Konstanz Von göttlicher und käuflicher Liebe: Eine Prostituierte und Ordensfrau erzählen

Auf den ersten Blick könnten sie nicht unterschiedlicher sein: Felicitas Schirow ist Prostituierte in Berlin, Schwester Birgit Maria Krietemeyer ist Ordensfrau im Kloster Hegne. Aber über das, was im Leben wirklich zählt, sind sie sich einig

Die eine ist Ordensfrau, gläubig, enthaltsam. Die andere ist Prostituierte, Atheistin und mag den käuflichen Sex genauso wie den privaten. Zwei Frauen, zwei unterschiedliche Lebenswege, die sich wohl kaum gekreuzt hätten. In der VHS-Reihe „kontrovers und provokant“ kamen sie doch zusammen: Schwester Birgit Maria Krietemeyer, Ordensfrau im Kloster Hegne, und Felicitas Schirow, Prostituierte in Berlin sprachen auf der Bühne des Konzils über zwei Leben, die göttliche und die käufliche Liebe und über das, was wirklich zählt. Ein mutiges, offenes, unterhaltsames und nachdenklich machendes Gespräch, an dessen Ende nicht „die“ Ordensfrau und „die“ Prostituierte standen, sondern zwei authentische und selbstbewusste Frauen, die mit vielen Vorurteilen aufräumten.

Mutig deshalb, weil Schwester Birgit Maria Krietemeyer als Ordensfrau eine Lebensweise vertritt, die in der heutigen Zeit vielen fremd ist. Die Klöster in Deutschland sterben langsam und still vor sich hin. Und die Kirche tabuisiert bis heute einen wichtigen Teil des Menschseins: Sexualität und Lust. Sich diesem Thema –trotz anfänglicher Bedenken wie sie sagte – offen zu stellen, in den Dialog zu gehen, zeigt: Die katholischen Basis ist, wie so oft, näher dran an den Menschen und der Gesellschaft als die Bischöfe des Vatikan. Mutig deshalb, weil Felicitas Schirow eine Auffassung vertritt, die für viele, und allen voran Schwester Birgit Maria Krietemeyer, nur schwer nachzuvollziehen ist: Dass es Frauen gibt, die diesen Job nicht unter Zwang, sondern freiwillig machen. Die, wie sie, „in ihrer Fantasie schon immer Hure werden wollten“. Die sagen: Gewerblicher Sex ist ein Grundbedürfnis, Männer dürfen dafür nicht verurteilt werden und Prostitution ist ein Job wie jeder andere. Keiner, der verboten werden sollte. Es gibt Frauen, sagt Felicitas Schirow, die werden von Osteuropa nach Deutschland geschleppt, geschlagen und der Pass wird ihnen abgenommen. Aber diese Zwangsprostitution spiele sich nur selten, im hochkriminellen und vor allem dunklen Bereich ab. Für sie und viele Frauen, die sie kennen gelernt hat, ist der Job viel freier, langweiliger und unspektakulärer, als er oft dargestellt oder aus der unerfahrenen Beobachterperspektive wahrgenommen wird.

Zwei Frauen, zwei unterschiedliche Auffassungen. Auch die des Körpers. Für Birgit Marias Krietemeyer ist der Leib, von Gott geschaffen, kostbar. Der Tempel des heiligen Geistes. Sex ohne Liebe, ohne Beziehung und Vertrauen: Unvorstellbar. Für Felicitas Schirow war genau das immer die größte Angst: Man verliebt sich, verbringt viel Zeit miteinander – und dann ist der Sex ein Fiasko. „Also das würde ich schon gerne vorher wissen“, sagt Felicitas Schirow mit einem Lächeln – und viele der 200 Zuhörer lächeln mit. Entwürdigende Situationen hätte sie in ihrem Beruf nie erlebt – „höchstens anstrengende.“ Der Vorstellung vieler, dass käuflicher Sex entwürdigend ist, widerspricht sie vehement. „Ich fühle mich nicht benutzt. Meine Würde, wie ich sie für mich empfinde, kann mir keiner nehmen.“ Vielleicht brachte Felicitas Schirow die beiden Positionen mit diesem Satz auf den Punkt: „Sie sind verfügbar für Gott, ich bin verfügbar für die Freier.“

Gegen die große Liebe haben sich letztlich beide entschieden – zumindest gegen die zu einem Mann. Birgit Maria Krietemeyer hat sich entschieden, ihre Liebe und Kraft Gott und den Menschen zu schenken. Felicitas Schirow hat sich entschieden, ihren Körper den Menschen, „die auch mal Zärtlichkeit brauchen“, zu geben – und ihre Liebe und Kraft ihrem achtjährigen Sohn. „Jeder sucht sich etwas im Leben, für das er da ist, für das er gebraucht wird“, sagt Felicitas Schirow.

Sie und Birgit Maria Krietemeyer haben sich vor dieser Veranstaltung in Konstanz noch nie gesehen und hätten sich wohl auch nie kennen gelernt. Und so sehr sich ihre Meinungen und die im Publikum unterschieden – so sehr gingen sie offen, respektvoll und mit einer gewissen Bewunderung für den Gegenüber miteinander um. Auch andere Ordensschwestern aus dem Kloster Hegne gingen nach der Veranstaltung auf Felicitas Schirow zu. Trotz ihrer atheistischen Einstellungen halte sie sich schließlich durchaus an die christlichen Grundsätze und die zehn Gebote: „Ich bin ehrlich, gut zu den Menschen, und schade niemanden“, sagte Schirow und ergänzte: „Gut, bis auf die Sache mit dem Ehebruch vielleicht.“ Fest stehe für sie: „Ich werde es in diesem Leben nicht mehr schaffen, fromm zu werden.“ Wohin gegen Birgit Maria Krietemeyer lächelnd bemerkte: „Wer weiß.“ Einig sind sich beide zumindest schon jetzt in dem, was für sie am Ende des Lebens wirklich zählt: „Die Liebe gelebt und die Liebe erfahren zu haben.“

Zwei Frauen, zwei Lebenswege

Schwester Birgit-Maria Krietemeyer lebt heute ihre Berufung in der Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz im Kloster Hegne. In ihrer Jugend war sie zwar aktiv in der katholischen Kirche, hätte sich aber nicht vorstellen können, einmal Nonne zu werden. Sie machte Abitur und arbeitet später in einer Computerfirma. Ein Leben zwischen Messen in ganz Europa, Verkaufsgesprächen und Taktiken, um noch mehr Gewinn für das Unternehmen zu erzielen. Und immer wieder eine Sinnsuche. Krietemeyer hat mehrere Beziehungen, will heiraten und Kinder kriegen. Eine Bekannte, die in das Kloster eingetreten war, lädt sie zu einem Einkehrwochenende ein. Danach war sie sich sicher: Das ist mein Weg. „In dem Moment, in dem ich das verstanden habe, habe ich ein Wort aus dem Buch des Propheten Jesaja geschenkt bekommen. Darin stand: „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich lehrt, was Nutzen bringt, und der dich auf den Weg führt, den du gehen sollst.“ Da habe ich mich zum ersten Mal – mit 28 Jahren – persönlich von Gott angesprochen gefühlt.“

Felicitas Schirow erinnert sich gerne an die Aussage einer Mitschülerin, die sagte: „Entweder du wirst mal Nonne oder Nutte.“ Schirow entschied sich aus Neugier für letzteres – und ist heute eine selbstständige Geschäftsfrau, die bis vor kurzem das Café Pssst in Berlin betrieb, eine „Anbahnungsgaststätte für sexuelle Dienstleistungen.“ Sprich: Vorne gibt es Kaffee, hinten in den Zimmern Kondome. Im Jahr 2000 schaffte sie es als erste, dass ein deutsches Gericht ein Bordell als legalen Betrieb einstufte. Das Urteil gilt als Meilenstein auf dem Weg zur Entkriminalisierung der Prostitution in Deutschland. Als Beraterin für das neue Prostitutionsgesetz trat sie im vergangenen Jahr auch im Bundestag auf. Schirow hat auch privat eine große Leidenschaft: Ihr Pferd und das Reiten. Auf die Frage, was für sie Sünde sei, antwortet sie: „Der Müll, den ich täglich fabriziere. Das viele Plastik, das unsere Umwelt kaputt macht, macht mich wahnsinnig.“

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