Die Inszenierung von George Taboris Farce „Mein Kampf“ – sie hat schon längst begonnen. „Sie können sich entscheiden: Mit dem regulären Erwerb einer Eintrittskarte in der Kategorie ihrer Wahl erklären Sie sich bereit, im Theatersaal einen Davidstern zu tragen. Sie haben auch die Möglichkeit kostenlos ins Theater zu gehen: Für eine Freikarte erklären Sie sich bereit, im Theatersaal ein Hakenkreuz zu tragen. Die Symbole erhalten Sie vor der Vorstellung im Theaterfoyer. Bitte nehmen Sie diese nach der Vorstellung noch im Theater wieder ab“ – das ist also die Ausgangslage. Wer dachte, es sich nach zwei Weinschorlen im Theatersessel bequem zu machen, hat nicht mit einer Spezialität des Theaters Konstanz und seines Intendanten Christoph Nix gerechnet: der Provokation. Ohne Drama kein gutes Theater. Die Weigerung des Publikums, irgendetwas zu tragen, ist vielleicht sogar gewünscht. 

Dass so heftig über die Premiere diskutiert wird, dürfte jedenfalls ganz im Sinne des Intendanten sein. Gewissermaßen hat sich da ein Dreigestirn der Empörung und des schwarzen Humors gefunden. Der schon immer streitbare Intendant Nix. Serdar Somuncu, der deutschlandweit bekannt ist und schon vor Jahrzehnten mit seinen Lesungen aus Hitlers „Mein Kampf“ für Aufmerksamkeit sorgte. Und George Tabori, der sich nicht für Political Correctness interessierte, dafür umso mehr für das Wesen des Menschen. In dieser Linie argumentiert auch das Theater: „Wir möchten nahelegen, diese Aktion als eine Auseinandersetzung und dringenden Hinweis darauf zu verstehen, wie korrumpierbar und verführbar auch heute Menschen für den Faschismus sind.“ Das mag im Sinne der Kunst nachvollziehbar sein, aber diese Auseinandersetzung hätte schon mit dem Stück selbst und dessen Inhalt erreicht werden können, über das nun leider gar nicht mehr gesprochen wird. Stattdessen wurden mit der Aktion vorab Gefühle von Betroffenen verletzt, die sich zu Recht fragen, ob da Mittel und Zweck nicht eklatant auseinanderklaffen.

Es ist schon eine Woche vor der Aufführung eine Farce: Das Theater sieht das Tragen des Davidsterns als eine positive Geste der Solidarität mit den Opfern von nationalsozialistischer Gewaltherrschaft, Fanatismus und Faschismus – und die Opfer empfinden genau das Gegenteil. Das – und die Tatsache, dass sich selbst die Theaterfreunde vom Theater distanzieren – schadet dem Theater mehr, als die Debatte um moralische Fragen bringt. Dem Kartenverkauf dagegen weniger. Die Premiere am 20. April, Hitlers Geburtstag, ist laut Theater ausverkauft.