Der Name ist gleich geblieben. Ein Großteil der alten Mitarbeiter kümmert sich seit Anfang Mai wieder um die Kunden in der Schneckenburgstraße 11. Und auch der neue Betreiber dürfte den Gästen in der Gastrobar Wohnzimmer bestens bekannt sein. Trotzdem feiert man dort einen Neuanfang. Von einem Phönix, der der Asche entsteigt, schreibt der neue Betreiber Senad Kalajdzisalihovic in einer Pressemitteilung. Aber auch: von stürmischen Zeiten.

Was es damit auf sich hat und wie viel vom alten im neuen Wohnzimmer steckt, möchte er dem SÜDKURIER persönlich erklären. Also treffen wir uns in dem wiedereröffneten Lokal, das für ihn mehr ist als nur ein langjähriger Arbeitsplatz. Senad Kalajdzisalihovic ist mittelgroß und schlank, er trägt Dreitagebart und eine gepflegte Wuschelfrisur.

Gleich zu Beginn des Interviews bezeichnet er das Wohnzimmer als Herzensprojekt und sich selbst als Erfinder des Markenkonzepts. „Das Wohnzimmer bestand schon vor der Betreibergesellschaft Rhymathafen“, sagt Kalajdzisalihovic. Er habe die Idee eingebracht und die Gaststätte an ihrem heutigen Standort seit 2015 mit aufgebaut. Und auch wenn die Rhymathafen Gastronomie GmbH nun seit Anfang des Jahres insolvent ist, möchte Kalajdzisalihovic das Wohnzimmer nicht aufgeben. „Ich betreibe es bis auf Weiteres selbst“, fasst er zusammen. „Ich bin jetzt verantwortlich!“

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Neustart ohne alten Geschäftsführer

Unterstützt wird Kalajdzisalihovic von seinem Freund Andy Lohr, der ihm in juristischen Belangen und auch beim Gespräch mit dem SÜDKURIER zur Seite steht. Lohr beschreibt Kalajdzisalihovics neue Rolle so: „Das Projekt Wohnzimmer wird aktuell einzig und allein durch Senad betrieben. Eine neue Gesellschaft wird die Führung voraussichtlich in absehbarer Zeit übernehmen.“ Wer an dieser Gesellschaft beteiligt sein wird, sei noch nicht abschließend geklärt.

Fest stehe aber bereits, wer nicht dabei sein wird: Rhymathafen-Geschäftsführer Simon „Dose“ Wiesinger. „Seit Anfang Dezember 2018 ist er gesundheitlich sehr angeschlagen und war deshalb weder für mich noch für andere erreichbar“, sagt Kalajdzisalihovic. Inwiefern Wiesingers Abwesenheit mit der zwischenzeitlichen Schließung des Lokals zu tun hat, möchte er aber nicht weiter öffentlich kommentieren.

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Andy Lohr ist auskunftsfreudiger: „Gegen die alte Gesellschaft läuft ein Insolvenzverfahren. Mit der Eröffnung des Verfahrens wurde die Insolvenzverwalterin legitimiert, zu handeln. Sollten daraus resultierend Strafverfahren folgen, würden die gegen den Geschäftsführer laufen. Er ist buchführungspflichtig, und in der Pflicht, Sozialversicherungsabgaben zu leisten.“ Senad Kalajdzisalihovic wiederum sei lediglich ein Gesellschafter von Rhymathafen gewesen. Man könnte es so ausdrücken: Auch wenn Kalajdzisalihovic vielleicht von Kunden und Mitarbeitern in der Vergangenheit als gleichberechtigter Chef des Wohnzimmers wahrgenommen worden war, argumentiert Lohr, dass Kalajdzisalihovic nicht in der gleichen Verantwortung stand wie Wiesinger.

Zwölf von 16 Mitarbeitern sind geblieben

Apropos Mitarbeiter. Auch wenn der alte Geschäftsführer nicht mehr an Bord ist, müssen sich die Gäste mit der Neueröffnung des Wohnzimmers nicht gleich an neue Gesichter gewöhnen: „Von den 16 Mitarbeitern, die hier bis Ende Januar gearbeitet haben, sind zwölf wieder dabei“, erklärt Kalajdzisalihovic. „Wir hatten nach der Schließung Kontakt gehalten.“ Das bestehende Arbeitsverhältnis mit Rhymathafen sei aufgelöst, die Mitarbeiter von ihm neu eingestellt worden.

Zu den Vorwürfen ehemaliger Mitarbeiter, die sich an den SÜDKURIER gewendet hatten, weil sie sich im Wohnzimmer ausgenutzt und sexistischen Sprüchen ausgesetzt sahen, sagt Kalajdzisalihovic: „Wir sind hier eine Familie und der Anspruch ist immer, dass wir uns gut behandeln wollen.“ Er habe eine ganz andere Arbeitsatmosphäre wahrgenommen und verweist auf die alten Mitarbeiter, die ihn seit der Schließung aufgebaut hätten, und direkt wieder bereit waren, im Wohnzimmer zu arbeiten.

„Es ist eigentlich nicht so gemeint“

Einer von ihnen ist Barchef Michael Knoll. Zum Miteinander der Belegschaft sagt der 43-Jährige: „Hier herrscht ein sehr lockerer Umgangston. Wenn man die Sachen aus dem Kontext nimmt, klingt das manchmal hart – aber: Es ist eigentlich nicht so gemeint.“ Und angesprochen auf den Umstand, dass sich mehrere ehemalige Mitarbeiter gegenüber dem SÜDKURIER über fehlende oder unpünktliche Gehaltszahlungen beschwert hatten: „Es ist durchaus ein bisschen chaotisch.“ Knoll sagt aber auch, dass er stets sein Gehalt bekommen habe. „Vielleicht nicht immer zum ersten des Monats – aber es kam.“

Im neuen Wohnzimmer sollen die Mitarbeitergehälter aus den laufenden Einnahmen bezahlt werden, sagt Senad Kalajdzisalihovic. Er freue sich aber darüber, dass ihm sowohl der Verpächter als auch Lieferanten und DJs entgegengekommen seien, als er sich entschieden habe, das Lokal wieder zu eröffnen.

Bald soll die Galerie nutzbar sein

Ein Hindernis, das der Neueröffnung im Weg stand, welches der neue Betreiber nun aber für ausgeräumt hält, sind die Baumängel im Lokal. Beim Interviewtermin präsentiert Kalajdzisalihovic einen neu eingebauten Rettungsweg auf der bisher noch durch ein schwarzes Band abgesperrten Galerie-Ebene. Da man die entsprechenden Nachweise erbracht habe und die Mängel beseitigt seien, gehe er davon aus, dass man die Galerie-Ebene in den kommenden Tage wieder öffnen könne. Aus dem Pressereferat der Stadt Konstanz heißt es dazu: „Es handelt sich um ein laufendes Verfahren zu dem wir aus datenschutzrechtlichen Gründen derzeit keine Auskunft erteilen können.“

Im Moment ist die Galerie-Ebene noch nicht offen. Ein schwarzes Band hindert die Gäste, die Treppe zu benutzen. Das könnte sich aber schon in wenigen Tagen ändern.
Im Moment ist die Galerie-Ebene noch nicht offen. Ein schwarzes Band hindert die Gäste, die Treppe zu benutzen. Das könnte sich aber schon in wenigen Tagen ändern. | Bild: Wohnzimmer

Ob mit oder ohne Galerie-Ebene, Senad Kalajdzisalihovic zeigt sich jetzt bereits zufrieden mit der Resonanz, die sein Lokal seit der Neueröffnung erfahren hat. Bereits am ersten Abend sei das Wohnzimmer komplett voll gewesen. Sein Eindruck: „Die Leute sind froh, dass wir wieder da sind.“