Es herrscht eine frostige Atmosphäre am kühlen Morgen des Vatertags. Noch sind es nicht die besten Voraussetzungen für einen Ausflug. Von Litzelstetten aus ist die Insel Mainau im dichten Nebel nur in Schemen zu erahnen.

Im Zunftkeller der Hofnarrenzunft Paradiesvögel herrscht bereits rege Geschäftigkeit, während der Rest des Blumeneilands noch wie ausgestorben ist. Ehrenrat Jörg Lehmann, den hier alle nur Müffchen nennen, hat für die wackeren Wanderer, die von hier aus gleich ihre Tour über den Bodanrück starten, ein zünftiges Frühstücksbüffet hergerichtet mit Weißwürsten, Brezeln, Rührei, Käse, Brot, Kaffee und Orangensaft. Frisch gestärkt machen sich die Wanderer auf zur ersten Station.

Vor dem Start im Zunftkeller (von links): Dirk Lehmann, Roland Bohn, Horst Maisch, Ingo Mittag, Kai Lehmann, David Haug, Rainer Gerspacher, Lars Horlacher und Markus Kuhn.
Vor dem Start im Zunftkeller (von links): Dirk Lehmann, Roland Bohn, Horst Maisch, Ingo Mittag, Kai Lehmann, David Haug, Rainer Gerspacher, Lars Horlacher und Markus Kuhn. | Bild: Feiertag, Ingo

Die Vatertagstouren von der Insel aus hat Zunftmeister Kai Lehmann vor etwa 20 Jahren ins Leben gerufen. Meist sticht die Gruppe, bestehend aus aktiven Narren sowie deren Freunde und Unterstützer, vom Mainauer Hafen mit dem Boot aus in See – gewandert wurde schon von Stein am Rhein nach Diessenhofen, von einer Gartenwirtschaft in Uhldingen nach Überlingen, oder vom Hagnauer Brunnenfest nach Meersburg. Heute bleiben alle an Land und auf dem Bodanrück.

Der erste Stopp ist nicht weit vom Start entfernt beim gräflichen Inselfest. „Endlich sitzen!“, stöhnt Rainer Gerspacher und lässt sich nach etwa 500 Metern harten Fußmarsches genüsslich in einen Liegestuhl sinken.

Am Morgen auf dem Inselfest (stehend, von links): Markus Kuhn, Kai Lehmann, Horst Maisch und sitzend (von links) Redakteur Ingo Feiertag, Dirk Lehmann, Ingo Mittag, Roland Bohn und Rainer Gerspacher.
Am Morgen auf dem Inselfest (stehend, von links): Markus Kuhn, Kai Lehmann, Horst Maisch und sitzend (von links) Redakteur Ingo Feiertag, Dirk Lehmann, Ingo Mittag, Roland Bohn und Rainer Gerspacher. | Bild: Hanser, Oliver

Langsam treffen hier die ersten Gäste ein, ein freier Stehtisch ist jedoch schnell gefunden, auf dem die 18 Bierflaschen der zehn Männern allerdings kaum Platz finden. Bis auf Dirk Lehmann, Markus Kuhn und Tom Pfeiffer sind alle hier Väter. „Wir sind geduldet“, sagt Dirk Lehmann und lacht. „Es ist einfach schön, miteinander durch die Natur zu laufen und über Sachen zu reden, die wir sonst nicht besprechen“, fährt er fort. „Hier darf ich auch mal was sagen, was nicht so oft der Fall ist, seit ich Vater bin“, sagt Gerspacher. „Seit du verheiratet bist, meinst du wohl“, wirft ein anderer unter großem Gelächter ein.

Bis auf die kernigen Sprüche, die mit jedem Bier und jeder Stunde etwas kerniger werden, geht es in dieser Gruppe sehr gesittet zu. Bevor sie weiterwandern, räumen die Mainauer picobello auf. Keine Flasche und kein Kronkorken bleiben zurück. Wäre ein Lappen dagewesen, sie hätten wohl den Tisch noch schnell gewischt. Zuvor hatten sie ein Lied angestimmt, zu dem sich pünktlich erstmals die Sonne blicken ließ.

Video: Feiertag, Ingo

Mit dem Inselbus fährt die Gruppe von der Mainau, ehe sie entgegen dem Strom von Menschenmassen zu Fuß in Richtung Biergarten St. Katharina wandert. Ohne Leiterwagen. „Wir hatten noch nie Kisten und Getränke dabei. Wir kehren lieber spontan ein“, erklärt Dirk Lehmann, ehe sein Bruder Kai ergänzt: „Einen Bollerwagen würden wir eh immer irgendwo vergessen, das können wir uns nicht leisten.“ Und als Mitfahrgelegenheit? „So große gibt es nicht“, antwortet er lachend.

Bild: Feiertag, Ingo

Im Wald angekommen, gibt der Inselförster Markus Pfeiffer den Führer. Er erklärt, auf welchen Wegen der Adel früher durch diesen Forst ritt – und macht plötzlich Halt. Es folgt ein Exkurs zur Flora, der folgendermaßen endet: „Unter großen Tannen findet man immer wieder mal heruntergefallene Tannenzapfen. Bei kleineren Bäumen kann es auch ein Zäpfle sein.“ Sein Sohn Tom geht ein paar Meter ins Gestrüpp und kommt unter großem Jubel der anderen mit einem Eimer zurück, gefüllt mit Bierflaschen auf Eis und einem Teller mit gepfefferten Erdbeeren. Markus Pfeiffer ist hier ein wahrer Forst-Wirt.

Die Gruppe freut sich über Tannenzäpfle (von links): Dirk Lehmann, Tom Pfeiffer, Markus Pfeiffer, Roland Bohn, Kai Lehmann, Rainer Gerspacher, Horst Maisch und Markus Kuhn.
Die Gruppe freut sich über Tannenzäpfle (von links): Dirk Lehmann, Tom Pfeiffer, Markus Pfeiffer, Roland Bohn, Kai Lehmann, Rainer Gerspacher, Horst Maisch und Markus Kuhn. | Bild: Feiertag, Ingo

Am Waldrand ist bereits St. Katharina zu sehen. In der Ferne spielt der Musikverein Allmannsdorf Abba-Hits. Männer laufen über die Lichtung in T-Shirts, auf denen Super-Papa steht. Unter den Kastanien des Biergartens sitzen viele Familien, Kinder haben es sich auf einer Picknickdecke gemütlich gemacht. Die bunte Truppe mit dem 20-jährigen Tom Pfeiffer als Jungspund und Senior Horst Maisch, 68 Jahre alt, setzt sich an einen langen Tisch.

Im Biergarten St. Katharina (von links): Markus Kuhn, Tom Pfeiffer, Roland Bohn (verdeckt), Dirk Lehmann, Horst Maisch, Rainer Gerspacher und Kai Lehmann.
Im Biergarten St. Katharina (von links): Markus Kuhn, Tom Pfeiffer, Roland Bohn (verdeckt), Dirk Lehmann, Horst Maisch, Rainer Gerspacher und Kai Lehmann. | Bild: Feiertag, Ingo

„An Gesprächsstoff hat es uns noch nie gemangelt“, sagt Dirk Lehmann, der den Vatertag als Ideenschmiede für die Fasnacht besonders schätzt. „An diesen Tagen haben wir oft die besten Einfälle für unsere Nummern“, sagt er und fügt augenzwinkernd hinzu: „Das ist bestimmt auch dem Alkohol geschuldet.“

In früheren Tagen gehörten der Hofnarrenzunft Paradiesvögel nur Insel-Angestellte an, inzwischen haben sie sich geöffnet, sodass auch Dirk Lehmann, der zwar nicht auf der Mainau arbeitet, dort aber aufgewachsen ist, offiziell zu den Hofnarren gehört.

Video: Feiertag, Ingo

Eine Dreiviertelstunde später geht die Schnitzeljagd-Wanderung weiter in Richtung Litzelstetten. Markus Pfeiffer erzählt vom Zustand des Waldes nach dem Abholzen und zeigt auf einen Stoß Holz. „Da bleiben von den Bäumen viele Stumpen übrig“, sagt der Forts-Wirt, „es könnten aber auch Stümple sein.“ Schon holt sein Sohn Tom den nächsten Eimer aus dem Forst. Zum Bier gibt es hier Tomaten-Mozzarella-Salat. Die Wanderer sitzen auf einem Holzstamm in der Sonne und genießen den Tag.

Video: Feiertag, Ingo

Einer der Ursprünge der Vatertagswanderung ist die sogenannte Flurbegehung. Dabei handelt es sich um einen altgermanischen Brauch, bei dem Eigentümer eines Landes oder Hauses ihr Grundstück einmal im Jahr umschreiten müssen. Tun sie dies nicht, so galt dies als Verlust des Besitzanspruches. Bestimmt hat auch Markus Pfeiffer sein Haus in Litzelstetten in diesem Jahr bereits umschritten, denn noch hat es ihm niemand streitig gemacht. In seiner Garage warten bereits ein zünftiges Vesper sowie Kaffee und Kuchen auf die hungrige Gruppe.

Bild: Feiertag, Ingo

Horst Maisch, einer der Gastwanderer, ist laut eigener Aussage bereits seit fast einem halben Jahrhundert am Vatertag unterwegs. So viele Überraschungen hat aber auch er noch nie erlebt. Der hinterlegte Zufallsfund auf der letzten Etappe zum Ziel in Dingelsdorf ist eine Heiligenfigur zwischen Litzelstetten und dem Fuchshof. Markus Pfeiffers Legende nach war hier früher ein großes Haus in einem Wald, also ein Waldhaus – dazu taucht aus der Natur wie von Zauberhand ein Eimer mit dem passenden Bier und einer Käseplatte auf.

Forst-Wirt Markus Pfeiffer.
Forst-Wirt Markus Pfeiffer. | Bild: privat

Die Sonne hat längst den morgendlichen Nebel vertrieben und brennt unerbittlich vom Himmel. Die Schritte der Insulaner durch die Obstbäume und die Streuwiesen werden gemächlicher, die Sprüche etwas derber. Dennoch geht es weiter sehr normal zu. Der Gerstensaft ist zwar auch für die Paradiesvögel wie für viele andere ein zentraler Bestandteil des Vatertags, besinnungslos betrinken wollen sie sich aber nicht.

Sie genießen einfach diese Stunden unter Männern in der Natur, hoffen auf den einen oder anderen Geistesblitz für die nächsten bunten Abende – und lassen den Tag gemütlich auf der Terrasse bei den Dingelsdorfer Tennisplätzen ausklingen.

Freddy Haunz (links) und Kai Lehmann beim Finale der Vatertagstour.
Freddy Haunz (links) und Kai Lehmann beim Finale der Vatertagstour. | Bild: privat