Es ist dieser Satz, der nachdenken lässt: "Ich bin sehr einsam und denke jeden Morgen, wenn ich nur nicht mehr aufstehen müsste." Hätte sie nicht von ihrer Tochter Irene den Hund geerbt, "würde ich sicher liegen bleiben". Um Selma Fuchs war es einsam geworden. Als sie diese Zeilen im Juni 1938 ihrem Neffen nach London schrieb, war ihr Mann bereits gestorben, ihre Tochter emigriert. Selma Fuchs wurde bewusst oder aus Angst gemieden – weil sie Jüdin war. Für sie und ihre Tochter werden am Montag, 9. Juli, an der Döbelestraße 2 Stolpersteine verlegt.

Vermögende Eltern

Die Eltern von Selma Fuchs, Jakob und Sara Koblenzer, hatten sich nach dem Verkauf ihrer Meersburger Weberei als Privatier in Konstanz niedergelassen. Sie zogen in das 1904 erbaute Haus an der Döbelestraße 2 ein. Selma Fuchs' Bruder wurde im Oktober 1940 nach Gurs deportiert und 1942 in Auschwitz von den Nationalsozialisten ermordet, recherchierte Uwe Brügmann von der Konstanzer Stolperstein-Initiative für die Verlegung des Gedenkquaders am 9. Juli. Selma heiratete den Anwalt Sigmund Fuchs und zog mit ihm in der Döbelestraße 2 ein.

Liaison mit Pfarrer Gröber

Im Dezember 1905 kam Irene, die Tochter von Selma und Sigmund Fuchs, zur Welt. Das Kind schien "schwierig" gewesen zu sein, weshalb die Eltern 1921 den Konstanzer Pfarrer Conrad Gröber mit Erziehungsfragen kontaktieren. Allerdings habe sich daraus ein Liebesverhältnis zwischen Geistlichem und Zögling entwickelt, schreibt Uwe Brügmann in der Biografie.

Gröber ging 1925 nach Freiburg, Irene Fuchs studierte nach dem Abitur Jura, war Referendarin bei der badischen Justiz und promovierte 1932 in Heidelberg. Nachdem sie das zweite Staatsexamen 1932 nicht schaffte – vermutlich weil sie Frau und Jüdin war – ging sie viel auf Reisen, unter anderem nach Palästina.

Schweiz weist Tochter Irene aus

Aufgrund des zunehmenden Antisemitismus' kehrte sie Konstanz später ganz den Rücken. Nach einer weiteren Zeit in Palästina reiste sie in die Schweiz, wurde im September 1938 aber ausgewiesen wegen illegalen Aufenthalts – sie hatte vergessen, sich polizeilich anzumelden. Als die Gestapo nach ihrem früheren Verhältnis zu Conrad Gröber befragte, schützte sie den Geistlichen. Im Herbst 1939 gelang ihr mit Hilfe eines Cousins die Ausreise nach London. Nach dem Dritten Reich erhielt sie das Elternhaus formal zurück. 1950 wurde Irene Fuchs britische Staatsbürgerin, ein Jahr später starb sie.

Hohe Registrierungsnummer

Und ihre einsame Mutter Selma? Ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes beantragte sie bei der amerikanischen Botschaft ein Einreisevisum für die USA. Die Aussichten waren schlecht, erhielt sie doch eine sehr hohe Registrierungsnummer. In ihr Haus an der Döbelestraße 2 quartierte das städtische Wohnungsamt andere Konstanzer Juden ein. Am Vormittag des 22. Oktober 1940 kam die Gestapo – und verhaftete Selma Fuchs.

Deportation erst nach Gurs

Mit mehr als 100 weiteren Juden aus Konstanz wurde sie ins französische Internierungslager Gurs deportiert. Dort erreichte sie die – eigentlich – positive Nachricht, dass sie in die USA ausreisen dürfe. Im Juli 1941 war sie bereits in Marseille und bereitete sich auf die Abfahrt mit dem Schiff vor. Warum sie nicht an Bord gehen durfte, konnte Rechercheur Uwe Brügmann nicht herausfinden. Wohl aber, dass Selma Fuchs im März 1944 mit Transport Nummer 70 nach Auschwitz deportiert wurde. Und dort am 30. März 1944 ermordet wurde.

Gedenken: Für Selma und Irene Fuchs werden am Montag, 9. Juli, um 15.35 Uhr Stolpersteine an der Döbelestraße 2 verlegt.