Wenn Maria Luise Kling jeden Dienstagabend zu den Proben in den Gemeinderaum geht, zieht sie sich stets schick an. „Das gehört für mich dazu“, sagt sie lächelnd. „Das ist ist immer ein festlicher Anlass und da will man auch festlich gekleidet sein.“ Seit wann sie im Litzelstetter Chor singt, weiß sie nicht mehr exakt. „Viele Jahrzehnte sind es aber schon“, stellt sich fest. Sie ist eine der tragenden Säulen einer alten Litzelstetter Tradition. Am 8. April 1828 findet indirekt erstmals ein Litzelstetter Kichenchor urkundliche Erwähnung: „Dem Lehrer Romer für angeschafft Messgesänge fünf Gulden und 46 Kreuzer in Ausgabe“.

Marie Luise Kling, Sängerin im Litzelstetter Kirchenchor: „Das ist ist immer ein festlicher Anlass und da will man auch festlich gekleidet sein.“
Marie Luise Kling, Sängerin im Litzelstetter Kirchenchor: „Das ist ist immer ein festlicher Anlass und da will man auch festlich gekleidet sein.“ | Bild: Oliver Hanser

Der Historiker Alfred Eble ging in seinen Recherchen davon aus, „dass die angeschafften Messgesänge nicht für die Gemeinde, sondern für den Sängerchor bestimmt waren ... Außerdem war der Lehrer damals nicht nur Messner, sondern auch Organist und Leiter des Chores. Die Pfarrei Litzelstetten ist erst 1828 gegründet worden, so dass kein früherer Termin für einen Chor oder für Chorgesang gefunden werden kann.“ Heute, ziemlich genau 191 Jahre später, zeigt der Kirchenchor St. Peter und Paul aus Litzelstetten zarte Auflösungserscheinungen. „Wenn es so weitergeht“, stellt Pfarrer Armin Nagel recht nüchtern fest, „dann sind wir irgendwann verschwunden.“

„Ohne den Chor ginge es mir heute nicht so gut“

Wenn das so weitergeht – soll heißen, wenn der Mitgliederschwund nicht gestoppt werden kann. Vor fünf Jahren gehörten dem einst so stolzen Kirchenchor noch fast 50 Personen an – heute sind es nicht einmal mehr 40. „Ein paar sind gestorben, ein paar kommen einfach nicht mehr“, weiß Moni Kleefass, die leidenschaftliche Sängerin ist. „Die Töne treffe ich vielleicht auch nicht immer“, sagt sie lachend. „Aber so ein Kirchenchor ist so wichtig für den Zusammenhalt in einem Ort wie Litzelstetten. Und die Geselligkeit kommt auch nicht zu kurz.“ Sie trat in die alte Institution nach privaten Problemen ein und kann heute feststellen: „Der Chor hat mich über Wasser gehalten. Ohne den Chor ginge es mir heute nicht so gut.“

Moni Kleefass, Sängerin im Litzelstetter Kirchenchor: „Die Töne treffe ich vielleicht auch nicht immer. Aber so ein Kirchenchor ist so wichtig für den Zusammenhalt in einem Ort wie Litzelstetten.“
Moni Kleefass, Sängerin im Litzelstetter Kirchenchor: „Die Töne treffe ich vielleicht auch nicht immer. Aber so ein Kirchenchor ist so wichtig für den Zusammenhalt in einem Ort wie Litzelstetten.“ | Bild: Oliver Hanser

Armin Nagel sieht ein generelles Problem in unserer heutigen Gesellschaft. „Es ist zu beobachten, dass Menschen immer weniger bereit sind, sich auf eine Sache fest zu konzentrieren“, erzählt er. „Wöchentliche Proben, regelmäßige Auftritte – das sind Verpflichtungen, die ungern eingegangen werden. Das kann man niemandem zum Vorwurf machen.“ Im Umkehrschluss beobachtet der Pfarrer, „dass Projektchöre, die sich nur für Ostern oder Weihnachten und den Vorbereitungen darauf bilden, durchaus einen Zulauf haben“. So wurde der Kirchenchor Dettingen zwar im vergangenen Jahr mangels Zulauf aufgelöst, „doch trotzdem wurde dort an den Kirchenfesten im Chor gesungen“. Darauf alleine möchten sich die Litzelstetter jedoch nicht verlassen. Armin Nagel legt großen Wert darauf, „dass wir nicht nur alte Schinken singen, sondern auch neuzeitliche moderne Werke. Das Repertoire ist in meinen Augen der Knackpunkt“.

„Wir müssen den Menschen Anreize geben“

Er spricht aus Erfahrung: Sein Bruder hat vor 22 Jahren den Kirchenchor in Rast-Bichtlingen bei Sauldorf übernommen. Damals war er im Begriffe sich aufzulösen. „Die Struktur war überaltert, das Programm auch“, weiß Armin Nagel zu berichten. Sein Bruder Volker Nagel arbeitete mit den alten Gesichtern an einer Neuausrichtung, die Homepage des Chores genügt heute höchsten Ansprüchen und in der Selbstbeschreibung ist zu lesen: „Das Repertoire im Kirchenchor Rast-Bichtlingen ist so vielseitig, wie seine Altersstruktur und reicht von klassischer und romantischer Musik über Neue Geistliche Lieder bis zu Kompositionen aus der Musical-, Rock- und Popszene.“ Eine Metamorphose, wie sie dem Bodanrück-Pfarrer auch in Litzelstetten vorschwebt. „Wir müssen den Menschen Anreize geben, hierher zu kommen und sich unseren Chor zumindest einmal anzuschauen“, erklärt er. „Mit neuen Mitgliedern und Interessenten kommen dann neue Idee, die stets willkommen sind.“

Pfarrer Armin Nagel: „Wir müssen alles tun, um diese tolle Institution am Leben zu erhalten.“
Pfarrer Armin Nagel: „Wir müssen alles tun, um diese tolle Institution am Leben zu erhalten.“ | Bild: Oliver Hanser

Pfarrer Armin Nagel trat am 1. September 2016 die Nachfolge von Pfarrer Bernd Zimmermann an. Zimmermann war ab 1989 für die Litzelstetter Pfarrei St. Peter und Paul und mit Schaffung der Seelsorgeeinheit Bodanrück 1999 auch für Dingelsdorf-Oberdorf und Dettingen-Wallhausen zuständig. Armin Nagel (46) betreut heute die Kirchengemeinde Konstanzer Bodanrückgemeinden mit insgesamt etwa 4300 Gemeindemitgliedern. Fest ihn steht fest: „Wir müssen alles tun, um diese tolle Institution am Leben zu erhalten.“