Bislang ist es ein harmonischer Spaziergang durch Wollmatingen, den größten Konstanzer Stadtteil. Doch als die drei Stadtratskandidaten vor den derzeit in Sanierung befindlichen Betonbauten in der Schwaketenstraße stehen, ist damit zumindest kurzzeitig Schluss.

„Wer sind Sie und was machen Sie hier?“, ruft ein Mann in harschem Ton und eilt schnellen Schrittes herbei. Es ist der Leiter des Bauvorhabens. Seinen Namen nennen möchte er nicht. Sein Ärger aber steht dem Mann ins Gesicht geschrieben. Er stört sich an der Aufmerksamkeit, die dem Vonovia-Wohnkomplex, der in der Vergangenheit zahlreiche Negativschlagzeilen produzierte, wieder einmal zuteil wird.

Drei Stadtratskandidaten, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten, spazieren durch den größten Konstanzer Stadtteil

Der Vorfall zeigt, wie sehr das Thema Wohnen im Allgemeinen und Vonovia im Speziellen in Konstanz die Gemüter bewegt – auch vor der anstehenden Kommunalwahl. Da herrscht unter den drei Stadtratskandidaten während des Spaziergangs mit dem SÜDKURIER Konsens. Und das, obwohl sie zumindest auf den ersten Blick nicht viele Gemeinsamkeiten besitzen.

Verena Faustein, 22 Jahre alt, ist Studentin für Umwelttechnik und Ressourcenmanagement an der HTWG. Sie ist heute mit dem Rad gekommen und steht auf Listenplatz fünf des Jungen Forums Konstanz (JFK).

Christian Kossmehl, 37 Jahre alt, ist Handwerker und führt in Konstanz ein Fliesenfachgeschäft. Er trägt die dunklen Haare zum Seitenscheitel gekämmt und tritt auf Listenplatz acht für die Freien Wähler (FW) an.

Und Marion Mallmann-Biehler, 72 Jahre alt, ist einstige Leiterin des Bibliothekservice-Zentrums, heute Vorsitzende der Flüchtlingsorganisation Save Me. Sie trägt ein Brillengestell in der Farbe ihrer Partei, der SPD, bei der sie auf Listenplatz 38 geführt wird.

Marion Mallmann-Biehler, Christian Kossmehl, Verena Faustein – drei Kandidaten von drei verschiedenen Parteien für den Konstanzer Gemeinderat.
Marion Mallmann-Biehler, Christian Kossmehl, Verena Faustein – drei Kandidaten von drei verschiedenen Parteien für den Konstanzer Gemeinderat. | Bild: Reinhardt, Lukas

Gemeinsam ist ihnen die Idee, was Konstanz besonders macht

Doch nicht nur Partei, Alter und Lebensweg unterscheidet die drei. Alle wohnen sie über die Stadt verteilt: in Petershausen, im Industriegebiet und in Litzelstetten.

Gemeinsam aber ist ihnen ihre Vorstellung davon, was Konstanz besonders macht. Das wird bereits zu Beginn des Spaziergangs deutlich, der bei nasskaltem Wetter an der Wollmatinger Grundschule startet.

„Es ist eine Stadt, in der junge und alte Menschen zusammenleben. Die einerseits geprägt ist vom See, andererseits von ihrer Nähe zur Schweiz und zu den Bergen“, erklärt Christian Kossmehl, der in Konstanz geboren und aufgewachsen ist. „Es ist ein besonderes Lebensgefühl, die perfekte Stadt“, findet auch Verena Faustein, die mit ihrer Familie vor zehn Jahren nach Konstanz zog. „Ein Ort mit dem Charme einer Kleinstadt und mit den kulturellen Vorzügen einer Großstadt“, schiebt Marion Mallmann-Biehler hinterher, seit rund 30 Jahren in Konstanz. Für alle ist diese Verbundenheit zur Stadt ein Grund, sich künftig im Konstanzer Gemeinderat engagieren zu wollen.

„Wenn man sich politisch nicht einbringt, braucht man sich auch nicht zu beklagen“, findet Kossmehl, dessen Vater seit 22 Jahren im Gemeinderat sitz.

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Ein perfekter Ort – der dennoch einiger Verbesserungen bedarf

Auf dem Weg durch Wollmatingen geht es vorbei an zahlreichen Wahlplakaten, an Einfamilienhäusern und an einem vernachlässigten Bolzplatz. „Ein Trauerspiel, er wird zu schlecht gepflegt“, klagt Verena Faustein mit Blick auf die rostigen Tore und das fehlende Grün. Es herrscht überparteiliche Einigkeit: Hier muss künftig vonseiten der Stadt mehr getan werden.

Unter dem Dach einer Bushaltestelle in der Schwaketenstraße suchen die drei Schutz vor dem nun stärker werdenden Regen. In der Ferne, wo mehrere Baukräne gen Himmel ragen, entsteht gerade das neue Schwaketenbad. „Als Kind war ich früher sehr oft darin“, erinnert sich Verena Faustein. Als sie zwölf Jahre alt war, zog die heute 22-Jährige in die Stadt am See.

„Viele Konstanzer haben hier das Schwimmen gelernt“, weiß auch Marion Mallmann-Biehler. Der Großbrand, der das Hallenbad im Jahr 2015 komplett zerstörte: für alle ein Schock. Der Wiederaufbau: dringend notwendig. „Denn im See das Schwimmen zu lernen, das geht nicht“, das zumindest ist die Einschätzung von Marion Mallmann-Biehler.

Vonovia renoviert in der Schwaketenstraße eifrig Wohnungen – und erntet dafür viel Kritik

Einen großen Steinwurf entfernt von dem, was das neue Schwaketenbad werden soll, stehen quadratische Wohnkomplexe, gehüllt in ein Gewand aus Gerüsten und Sicherheitsnetzen. Der Immobilienriese Vonovia saniert hier zahlreiche Wohnungen – und stand dafür zuletzt immer wieder in der Kritik.

„Es kann nicht sein, dass durch unnötige Luxussanierungen die Mieten explodieren“, ärgert sich Verena Faustein. „Natürlich ist das grenzwertig, aber was ist die Alternative?“, entgegnet Kossmehl. Geht es nach Verena Faustein, hätte die Stadt selber wesentlich stärker auf sozialen Wohnungsbau setzen müssen. Wieder überparteiliche Einigkeit.

Die drei Kandidaten diskutieren vor den sich derzeit in der Sanierung befindlichen Vonovia-Wohnkomplexen, was im Umgang mit dem Immobilienriesen anders hätte gemacht werden müssen.
Die drei Kandidaten diskutieren vor den sich derzeit in der Sanierung befindlichen Vonovia-Wohnkomplexen, was im Umgang mit dem Immobilienriesen anders hätte gemacht werden müssen. | Bild: Reinhardt, Lukas

Die drei Kandidaten stehen mittlerweile auf dem Gehsteig vor der Großbaustelle. Toiletten- und Duschcontainer wurden hier für die betroffenen Bewohner auf den Straßen platziert. „Unzumutbar“, findet Marion Mallmann-Biehler.

Nicht weit entfernt ist angesichts der Wohnungsknappheit ein neues Großprojekt geplant, der Hafner. Bis zu 2700 Wohneinheiten sollen hier frühestens Ende der 2020er Jahre entstehen. „Absolut notwendig“, finden alle drei Kandidaten. „Auch wenn ich angesichts des Konflikts zwischen Wohnungsnot und Flächenverbrauch zwiegespalten bin“, fügt Verena Faustein hinzu.

Als vor den Vonovia-Wohnkomplexen schließlich ein Foto der Gruppe entstehen soll, erscheint der verärgerte Leiter des Bauvorhabens. Die Diskussion beginnt.

Nach einem kurzen, hitzigen Austausch setzen die Stadtratskandidaten ihren Spaziergang fort.

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Kossmehl über seine Zeit an der Geschwister-Scholl-Schule: „Schon damals ist bei Regen das Wasser von der Decke getropft.“

Der führt die Gruppe an die Geschwister-Scholl-Schule. Ein Ort, den Kossmehl als ehemaliger Scholl-Schüler gut kennt. Er weiß, welcher der verschlungenen Wege durch den Wald zum Haupthaus führt. Und er weiß, dass das Gebäude bereits in seiner Schulzeit in den 90ern dringend sanierungsbedürftig war. „Schon damals ist bei Regen das Wasser von der Decke getropft“, erzählt er grinsend.

An der Geschwister-Scholl-Schule erzählt Christian Kossmehl von seinen Erinnerungen an seine Schulzeit.
An der Geschwister-Scholl-Schule erzählt Christian Kossmehl von seinen Erinnerungen an seine Schulzeit. | Bild: Reinhardt, Lukas

Ab Sommer soll die Geschwister-Scholl-Schule nun saniert werden – sechs Jahre lang für 24 Millionen Euro. 125 Lehrer und 1452 Schüler können aufatmen. „Schon die Idee, das Gebäude abzureißen, fand ich absurd“, sagt Marion Mallmann-Biehler. Auch ihre Tochter besuchte in ihrer Jugend diese Schule.

Verena Faustein verbrachte ihre Schulzeit auf dem Ellenrieder-Gymnasium. Lange her ist das noch nicht. Vor fünf Jahren machte sie das Abitur. Seither ist sie politisch aktiv. Zunächst beim BUND, nun beim JFK.

Auf dem Rückweg sind die Laternenpfähle gepflastert mit Plakaten. Das Junge Forum Konstanz, die Freien Wähler und die Sozialdemokraten buhlen darauf auf unterschiedlichste Art um die Gunst der Wähler. An der Wollmatinger Grundschule, dem Ausgangspunkt des gemeinsamen Spaziergangs, geht jeder der Stadtratskandidaten schließlich wieder seines Weges.