die vorher ihr Zeug bunkerten, ist mir heute noch ein Rätsel. Aber wir waren damals so hoffnungsvoll, dass jetzt ein anderes Leben kommt. Dass es wieder aufwärts geht.

Frau Meinhold, wie würden Sie gerne leben, wenn Sie 80 Jahre alt sind?

Marit Meinhold: Schwierig zu sagen, wie dann die äußeren Umstände sind. Denn davon hängt natürlich viel ab. Aber was mir auch durch das Jahr hier bewusst geworden ist: Auch, wenn im Alter vieles körperlich vielleicht nicht mehr so geht, heißt das nicht, dass man ein unzufriedenes Leben führen muss und sich jeden Tag wünscht, wieder jung zu sein. Insofern hoffe ich, dass ich auch mit 80 Jahren so viel Zuversicht und Lebensmut habe. Und natürlich wäre es schön, entsprechend abgesichert zu sein. Ein Leben in einem sicheren Umfeld zu führen.

Ursula Vorholzer: Es darf einfach keinen Krieg mehr geben. Wenn man sich anschaut, was gerade mit der EU passiert, den USA, China: Da steht vieles auf wackeligen Beinen.

Marieluise Schmautz: Manchmal scheint es mir, dass die Menschheit nichts gelernt hat.

Marit Meinhold: Das ist etwas, das ich im vergangenen Jahr von den 80- oder 90-jährigen Bewohnern hier oft gehört habe. Sie können es nicht nachvollziehen, wie man so leichtsinnig weltpolitische Äußerungen von sich geben kann, die solchen Zündstoff enthalten. Wenn man den Krieg nicht erlebt habe, könne man sich nicht vorstellen, wie schnell so etwas eskalieren kann und wie schlimm es dann ist. Und das ist das große Problem der jungen Generation. Ihnen fehlt der Bezug zu dem, was passiert ist. Gerade auch, wenn man keine Menschen mehr um sich hat, die abseits vom Geschichtsbuch von ihren persönlichen Erfahrungen berichten.

Marieluise Schmautz: Aber mal ehrlich, Marit: Wer will sich diese Geschichten heute noch anhören? Da heißt es dann doch: Och ne, nicht schon wieder die ollen Kamellen.

Können Sie solche Aussagen nachvollziehen?

MarielusieSchmautz: Es kommt drauf an, wie einem diese Geschichten erzählt werden. Informativ – oder mit erhobenem Finger. Das hat uns übrigens auch bei Marit sehr gefallen. Wenn Sie versucht hat, uns etwas beizubringen, hat sie das nie mit dem erhobenen, pädagogischen Zeigefinger getan.

Ursula Vorholzer: Marit, du wärst für mich eine Traumlehrerin gewesen. Und ich komme aus einem Lehrerhaushalt!