Herr Mustapic, wie war es für Sie, vor fast 50 Jahren in Konstanz ein ganz neues Leben anzufangen, ohne Deutsch zu sprechen?

Das war natürlich sehr ungewohnt. Ich kam als Drittklässler hier in die Grundschule und habe kein Wort verstanden. Ich habe aber immer wieder nachgefragt, als Kind merkt man sich ja alles ziemlich schnell. Außer mir waren noch spanische, italienische und türkische Kinder in der Klasse. Als wir besser Deutsch schwätzen konnten, hatten wir schnell auch einheimische Freunde.

Warum kamen Sie überhaupt aus dem ehemaligen Jugoslawien hierher?

Meine Eltern waren die klassischen Gastarbeiter, Deutschland brauchte Arbeitskräfte. Eigentlich wollten meine Eltern nur ein paar Jahre in Deutschland bleiben und dann wieder zurückgehen, doch das Leben hier kostet auch was. Also hat der Plan nicht funktioniert. Für meinen Vater, der die ersten drei Jahre allein in Deutschland blieb, war es nicht leicht.

Welches Land bezeichnen Sie heute als Heimat?

70 Prozent Deutschland, 30 Prozent Kroatien. Ich fahre jedes Jahr zweimal runter, es gefällt mir dort sehr gut. Aber hier bin ich aufgewachsen.

Was sind die größten Mentalitätsunterschiede zwischen den Ländern?

In Kroatien ist die Erziehung strenger, jedenfalls war es früher so. Es gab schon mal einen Klaps, wenn ein Kind nicht gespurt hat. Und die Lehrer haben viel geschrien. Außerdem haben die Jüngeren dort mehr Respekt vor älteren Menschen als hier. Was mich in Kroatien aber jedes Mal wahnsinnig macht, ist die Unpünktlichkeit. Die wird nicht wirklich wichtig genommen. Es ist in Kroatien normal, dass man 30 bis 45 Minuten zu spät zu einer Verabredung kommt. Dabei haben dort natürlich auch alle ein Handy, melden sich aber nicht. Bei diesem Thema merke ich, dass ich wirklich deutsch geprägt bin (lacht).

Haben Sie jemals daran gedacht, nach Kroatien zurückzukehren?

Nein. Und je älter ich werde, desto weniger denke ich daran. Als Kind habe ich mich schon gefragt, warum meine Eltern mich hergebracht haben. Aber als ich Deutsch konnte, erschloss sich mir eine neue Welt. Außerdem habe ich in Konstanz meine Frau kennen gelernt – eine Armenierin, die in Istanbul geboren wurde. Und unsere beiden Kinder fühlen sich in Deutschland auch sehr wohl, obwohl sie gern nach Kroatien fahren und dreisprachig aufwuchsen.

Welchen Rat haben Sie für alle, die jetzt neu nach Deutschland kommen?

Sie sollen sich an das Gastland anpassen. Selbst wenn man von einem anderen Kontinent stammt, muss man gewisse Sitten aufgeben, die hier nicht üblich sind. Und vor allem schnell Deutsch lernen.

Was halten Sie von der aktuellen Flüchtlingspolitik?

Es kommen einfach zu viele hierher. Bei einigen sind die Absichten unklar. Und die Politik ist überfordert.

Aber Ihre Eltern waren damals auch froh, hier aufgenommen zu werden.

Das ist etwas anderes. Damals brauchte Deutschland die Arbeitskräfte, und die Gastarbeiter waren sehr fleißig. Heute dürfen viele Flüchtlinge ja gar nicht arbeiten. Das ist nicht gut, bei Langeweile ist zu viel Zeit für Dummheiten.

Zu Ihrer Integration trug sicher auch Ihre Arbeit bei. Sie sind seit 40 Jahren bei der Haustechnikfirma Dietenmeier und Harsch angestellt. Wurde Ihnen da nie langweilig?

Nein, gar nicht. Mein Beruf als Anlagenmechaniker ist abwechslungsreich; wie überall im Handwerk lerne ich jeden Tag neue Kunden kennen und fühle mich mit den Kollegen in der Firma auch einfach wohl. 40 Jahre in demselben Betrieb zu arbeiten, ist heute schon außergewöhnlich. Aber ich möchte gern bis zur Rente dort bleiben.

Ergänzen Sie bitte: Konstanz ist für mich...

...die zweitschönste Stadt der Welt. Die schönste ist meine Geburtsstadt Zadar.

Fragen: Kirsten Schlüter

Zur Person

Zeljko Mustapic, 58 Jahre, wurde im heute kroatischen Zadar geboren. 1969 kam er als Drittklässler nach Konstanz, legte an der Stephansschule den Hauptschulabschluss ab und lernte in der Berufsfachschule der kaufmännischen Wessenberg-Schule Bürotechniker. 1977 folgte die Lehre zum Heizungsmonteur (heute Anlagenmechaniker). Zeljko Mustapic ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. In seiner Freizeit fährt er gern Fahrrad und spielt Fußball und Tennis.