Eigentlich wäre Anke Hoeffler gerne geblieben. Seit 1992 lebte sie in Großbritannien, hatte zunächst ein international ausgerichtetes Mentorenprogramm genutzt, um ihre Neugier auf das Land, aber auch die Art und Weise, wie die Briten an Wissenschaft herangingen, zu befriedigen. "1992 hat die EU die Freizügigkeit eingeführt, das habe ich gleich genutzt", berichtet die Wissenschaftlerin, die seit 2019 als Alexander-von Humboldt-Professorin an der Universität Konstanz lehrt und forscht.

Eine junge Wissenschaftlerin nutzt die Vorteile Europas

Eine Weile blieb sie in London, wechselte dann nach Oxford, um in Volkswirtschaftslehre zu promovieren. "Ich habe das sehr genossen: Ich musste nicht heiraten, um ein Aufenthaltsrecht zu bekommen, konnte einfach bleiben. Das ist das Schöne an Europa", sagt Hoeffler rückblickend. Geheiratet hat sie dann doch, baute mit ihrem Mann zusammen ein Haus, bekam zwei Kinder, lehrte und forschte.

Der Ausstieg Großbritanniens aus Europa als Schockerlebnis

Seit Anfang 2019 ist Anke Hoeffler wieder zurück in Deutschland. Ihre Familie hat sie mitgebracht: ihren Mann James Douglas und die beiden Söhne. Der Traum von Europa in ihrer britischen Wahlheimat ist ausgeträumt. Vorerst zumindest.

Den Brexit, der Großbritannien und die EU-Politik so stark beschäftigt, halten beide, Douglas und Hoeffler, für einen Fehler. Das Ergebnis der Abstimmung von 2016 habe sie schockiert, erzählt Anke Hoeffler. Dass sie es nicht hätten kommen sehen, führt sie auch auf fehlende Kontakte zu den "Brexiteers" zurück, zu jenen, die den Ausstieg Großbritanniens aus der EU befürworten.

Welche Brexit-Folgen auch in Konstanz spürbar werden können

Welche Folgen der Brexit für den britischen Arbeitsmarkt haben könnte

James Douglas ist überzeugt, dass der Brexit ein Fehler ist und die britische Wirtschaft negativ beeinflussen wird. Er selbst hat viele Jahre lang in leitender Funktion in einer Brauerei gearbeitet, in England besitzen die Brauereien außerdem etliche Pubs und Wirtshäuser. "In der Firma, in der ich gearbeitet habe, sind etwa 5000 Personen beschäftigt", sagt James Douglas, 80 Prozent der Arbeitnehmer, die in den Küchen der Londoner Pubs arbeiten, stammten aus der EU. Ohne sie müsste sich die Bewirtschaftung der Pubs grundlegend ändern.

Anke Hoeffler ergänzt die Sichtweise weiterer Branchen. Der britische Bauernverband beispielsweise habe sich klar für einen Verbleib in der EU ausgesprochen, allein schon wegen der Erntehelfer. Die meisten früheren Erntehelfer seien inzwischen in andere Länder abgewandert. Ganz ähnlich sehe es im Pflegebereich aus, sehr viele Pflegerinnen stammten aus Osteuropa, Ärzte und Krankenschwestern wiederum kämen aus der ganzen Welt nach Großbritannien.

Wie es mit der Familie weitergeht

Konsequenzen aus den politischen Ereignissen habe ihre Familie nicht sofort gezogen, berichtet Anke Hoeffler weiter. Sie selbst habe sich schon seit Längerem beruflich verändern wollen, auch deswegen rückte Deutschland als Wohn- und Arbeitsort wieder in ihren Fokus. Die Debatte um den Brexit verstärkte das Gefühl, dass eine Veränderung anstehe, auch emotional.

Es sei ihr zwar stets bewusst gewesen, dass sie selbst an Arbeits- und Wohnort willkommen und gut integriert war, dennoch habe man seit der Brexit-Entscheidung als Einwanderer sensibler auf das Thema reagiert. Ihr Mann ergänzt seine Sicht als sehr europäisch orientierter Brite: "Ich wollte nicht, dass meine Kinder in einem Land aufwachsen, das weniger europäisch ist." Er habe die Befürchtung, dass Großbritannien sich zunehmend in eine isolationistische Richtung entwickle.

Auf den britischen Pass möchte Anke Hoeffler nicht verzichten

Seit Anfang des Jahres baut sich die Familie in Litzelstetten eine neue Existenz auf. Anke Hoeffler hat die Chance, durch die Alexander-von Humboldt-Professur ihre Forschung zu Konfliktursachen in Konstanz interdisziplinär zu gestalten, also in Bezug zu den Arbeiten anderer Kollegen zu setzen. Das habe sie an der Stelle sehr gereizt. James Douglas wiederum hat seinen Job in England gekündigt und wird sich nun verstärkt um die Familie kümmern.

Ihre beiden Söhne sollen auch in ihrer Bildung von den Möglichkeiten der EU profitieren, findet Hoeffler. Es gebe so viele Studienprogramme wie Erasmus, die ihnen den europäischen Raum erlebbar machen könnten. Den Wegzug aus ihrer Wahlheimat bedauert sie dennoch. Gerade für ihre Kinder sei es nicht einfach, sie vermissten ihr Umfeld und ihre Freunde. Anke Hoeffler selbst ist froh, dass sie auch die britische Staatsbürgerschaft besitzt.

Die Hoffnung, dass sich Großbritannien wieder auf seine europäische Zugehörigkeit besinnt, bleibt.