Brigitte Gebauer ist erschöpft. Seit Tagen versucht sie, Sachen zu packen und in ihrer 35-Quadratmeter-Wohnung Ordnung zu schaffen. Die Gegenstände aus Bad und Küche hat sie ausgeräumt, in den Flur gestellt und mit einer Plane abgedeckt, damit sie geschützt sind. Immer mal wieder wackeln Regal und Schränke, wenn gebohrt wird, ein paar Gläser gehen zu Bruch.

Gebauer packt noch ihren Koffer. Dann kann sie vorläufig in eine Ferienwohnung umziehen, für drei Wochen kann sie bleiben.

Brigitte Gebauer hat ihren Koffer gepackt und ist unterwegs zu ihrer Ferienwohnung, wo sie während der Sanierungszeit bleiben kann.
Brigitte Gebauer hat ihren Koffer gepackt und ist unterwegs zu ihrer Ferienwohnung, wo sie während der Sanierungszeit bleiben kann. | Bild: Hanser, Oliver

So lange wird das Bad in Gebauers Wohnung in der Schwaketenstraße 108 saniert. Schon jetzt ist das fließende Wasser in ihrer Wohnung abgestellt. Wenn sie sich dort aufhält, muss sie die Toilette und den Wasseranschluss bei der Nachbarin benutzen.

Umzug in die Ferienwohnung dank Härtefall-Regelung

Dass sie dieser Situation und dem Chaos in ihrer Wohnung entfliehen kann, verdankt sie einer Härtefallregelung, die Vonovia anbietet. In der Mieter-Sprechstunde habe sie beantragt, für die Sanierungszeit eine Ferienwohnung zu bekommen, weil sie im Januar eine Augen-Operation hatte und deshalb weniger belastbar sei als sonst.

Die Ferienwohnung hat sich Brigitte Gebauer, die gemeinsam mit Corinna Jäger eine Mieter-Initiative ins Leben gerufen hat, selbst ausgesucht. "Es ist das kleinste Übel", sagt sie, "Hierbleiben wäre gar keine Alternative gewesen."

Ihre Wünsche spielen keine Rolle, sagen die Mieter

Inzwischen saniert Vonovia seit Frühjahr 2018 in den Wohnblöcken der Schwaketenstraße, und die Belastungen für die Mieter sind beträchtlich. Die lange Modernisierungsphase und die Art des Umgangs des Unternehmens hat vor allem mentale Auswirkungen. "Wir hatten von Beginn an den Eindruck, dass wir Sklaven der Konzernwillkür sind", sagt Gebauer, "als Menschen kommen wir hier gar nicht vor". Die Wünsche der Mieter seien, so empfinden sie und viele andere es, völlig nachrangig. Sie hätte sich gewünscht, dass die Bäder nur auf Wunsch der Mieter erneuert worden wären.

Belastungen sind unerträglich, wenn die Überzeugung fehlt

Der Lärm, der ständige Schmutz, das seien die wichtigsten Stressfaktoren. "Es wäre aber völlig anders, wenn man von der Sanierung überzeugt wäre", sagt sie. Wenn es überzeugende Ergebnisse gäbe, wäre man eher geneigt, die Unannehmlichkeiten zu vergessen.

Das sei aber nicht der Fall, sagt Brigitte Gebauer. Wie solle man mit Fenstern einverstanden sein, die weniger Licht hereinlassen als die früheren? Wie geht man als Mieter damit um, dass stetig an Küchen- und Badsträngen gearbeitet wird und es keine Woche gibt, in der Ruhe im Haus herrscht?

Die Mieter befürchten, dass beim Abschlagen der Fassade sich herauslösende Mineralwolle gesundheitsschädlich sein könnte. Zusätzlich verursachen die Arbeiten viel Staub und Schmutz.
Die Mieter befürchten, dass beim Abschlagen der Fassade sich herauslösende Mineralwolle gesundheitsschädlich sein könnte. Zusätzlich verursachen die Arbeiten viel Staub und Schmutz. | Bild: Mieterinitiative

Und wann soll die Sanierungsphase endlich ein Ende finden?

Bei Vonovia versucht man sich an einer Erklärung. Die Strangsanierung und die neuen Bäder sollen noch im Frühjahr dieses Jahres fertig gestellt. Die gleichzeitige Sanierung von Küchen- und Badsträngen sei unvermeidbar, erläutert Bettina Benner, Pressesprecherin bei Vonovia. Es gebe zwölf Küchen- und 28 Badstränge. Bei einer Bauzeit von drei Wochen für die Bäder und zwei Wochen für die Küchen würde die Gesamtbauzeit 108 Wochen betragen, also mehr als zwei Jahre, schreibt Benner. Die Bauzeit betrage so aber nur 40 Wochen.

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Alle übrigen Arbeiten sollen im Spätsommer fertig werden. Ursprünglich hätten alle Arbeiten im Januar beendet sein sollen.

An ein absehbares Ende der Arbeiten glaubt kaum jemand

Dass Vonovia mit redlichen Absichten saniert, daran glauben viele Mieter schon lange nicht mehr. Der Stuttgarter Zeitung gegenüber äußerte Frederic Neumann, Vonovia-Geschäftsführer für Süddeutschland, im Februar, dass Vonovia nicht gegen den Willen seiner Mieter saniere.

Genau diesen Eindruck haben aber viele Mieter in der Schwaketenstraße, sagt Brigitte Gebauer. "Keiner ist gefragt worden, ob er ein neues Bad haben möchte oder nicht", sagt sie. Dass die Sanierungsphase im Sommer 2019 endgültig beendet sein soll, auch daran glaubt in der Schwaketenstraße 98 bis 108 kaum jemand.

Diese Arbeiten kritisieren die Mieter im Detail

  • Fenster: Einige Mieter beklagen, dass die neu eingebauten Fenster deutlich weniger Licht in die Wohnung ließen als die alten. Das habe auch Auswirkungen auf die Temperatur im Winter. Ein Mieter berichtete über einen höheren Heizenergiebedarf, seit die neuen Fenster eingebaut seien. Andere Mieter hätten ständig Zugluft, berichtet die Mieterinitiative, und dadurch höhere Heizkosten. Winfried Kropp, Pressesprecher des Mieterbunds Konstanz, hat sich die neu eingebauten Fenster ebenfalls angesehen: "Sie sind dichter als die alten. Um der Schimmelbildung vorzubeugen, haben die Fenster Lüftungsschlitze. Die Mieter berichten uns, dass es dadurch zieht und, dass sie stärker heizen müssen". Man müsse allerdings die Heizperiode abwarten, um korrekte Aussagen über die energetische Qualität von Fenster und Fassadendämmung treffen zu können, so Kropp. Vonovia erläutert die Wahl der neuen Fenster: Sie erhielten Rollläden, die auf den Fenstern sitzen, schreibt Bettina Benner. Die lichte Höhe der Fenster sei damit etwas geringer, wobei möglichst geringe Rahmenbreiten gewählt worden seien.
  • Arbeitsweise: Mieter monierten außerdem, dass die Handwerker im Februar bei den Arbeiten an der Fassade ohne die nötigen Schutzmaßnahmen vorgegangen seien, etwa ohne Industriestaubsauger, mit dem die Mineralwoll-Fetzen aufgesaugt werden sollen. Die Mieterinitiative befürchtete zudem, dass die Mineralwolle verwendet werde, die im Verdacht steht, krebserregend zu sein. Vonovia widerspricht diesen Vorwürfen: Es sei keine "alte" Mineralwolle zurückgebaut worden, deren Partikel die gesundheitsschädliche Wirkung haben können. "Zu diesem Schritt ist das Tragen von Schutzkleidung und Atemschutz nicht zwingend erforderlich. Selbstverständlich wurden Industriestaubsauger für die Aufnahme der Abfälle verwendet", schreibt Vonovia-Pressesprecherin Bettina Benner. Das Gewerbeaufsichtsamt hat Arbeits- und Gesundheitsschutz auf der Baustelle im Jahr 2018 mehrfach kontrolliert, wie Kathrin Roth, Pressesprecherin des Landratsamts, bestätigt. Festgestellt wurden damals kleinere Mängel. Die Industriestaubsauger seien auf der Baustelle vorhanden. Um deren Verwendung sicherzustellen, habe das Gewerbeaufsichtsamt eine häufigere Präsenz der Bauleiter von Vonovia auf der Baustelle eingefordert, so Roth.