Konstanz Was ein kleiner Hund über das große Leben lehrt

Julia Heier lebt in Konstanz und hat soeben ihr erstes Kinderbuch geschrieben. Im Interview erzählt sie, was es mit dem Hund Pablo auf sich hat, warum sie so gerne am Bodensee ist und wie das junge Publikum ihre Arbeit beeinflusst.

Frau Heier, Ihr erstes Kinderbuch ist frisch gedruckt. Kinder sind das schwierigste Publikum, weil sie gnadenlos ehrlich sind. Warum wollten Sie sich dieser Herausforderung stellen?

Ich wollte ein Buch für meine Tochter Emilia schreiben, so lange sie noch im Vorlesealter ist. Ein eigenes Buch ist das schönste Geschenk, das ich ihr machen kann. Natürlich sind Kinder gnadenlos ehrlich, aber das finde ich auch toll, denn sie lassen ihren Emotionen freien Lauf und sagen sofort, wenn sie sich langweilen. Ich habe das Buch vor Veröffentlichung Kindern verschiedenen Alters vorgelesen und sie gefragt, welche Wörter oder Zusammenhänge sie nicht verstehen. Sie haben auch geholfen, die Illustratorin zu finden. Alle Kinder waren magisch angezogen von Helena Haslachs bunten Zeichnungen. Aber natürlich ist das Schreiben eines Kinderbuchs eine große Herausforderung. Ich wollte zum Beispiel nicht zu einfache Sätze schreiben, das stört mich oft an anderen Kinderbüchern.

In „Pablos Reise“ geht es um einen kleinen Hund aus Neapel, der sich allein durchschlagen muss, bis er mit dem Schiff fliehen kann und woanders eine neue Heimat findet. Das klingt nach Flüchtlingskrise.

Stimmt, aber das war nicht meine erste Intention. Die Idee zur Geschichte kam mir durch meinen Hund Pablo, den ich als Jugendliche aus einem Tierheim in Neapel mitgenommen habe. Wir sind damals auch über das Wasser gereist, das fand ich für die Geschichte spannender als eine Autofahrt. Tatsächlich arbeite ich aber unter anderem mit unbegleiteten jugendlichen Geflüchteten, die mir manchmal von ihren langen Wegen erzählen – und von den vielen Menschen, die ihnen auf der Flucht halfen. Ihre Route suchten sie nicht selten danach aus, wohin vertrauensvolle Menschen gingen, die sie auf der Flucht getroffen haben. Diese Elemente habe ich ins Buch eingearbeitet.

Julia Heier (rechts) hat mit "Pablos Reise" ihr erstes Kinderbuch geschrieben. Über die Entstehungsgeschichte sprach sie mit SÜDKURIER-Mitarbeiterin Kirsten Schlüter im Café Auszeit. Bild: Aurelia Scherrer
Julia Heier (rechts) hat mit "Pablos Reise" ihr erstes Kinderbuch geschrieben. Über die Entstehungsgeschichte sprach sie mit SÜDKURIER-Mitarbeiterin Kirsten Schlüter im Café Auszeit. Bild: Aurelia Scherrer

Weitere Themen sind das Überwinden von Grenzen, die Trennung von den Eltern, Sehnsucht und Freundschaft. Ist das nicht ein bisschen viel für Kinder?

Klar, fast alle fragen nach dem Vorlesen, was mit Pablos Mama passiert, die er am Anfang der Geschichte verliert. Das thematisiere ich im Buch aber nicht, es bleibt unklar. Trotzdem gibt es ein glückliches Ende, und die Botschaft lautet: Selbst, wenn etwas Schlimmes geschieht, geht das Leben weiter, und es tun sich neue Lösungen auf. Glück fühlt sich nochmal ganz anders an, wenn man Verlust erlebt hat. Mit dem guten Ausgang der Geschichte kommen die Kinder gut klar.

Kannte Emilia den echten Pablo?

Er wurde sehr alt und starb kurz nach ihrer Geburt. Sie kann sich nicht an ihn erinnern. Aber heute haben wir wieder eine Hündin aus dem Tierheim, Lene. Nach ihr habe ich meinen neu gegründeten Buchverlag genannt. Denn ich dachte mir: Wenn Pablo ein eigenes Buch bekommt, muss ich Lene auch ein Denkmal setzen.

Wie dem Bodensee: Pablos Reise endet an kristallklarem Wasser, er sieht blühende Wiesen und unzählige Apfelbäume. Ist hier heile Welt, das Paradies?

Ja, definitiv. Ich habe in Italien und Deutschland an verschiedenen Orten gelebt und bin viel gereist, aber hier ist für mich der perfekte Ort zu leben. Konstanz ist meine zweite Heimat. Nicht nur die Natur ist toll, auch die Menschen. Dass die Stadt voll ist, empfinde ich nicht als Makel, sondern als Kompliment. Und man kann ja auch nach Gottlieben laufen, da ist es ruhig. Hier ist das Lebensgefühl wie in Italien, aber alles ist sauber, sicher und funktioniert (lacht). Wenn möglich, möchte ich hier gerne für immer bleiben.

Was haben Sie durch das Buchschreiben und die Verlagsgründung selbst gelernt?

Vor allem Geduld. Bis der Text für das erste Buch grob stand, vergingen zwei Jahre. Gerade, weil die Texte so kurz sind, dauerte das Schreiben so lange. Es muss alles auf den Punkt passen. Und das Genre Kinderbuch war ungewohnt für mich. Viel gelernt habe ich außerdem über das Buchwesen und über das Gestalten von Text und Bildern. Und ich habe erfahren, wie kompetent die Mitarbeiter der Duden-Sprachhotline sind und wie eine Website entsteht. Tja, und als mir die erste Illustratorin absprang, wollte ich aufgeben. Aber ich habe es durchgezogen. Das Buch ist meine Selbstverwirklichung.

Wann erfahren die Kinder, wie es Pablo am Bodensee ergeht?

Ab Oktober habe ich ein Sabbathalbjahr, wir gehen nach Asien und Neuseeland. In dieser Zeit will ich die Fortsetzung schreiben.

Fragen: Kirsten Schlüter


Zur Person

Julia Heier, 34 Jahre, wurde in Kempten/Allgäu geboren. 2004 kam sie zum Studium der Germanistik und Romanistik (Italienisch) nach Konstanz. Sie absolvierte außerdem die Lehrerausbildung an der Pädagogischen Hochschule Thurgau und unterrichtet an der Kantonsschule Trogen. Außerdem lehrt sie an der Universität Konstanz. Julia Heier ist verheiratet und hat eine dreijährige Tochter. Das Buch "Pablos Reise" (40 Seiten, empfohlen für 4-7 Jahre) ist in kleineren Konstanzer Buchhandlungen und im Internet (www.lene-verlag.de) erhältlich und kostet 17,95 Euro. ISBN: 978-3-00-057405-4. (kis)

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