Symbolik kommt schon mal auf einer Rückseite daher. Auf der zweiten Seite des Programms zum Ablauf dieser Einbürgerungsfeier im Landratsamt ist die Nationalhymne abgedruckt, Text und Melodie. Ein Text, den eigentlich jeder Deutsche auswendig können sollte, aber nicht jeder kann. Als alle aufstehen, um die Hymne unter Begleitung des Vokalensembles der Jugendmusikschule Hegau-Bodensee zu singen, lesen viele den Text ab – nicht nur die Neubürger.

Wie der Staat "Willkommen" sagt

An diesem Nachmittag geht es darum, Menschen warm willkommen zu heißen, aber wie spricht ein Staat Willkommensgrüße aus? Und es geht um Begegnung; manchen Menschen im Saal geht es um größere Gefühle, um tief empfundene Dankbarkeit. Landrat Frank Hämmerle schultert als Vertreter des Staates die Bürde und lockert den Ernst der Stunde mit einem Scherz auf: "Zum Glück haben Sie alle sich vor der Fußball-WM entschieden, deutsche Staatsbürger zu werden, sonst hätten Sie es sich vielleicht anders überlegt" – Nationalgefühl kann schmerzhaft sein. Seinem Willkommen fügt Hämmerle Respekt bei, wenn er erläutert, welche Leistung Integration bedeutet, was es erfordere, die Sprache zu lernen, sich mit den Regeln auseinander zu setzen: "Jeder von Ihnen hat ein glänzendes Beispiel von Integration gegeben". Der Landrat bezieht zudem Stellung: "Wir im Landkreis profitieren von der Zuwanderung."

Von der Last der Debatte

Es sind eigentlich keine guten Tage für ein herzliches Willkommen in einem Staat, dessen Innenminister deutlich gemacht hat, dass er sich über Abschiebungen freut, dessen Regierung verzweifelt um Zusammenhalt ringt und dessen Bürger dem Thema Migration je nach politischer Haltung wahlweise mit Angst, Misstrauen oder dem Gefühl der Übersättigung begegnen. Keine guten Tage in einem Europa, das, erschöpft vom endlosen Konferieren, um die scheinbar einzige Frage von Relevanz kreiselt: wie viele Flüchtlinge noch, und wenn ja, wo – und wie können Zäune und Grenzen effizienter werden?

Ein Notarzt eilt zum Empfang und wieder zum Dienst

Liviu Anton berühren diese Fragen nicht, der ausgebildete Notarzt hat dazu keine Zeit; zwei Stunden lang hat ihm der Kollege versprochen, seinen Dienst zu übernehmen, damit Liviu seine Rede halten kann. Und sie beeindruckt, auch, weil sich der gebürtige Rumäne vor großen Gefühlen nicht scheut. Vor genau 16 Jahren habe er geheiratet, ein paar Parallelen zu einer Ehe kommen ihm bei seiner Annäherung an Deutschland in den Sinn: "Wie bei einer Ehe spricht man dieselbe Sprache, und doch kommt es immer wieder zu Missverständnissen." Die Sprache reiche eben nicht, Integration und Staatsbürgerschaft bedeuteten auch Kultur, Geschichte, Hintergrund: "Es geht um eine Geschichte der Seele." Was der gebürtige Rumäne formuliert, ist ein sehr emotionales Bekenntnis zu seiner neuen Heimat: "Was haben wir an Deutschland geliebt? Den Respekt für deine Arbeit, für deine Zeit? Dafür, dass es nicht mehr nötig war, Freundschaften zu bilden, um etwas zu erreichen."

Ein kleiner Junge träumt von Freiheit

All dies sind für den Arzt, der heute in der Schweiz arbeitet, keine Selbstverständlichkeiten, das spürt man, wenn er am Rande der Veranstaltung von seiner Biographie berichtet. Schon der achtjährige Liviu habe von Freiheit geträumt, als in Rumänien das kommunistische Regime zusammenbrach. Viele Hoffnungen erfüllen sich nicht, der junge Liviu Anton hätte gerne Theologie studiert. "Das war in dem System nicht möglich." Er setzt stattdessen auf Medizin und entscheidet sich 2008, mit seiner Frau nach Deutschland zu gehen. Hier geht es schnell mit der Karriere: ein B2-Kurs, 2013 die Ausbildung zum Notarzt, 2014 macht er seinen Facharzt. "Mein Antrieb kam aus der Frustration, dass ich nicht Theologie studieren konnte. Zum ersten Mal fühlte ich mich anerkannt." Er habe keine Barrieren mehr gespürt, so etwas macht glücklich. Die neue Heimat wird zu dem, was Anton von Heimat erwartet: "Danke, Deutschland: für den Glauben an mich, für den Kapitalismus, den fairen Kampf, für die entwickelten Moralstandards, den Humanismus, für mein gutes Leben."

Was eine Landtagsabgeordnete zum Thema beizutragen hat

An besonderen Biographien fehlt es an diesem Tag nicht, darauf hatte bereits der Landrat verwiesen. Die Landtagsabgeordnete Nese Erikli (Grüne), deren Eltern aus der Türkei stammen, ist selbst eine von ihnen, eine Eingebürgerte, ihr eigener Lebenslauf ist ihr aber nicht viel mehr als zwei Halbsätze wert: "Ich habe mich zu diesem Schritt als Studentin entschlossen und dafür auf den Führerschein verzichtet." Damals habe die Einbürgerung noch eine Stange Geld gekostet. Lieber erzählt sie von ihrem Bruder, der sich vom KFZ-Mechaniker zum Abteilungsleiter hoch gearbeitet hat. Sie appelliert an die deutsche Gesellschaft, "zu zeigen, dass Integration willkommen ist". Die neuen Deutschen fordert sie auf, sich einzubringen und politisch zu engagieren.

Ein Gastarbeiter der ersten Generation erzählt

Annunziato d'Agosto blickt mit Gelassenheit auf viele Jahre Deutschland – und ist dennoch stolz, die Papiere in der Hand zu halten, die ihn zu einem Deutschen machen. Nötig sei dies nie gewesen, als Italiener lebt es sich hier gut. Es sei ihnen aber wichtig gewesen, ihm und seiner Frau Gaetana, die von allen Tanina genannt wird, ein Bekenntnis zu dem Staat abzulegen, den sie inzwischen als Heimat empfinden. In Moio della Civitella, wo d'Agosto aufwuchs, kenne er kaum noch jemanden. "Wir fahren nach Italien in Urlaub und danach – nach Hause", so drückt Tanina Giulotta es aus. Dass eine neue Heimat Schmerz und Heimweh und Sehnsucht bedeutet, weiß jeder im Saal, für den 74-jährige Annunziato d'Agosto ist es Teil seiner Geschichte: "Die ersten drei Monate in Deutschland habe ich jeden Abend geweint." Er habe in Italien einen guten Job gehabt, in Engen arbeitete er in den 1970ern täglich 13 Stunden in der Schreinerei, um bleiben zu können. In Italien hätte er Soldat werden müssen, das wollte er nicht. Manchmal schafft es Deutschland, einen Menschen zu retten.

Woher die neuen Bürger stammen

  • Einbürgerungen: Im Jahr 2017 wurden insgesamt 483 Personen eingebürgert. Die Zahl bleibt einigermaßen stabil, 2016 waren es 583, 2015 entscheiden sich im Landkreis Konstanz 453 Ausländer, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben.
  • Herkunftsländer: Die Aspiranten stammten im Jahr 2017 aus 71 Staaten, es habe darunter laut Auskunft des Landratsamts auch wenige Personen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit gegeben. Mit 58 die meisten Anträge kamen von türkischen Bürgern, gefolgt vom 53 Kosovaren. 2016 lag die Zahl der Einbürgerungen aus dem Kosovo vor jenen aus der Türkei. An dritter Stelle liegt Rumänien mit 38 bewilligten Anträgen. Auffällig gestiegen ist 2017 die Zahl der Briten, die den deutschen Pass erhielten: 27 sind es, während 2016 nur 12 Briten die Einbürgerung anstrebten; Weitere Herkunftsländer sind Italien, Portugal, Mazedonien, Bosnien, Polen, Serbien, Syrien, Bulgarien und Russland.
  • Voraussetzungen: Ganz einfach ist es nicht, Deutscher zu werden. Nachzuweisen sind laut Mitteilung des Landratsamts ein achtjähriger (rechtmäßiger) Aufenthalt in Deutschland, Sprachkenntnisse (Niveau B 1), Kenntnisse der Rechtsordnung, eine wirtschaftliche Absicherung durch Einkommen oder Vermögen. Der Antragssteller darf nicht vorbestraft sein. Er muss ein Bekenntnis zur freiheitlichen demokratischen Grundordnung ablegen.