Er hätte nicht Konstanz sagen müssen. Hat er aber. Alexander Gauland, Vorsitzender der Bundestagsfraktion der AfD, hält von Gewalt begleitete Proteste in gewissen Situationen weder für bedauerlich, noch für gefährlich. Stattdessen diktiert er einem Journalisten der "Welt" in den Block: "Wenn eine solche Tötungstat passiert, ist es normal, dass Menschen ausrasten." Und dann sagt er noch: "Das ist in Freiburg nicht anders als in Konstanz oder eben in Chemnitz."

Und das soll normal sein?

Gemeint waren die dortigen Ausschreitungen, nachdem ein 35-Jähriger durch Messerstiche tödlich verletzt worden war.

27.08.2018, Sachsen, Chemnitz: Demonstranten der rechten Szene zünden Pyrotechnik und schwenken Deutschlandfahnen. Nach einem Streit war in der Nacht zu Sonntag in der Innenstadt von Chemnitz ein 35-jähriger Mann erstochen worden. Die Tat war Anlass für spontane Demonstrationen, bei denen es auch zu Jagdszenen und Gewaltausbrüchen kam. (Wiederholung mit verändertem Bildausschnitt) Foto: Jan Woitas/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
Demonstranten zünden in Chemnitz Pyrotechnik und schwenken Deutschlandfahnen. Nach einem Streit war in der Innenstadt von Chemnitz ein 35-jähriger Mann erstochen worden. Die Tat war Anlass für spontane Demonstrationen, bei denen es auch zu Jagdszenen und Gewaltausbrüchen kam. | Bild: Jan Woitas (dpa)

Ein Deutscher, mutmaßlich erstochen von zwei Männern aus Syrien und dem Irak. Was darauf folgte soll normal sein? In Konstanz wäre es das sicher nicht, die Bürger haben bereits das Gegenteil bewiesen.

Wenn Rechtsextreme den fürchterlichen Tod eines ihnen mehrheitlich unbekannten Mannes für Nazi-Posen, gar fremdenfeindliche Gewalt ausnutzen, ist das nicht normal, sondern beschämend. Dass Gauland diesen waschechten Neonazis die Absolution für ihre Form der Blutrache erteilt, sagt viel über das Demokratie- und Rechtsverständnis des AfD-Chefs und einer Vielzahl der Mitglieder seiner Partei aus. Er hätte auch sagen können: Gewalt erzeugt eben Gegengewalt. Oder, nicht minder hässlich: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Gauland bleibt Antwort auf die Frage nach dem Vergleich schuldig

Warum der 77-jährige gebürtige Chemnitzer bei seinem Vergleich ausgerechnet auf das beschauliche Konstanz kommt, bleibt sein Geheimnis. Es mag am schwachen Konstanzer Zweitstimmenergebnis seiner Partei von 6,8 Prozent bei der Bundestagswahl 2017 liegen; vielleicht sollten die 600 Kilometer Entfernung seinem Argument auch allgemeine Gültigkeit verleihen; oder der Vergleich war schlichter Zufall.

Beantworten wollen Gauland oder sein Büro die Frage hiernach nicht. Und doch liegt der AfD-Abgeordnete denkbar falsch, weil Chemnitz von Konstanz weit mehr als Einwohnerzahlen und Kilometer trennen.

Undenkbar, dass Konstanzer Nazi-Parolen brüllend über die Marktstätte ziehen

Vor einem Jahr erschießt ein aus dem Nordirak stammender Kurde an einer Konstanzer Disko einen Mann. Bevor er selbst durch die Polizei getötet wird, verletzt er mehrere Personen teils schwer durch weitere Schüsse aus einem Schnellfeuergewehr. Danach herrschen Bestürzung, auch Trauer. Doch sicher kein massenhafter Hass. Verallgemeinernde Parolen gegen "die Ausländer" verlieren sich schnell, vermeintliche Meldungen über einen angeblich Anschlag eines hasserfüllten Islamisten verschwinden selbst in den (un)sozialen Medien, bevor sie sich verbreiten können.

Stattdessen wollen die Konstanzer nur möglichst schnell wissen: Wie konnte der Mann an eine Kriegswaffe gelangen? Unvorstellbar dagegen, dass tags nach einer solchen Tat eine Menschenschar über die Marktstätte zieht und den Arm waagerecht in die Luft hebend lospoltert: Deutschland den Deutschen, Ausländer raus. Auch weil anders als im sächsischen Chemnitz Rechtsextreme in Konstanz keine Basis finden. Denn am zum Trauermarsch umtitulierten Zug durch die drittgrößte sächsische Stadt nehmen nicht nur Aktivisten der rechten Szene teil. Auch Rentner, Mütter mit Kinderwagen, eben ganz normale Bürger sind darunter.

Die Sorgen in den beiden Städten könnten unterschiedlicher nicht sein

Alexander Gauland hat mit einem Recht: Pauschale Urteile führen nicht weiter. Nicht alle Chemnitzer sind Nazis, schon gar nicht alle Sachsen. Offensichtliche Probleme zu verschweigen hilft allerdings auch nichts. Denn rechtes Gedankengut findet in Chemnitz mehr Anklang als im wohlsituierten, ja übersatten Konstanz.

Die Sorgen der Menschen dort: Flucht aus den ländlichen Gebieten, damit zusammenhängend die hohe Arbeitslosigkeit abseits der Städte und Angst vor einer Überfremdung, die es nicht gibt. Die Sorgen hier: Zu viele Schweizer beim Einkaufen, zu viele Touristen und Tempo-Limits in weiten Teilen der Stadt. Herr Gauland, das ist normal in Konstanz, vom Ausrasten verstehen wir hier an guten wie an schlechten Tagen wenig.