Es gibt diese Sekunden, die viel beweisen. Mehr als es lange Gespräche könnten. "Herr Fehlmann, Sie werden uns fehlen", sagt eine Dame nach 90 Minuten Zuhören beim Konstanzer Klimperquatschen. Man spürt: Das ist ihr jetzt wichtig. Wirklich wichtig. Deshalb greift sie sich die Hand des scheidenden Intendanten der Südwestdeutschen Philharmonie, umschließt sie mit ihren eigenen Händen. "Nein wirklich, Sie haben Großes geleistet für Konstanz." Und Fehlmann? Der reagiert Fehlmann-typisch: jungenhafter Blick über die Brillenränder, offenes Lächeln, auf charmante Art zurückhaltend.

Entscheidung für Aachen und Ludwigshafen – nicht gegen Konstanz

Die fünfte Ausgabe des etwas anderen Talks im Klimperkasten steht im Zeichen des Abschieds. Neben Fehlmann ist Ulrich Rüdiger zu Gast, seit zehn Jahren Rektor der Universität. Fehlmann wechselt zur Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz nach Ludwigshafen, Rüdiger zieht es nach Aachen, an die größte technische Uni in Deutschland.

Beide betonen: Die Wechsel waren keine Entscheidung gegen Konstanz, sondern für etwas Neues. Für Rüdiger gehört der Wandel zum Anspruch einer Uni. "Sie lebt vom Kommen und Gehen, das gilt für die Studierenden genauso wie für die Lehrenden", wird er nach eineinhalb Stunden im gut erhitzten Klimperkasten schließen. Künstler Fehlmann drückt es etwas poetischer aus, die Antwort ist jedoch dieselbe: "Die Welt ist ein Wanderzirkus."

Fehlmann: "In der Disco klebte ich am Boden fest"

Der Schweizer macht aus großer Klassik also Zirkus fürs Volk? Ein Vorwurf, den er mitunter hört. Schunkeln mit dem Orchester auf dem Oktoberfest; Inszenierungen in der Disco (Fehlmann: "Als ich den Raum am Tag vor dem Auftritt betrat, klebte ich am Boden fest."); Musiker, die in der Traglufthalle der Therme buchstäblich baden gehen. Für den ein oder anderen war das zu viel des Kultur-Events, zu bunt, zu anbiedernd. Fehlmann sagt jedoch: "Ich bin überzeugt von der Bewegung der Musik hin zu den Menschen und all diese unerwarteten Auftritte haben in den Köpfen etwas bewirkt."

Als Fehlmann kam, übernahm er ein vernachlässigtes Orchester

Vielleicht, und jetzt kommen Bescheidenheit und Schelmentum gleichermaßen durch, habe er auch einfach Glück gehabt, als er vor fünf Jahren die Philharmonie übernahm. "Irgendjemand musste es ja machen", sagt er auf die Frage von Moderator Harald Kühl, warum er sich das damals überschuldete Orchester antat, dessen Chef überdies auch noch abgetaucht war. Klar, auch diese Frage muss noch gestellt werden: Was wird ihm denn an Konstanz fehlen nach fünf Jahren? Es tue ihm ja leid, dass das so schmierig klinge, entschuldigt sich Fehlmann. "Aber es sind die Offenheit und Warmherzigkeit der Menschen." Man kann es in Konstanz aushalten.

Rente in Konstanz – daran wollte Ulrich Rüdiger nicht denken

Fast doppelt so lang wie Fehlmann hat das Ulrich Rüdiger getan. Als nun der Ruf aus Aachen kam, musste es einfach passieren, sagt der Uni-Rektor. Zurück dorthin, wo er selbst studierte. Wäre er geblieben, hätte das für den Anfang 50-Jährigen bedeutet: Rente in Konstanz. Nicht schlimm, machen viele. "Aber Physiker werde ich wohl nicht mehr und etwas Neues sollte es eben doch sein", sagt er.

Zumal sich, wie er zugeben wird, die Forschungen seiner Doktorarbeit – er wird auch kurz erklären, was denn nun "Präparation, Charakterisierung und Kerr-Spektroskopie an MnBi-Dünnfilmen im Hinblick auf ihre Anwendbarkeit als magnetooptisches Speichermedium" bedeutet – nie durchgesetzt habe.

Zwei unterschiedliche Berufe, zwei ziemlich ähnliche Weltsichten

Es sitzen zwei Personen auf dem Podium, genau genommen ist es ein Bartisch, die sich ähnlicher sind, als es ihre Karrieren erwarten lassen. Fehlmann wie Rüdiger zeichnen Nüchternheit aus, der Blick aufs Analytische. Gepaart mit dem Blick auf die Welt da draußen. Wie der Künstler die Musik, will auch der Physiker die Uni – vor allem aber ihren Wissensschatz – zu den Menschen bringen."Es geht ja nicht darum, dass wir so tun, als lösten wir jeden Tag die Probleme dieser Welt", sagt Rüdiger. Aber die gewonnenen Erkenntnisse müssten auch transportiert werden.

Er wird es akademischer ausdrücken, aber auch der Ulrich Rüdiger findet Konstanz ziemlich toll. Kann nicht bitte noch ein schlechtes Wort fallen? Da endlich kommt die große Schelte des Uni-Rektors: "Die Butterbrezeln nach vierstündigen Sitzungen, die brauche ich wirklich nicht mehr." Man ist geneigt, ihm vertrocknete Aachener Printen zu wünschen, diese süßen, überwürzten Lebkuchen. Aber Konstanzer tun das nicht. Denn spätestens seit diesem Abend weiß man von Beat Fehlmann: Sie sind warmherzig.

Zu den Personen

  • Ulrich Rüdiger wurde 1966 in Helmstedt geboren. Er studierte Physik an der RWTH Aachen, wo er später promovierte und habilitierte. Seit 2002 arbeitet er in Konstanz, im Oktober 2009 wurde er dort Rektor und später bis 2023 wiedergewählt. Doch zum 1. August wechselt er zurück nach Aachen.
  • Beat Fehlmann (43) stammt aus einem kleinen Ort im Kanton Aargau. Er studierte Klarinette, Dirigieren und Komposition. Die Intendanz der Südwestdeutschen Philharmonie übernahm er 2013, im September wechselt er zur Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen.