Kurzes Räuspern, um die Nervosität abzuschütteln, Haare hinter die Ohren schieben und den Rücken durchdrücken. Noch einmal tief durchatmen und die Klingel betätigen.

So fühlen sich also alle jungen Leute, egal ob sie sich in Ausbildung oder im Studium befinden, die sich keine eigene Wohnung leisten können oder aus anderen Gründen das Wohngemeinschafts-Leben bevorzugen, kurz vor einem WG-Casting. WG, kurz für Wohngemeinschaft, ist eine Lebensform, in der sich mindestens zwei Menschen eine Wohnung und damit die Küche und das Bad teilen. Dadurch lässt sich nicht nur Miete sparen. Zugezogene finden auch schnell Anschluss in einer neuen Stadt.

Um ein WG-Zimmer zu ergattern, gibt es meist WG-Besichtigungstermine, in der sich der Bewerber der WG vorstellt und bei einem kurzen Kennenlernen geprüft wird, ob das Zusammenleben auch funktionieren kann. Fast wie bei einem möglichen neuen Arbeitgeber.

Wohnen in Konstanz ist für alle schwierig: Auch die Nachfrage an WG-Zimmern ist sehr hoch

Wenn ein freies Zimmer in Online-Portalen angeboten wird, erhält die WG oft Dutzende bis über hundert Anfragen. Wie hart es wirklich ist, sich am WG-Markt zu behaupten, möchte ich herausfinden und gebe mich als junge Erstsemesterin aus. Von über 20 Anfragen, in denen ich mich persönlich vorstelle, erhalte ich einige Rückmeldungen: drei Einladungen, eine weitere Nachfrage, ob ich mich auch per Videoanruf kurz vorstellen könne und zwei Bitten, ein Foto oder mein Auftreten auf Facebook mitzuschicken.

Besuch von Freunden? Bitte nicht...

Ich folge zwei Einladungen nach Petershausen und nach Allmannsdorf. In Petershausen öffnet mir ein Jurastudent die Tür. Die helle und offene Wohnung mit Fußbodenheizung ist Teil eines neuen Mehrfamilienhauses direkt neben dem Herosépark. Das Casting ist nach 15 Minuten beendet, das freie Zimmer mit 17 Quadratmetern steht befristet für zwei Monate zur Verfügung, kostet aber stolze 650 Euro im Monat. Für die Drei-Zimmer-Wohnung, in der ich mit meinem Freund wohne, bezahlen wir 800 Euro warm. Freunde dürfte ich eher nicht in die WG mitbringen, der Mitbewohner stehe kurz vor dem Examen.

Wir sehen uns sowieso nicht oft...

Das zweite Zimmer in Allmannsdorf ist ebenfalls nur befristet zu haben, diesmal könnte ich aber ein Semester darin wohnen. 480 Euro müsste ich jeden Monat für die 18 Quadratmeter bezahlen. Mein potenzieller Mitbewohner ist ein Chemiestudent und sieht das WG-Leben eher lässig. „Man sieht sich auch mal Wochen nicht“, erklärt er. Spontan könne trotzdem mal zusammen gekocht werden.

Warme Socken für die WG-Bewerberin: Der Boden ist kalt

Viele WGs schreiben in ihren Anzeigen, dass sie nur WG-erfahrene Leute möchten. Ich folge einer Einladung nach Allmannsdorf. Für rund 290 Euro, also weniger als die Hälfte der Miete, die ich am Herosépark bezahlen müsste, wird ein Zimmer in Uninähe frei. Zwei junge Männer öffnen mir im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses die Tür und bieten mir selbstgestrickte, dicke Socken an: wegen des kalten Fußbodens. In der nächsten halben Stunde darf ich mir das Zimmer mit elf Quadratmetern und die Wohnung ansehen. Ein Bett ohne Lattenrost, ein Schrank und ein Spiegel sind bereits vorhanden. Für viel mehr Möbel reicht der Platz auch gar nicht.

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Beide Studenten sind interessiert und fordern mich auf: „Erzähl doch mal was von dir.“ Ich werde nach meinen Hobbies gefragt, ob ich gerne Sport treibe und rauche oder Alkohol trinke. Es herrscht eine etwas gezwungene Atmosphäre, ein paarmal lachen wir aber über etwas.

Am Ende haben mich nur Männer-WGs eingeladen

Nach den Castings bin ich um einige Erfahrungen reicher. Einerseits erhielt ich nur Besichtigungseinladungen von Männer-WGs. Auch waren die meisten Zimmer, die ich anschauen konnte, für den studentischen Geldbeutel etwas zu teuer und oft nur befristet verfügbar.

Andererseits haben mir zwei der drei WGs danach geschrieben, dass sie mich gerne als neue Mitbewohnerin haben möchten. Es ist also machbar. Die größte Hürde ist, überhaupt eine Einladung zur WG-Besichtigung zu bekommen. Schwierig scheint es mir, ein unbefristetes Zimmer in einer Frauen-WG zu ergattern. Für mich persönlich wäre das aber gar nicht tragisch gewesen. Wohl gefühlt hätte ich mich sicher in der pragmatischen und stressfreien Jungs-WG.

Die Autorin: Charlotte Kurz ist freie Mitarbeiterin des SÜDKURIER. Sie studiert an der Uni Konstanz Politik- und Verwaltungswissenschaften und ist im dritten Master-semester. Sie stammt aus Gärtringen.