Ein einfaches Jahr war es nicht, das Konstanz 2016 erlebt hat. Wie unter einem Brennglas bündelten sich auf engem Raum und in kurzer Zeit die Themen, die die Stadt bewegen; die unterschiedlichen und oft nicht miteinander vereinbaren Erwartungen; die Hoffnungen und Enttäuschungen; die Hochs und Tiefs. Zum Jahreswechsel präsentiert sich die Stadt mehr als zuvor hin- und hergerissen zwischen Wachsen und Bewahren, zwischen Aufbruch und Stillstand, zwischen Lebensqualität und Entfremdung. Die Fliehkräfte sind größer geworden in einem Gemeinwesen, das im Niemandsland zwischen großer Kleinstadt und kleiner Großstadt steht – zu anonym, zu veränderlich, zu hektisch für das eine und doch zu verwoben, zu rückwärtsgewandt und zu langsam für das andere. Und zugleich lehrt der Blick in die Welt, wie gut wir es doch haben und wie sich die ach so großen Probleme zwischen Staad und Wollmatingen, zwischen Wallhausen und Stadelhofen relativieren.

Gleichwohl: Jede Stadt beschäftigt sich zunächst einmal mit sich selbst, und das ist auch richtig so. Denn jede Stadt muss auch ihre Herausforderungen selbst angehen und aus sich selbst heraus Antworten auf die Fragen der Gegenwart und der Zukunft finden. In Konstanz lautet die wohl größte Aufgabe, die teils offensichtlichen und teils sorgsam verdeckten Trennlinien zu entdecken, sie ehrlich zu benennen und neuen Kitt für das Zusammenleben zu finden. Denn eine Gesellschaft, die sich zunehmend zersplittert und in der Summe von Eigeninteressen ein Zukunftsbild sieht, mag eine halbwegs funktionierende Ansammlung von Individuen sein – ein Gemeinwesen aber stellt sie ganz sicher nicht dar.

Da ist zunächst die Trennlinie zwischen Arm und Reich, der Graben zwischen jenen, die sich das Leben in Konstanz leisten können und jenen, die es kaum oder schon gar nicht mehr können. Immer weiter steigende Preise für ein Dach über den Kopf bergen enormen gesellschaftlichen Sprengstoff. Oberbürgermeister Uli Burchardt spricht im Zusammenhang mit dem Wohnen zurecht von einer sozialen Frage. Eine soziale Antwort darauf zu finden, ist allerdings nicht so einfach. Die Entscheidung, den Hafner schnell als ganz neues Stadtviertel zu entwickeln, kann eine sein – wenn es schnell genug geht und nicht alte Fehler in der Stadtentwicklung sich wiederholen.

Nicht zu übersehen ist auch der Riss zwischen jenen, die schon immer hier leben und jenen, die kommen und gehen. Für die einen ist Konstanz selbstverständliche Heimat – für die anderen kaum mehr als eine Durchgangsstation, von der sie nicht wissen, wie lange sie ihr Lebensmittelpunkt sein wird. In diesem Zerfall in zwei grundlegend unterschiedliche Vorstellungen bilden sich viele Herausforderungen ab: politische Teilhabe, soziales Engagement, langfristige Standortbindung, Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung und der Wille, etwas zum Besseren wenden zu wollen. Langfristige Perspektiven zu eröffnen – ob über sichere Arbeitsplätze, gute und bezahlbare Wohnungen oder praktikable Kinderbetreuung und passende Wohnformen für Senioren – ist deshalb so wichtig wie vielleicht noch nie.

Eine Aufgabe für die Stadt liegt aber auch in der wachsenden Kluft zwischen einigen wenigen hoch Engagierten und einer größer werdenden Zahl von Resignierten. Die Tatsache, dass einzelne Interessenvertreter sich in einer Art außerparlamentarischen Opposition gefallen, sagt nichts darüber aus, wie es um die politische Teilhabe in der Stadt als ganzer bestellt ist. Wenn weniger als die Hälfte der dazu Berechtigten darüber bestimmen, wer im Gemeinderat oder im OB-Büro die Geschicke der Stadt lenkt, ist das ein Alarmsignal. Nicht nur, weil damit eine Minderheit bestimmt und vergleichsweise kleine, aber gut organisierte Gruppen überdurchschnittlichen Einfluss gewinnen. Sondern auch, weil das schulterzuckende "So ist es halt" vom verlorenen Glauben an die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten kündet.

Deshalb muss Konstanz vor allem eine Frage verhandeln, die sich durch fast alle Debatten des zu Ende gehenden Jahres zieht: Wie viel Veränderung darf es geben? Ist Wachstum, wie von OB Burchardt postuliert, alternativlos, weil sich die Stadt ohnehin nicht gegen ihre eigene Attraktivität stemmen kann? Oder braucht es Stoppschilder, und zwar nicht nur an den Einfahrten zu der im Autoverkehr immer häufiger ertrinkenden Innenstadt? Und wenn es solche Grenzen gibt, ist genug Mut dazu da, einzelnen Akteursgruppen auch zu erklären, dass sie nun einmal auf der Verliererseite stehen? Und andersherum: Ist es fair, dass im Moment vor allem jene die Verlierer sind, die keine lautstarke Lobby hinter sich haben?

All dieser Fragen muss sich Konstanz auch deshalb annehmen, weil in der wachsenden Distanziertheit gegenüber der eigenen Stadt enormes Risiko liegt. Und dabei geht es nicht um blinden Hurralokalpatriotismus und auch nicht um formelhaftes Standortmarketing nach innen. Sondern um die Erkenntnis, dass vielen alten Konstanzern die eigene Stadt immer fremder wird und es vielen neuen Konstanzern zunehmend schwer fällt, die Stadt zu ihrer eigenen zu machen. Geschuldet ist das einer schnellen Entwicklung, die viele fragend zurücklässt, weil es entweder kein klares Ziel gibt oder das Ziel nicht genügend erklärt und damit gesellschaftlich verankert wird.

Die Aufgabe, die Zukunft der Stadt zu suchen und Kompromisse dafür zu verhandeln, ist Aufgabe aller. Die Verantwortung dafür lässt sich nicht per Stimmzettel, nicht per stillschweigende Duldung und nicht durch geräuschlose Ablehnung delegieren. Die Stadt: Das sind wir alle. In der Physik stehen sich Fliehkräfte und Anziehungskräfte untrennbar gegenüber. Wenn das Konstanzer Jahr 2017 im Zeichen eines Strebens nach einem gemeinsamen Kern steht, wird es zwar abermals kein einfaches, aber ein gutes Jahr.