Der Anfang dieser Geschichte ist nichts für kleine Kinder. Sie könnten danach schlechter schlafen. Carl Martin (Name von der Redaktion geändert) weiß um die Wirkung seiner Geschichte, deshalb erzählt er sie, wenn überhaupt, nur Erwachsenen. Am liebsten redet er aber gar nicht darüber, weil es ihm auch ein bisschen peinlich ist. Er will ja nicht als Spinner gelten. „Ich sehe Menschen, die gar nicht da sind. Sie kommen immer wieder zu mir. Stehen am Fenster, sitzen auf meinem Sofa. Ich sehe nur die Hinterköpfe, nie die Gesichter. Sie tun nichts, reagieren nicht auf meine Fragen. Wenn ich mich ihnen nähere, verschwinden sie“, erzählt der 66-Jährige. An den ersten dieser Besuche erinnert er sich ungern, es war zu unheimlich, er sagt, er wäre beinahe panisch vor Angst geworden. „Danach habe ich meine Wohnungstür immer mehrfach abgeschlossen“, sagt Martin. Allein – es brachte nichts. Der Besuch kam immer wieder. Mal eine Person, mal zwei. Erst in der vergangenen Woche seien sie zwei bis drei Mal da gewesen. „Ich habe mich daran gewöhnt, was soll ich auch machen?“, fragt der Rentner.

Was Carl Martin regelmäßig in seiner Wohnung erlebt, hat mit einer Krankheit zu tun. Seit 2004 weiß er, dass er Parkinson hat. In bestimmten Fällen können die Medikamente Halluzinationen hervorrufen. Vor allem dann, wenn die Patienten nicht nur Parkinson, sondern auch eine Demenz entwickeln. Dann können Tabletten auch solche Verwirrtheitszustände bis hin zu Visionen von Menschen, die gar nicht da sind, hervorrufen. Etwa 20 Prozent der Parkinson-Patienten kann das betreffen. Es wird besser, wenn die Medikamente besser aufeinander eingestellt sind, richtig gut wird es aber selten wieder.

In Deutschland gibt es derzeit rund 250 000 Parkinson-Patienten. Nach Angaben der Deutschen Parkinson Vereinigung kommen jedes Jahr 13 000 dazu. Am häufigsten tritt die Krankheit zwischen dem 55. und dem 65. Lebensjahr auf. Es sind aber auch schon unter 40-Jährige von Parkinson betroffen. Kernsymptome sind das Zittern in den Händen, eine gewisse Steifigkeit in der Muskulatur und das Gefühl, sich nur schwer bewegen zu können. „Das Tückische an der Krankheit ist, dass sie so spät erkannt wird. Wenn Sie die Diagnose Parkinson erhalten, dann ist der Schaden schon so weit fortgeschritten, dass man den Prozess nicht mehr aufhalten kann“, sagt Christof Klötzsch. Der Facharzt für Neurologie leitet die Akutneurologie bei den Kliniken Schmieder in Allensbach. Die Diagnose wird auch dadurch erschwert, dass bei jedem die Krankheit anders verlaufen kann. Und: „Bis heute gibt es kein Medikament mit dem man das Krankheitsbild stoppen könnte“, erklärt Klötzsch. Mit anderen Worten: Man kann den Verlauf zwar verlangsamen, aber ganz aufhalten kann man ihn eben nicht.

Eugen Lorch weiß wie sich das anfühlt, wenn man die Diagnose Parkinson erhält. „Das war erst mal ein ziemlicher Schock“, gibt der 1,90-Meter-Mann zu. Bei ihm wurde die Krankheit 2009 festgestellt. Wegen Problemen mit der Hand war er zum Arzt gegangen, er konnte weder Trompete noch Klavier mehr spielen. Neurologische Tests haben dann ziemlich schnell ergeben, dass er Parkinson hat. Der schleichende Verlust der Selbstständigkeit ist der größte Horror für die meisten Betroffenen. „Ich hatte eine Phase, in der mich meine Frau immer weniger verstanden hat, weil ich so genuschelt habe“, erinnert sich Lorch.

Eine Phase, die ihn erst erschreckt und dann motiviert hat, der Krankheit noch mehr entgegenzusetzen. Regelmäßige Sprachtherapie gehören für ihn ebenso dazu wie die tägliche Runde Nordic Walking oder das Singen im Chor der Kirchengemeinde.

Nach verschiedenen Therapien und Rehas ist er medikamentös inzwischen so eingestellt, dass er mit der Krankheit leben kann. So gut sogar, dass er die Leitung der regionalen Selbsthilfegruppe übernommen hat (siehe Infokasten). Der Austausch mit anderen Betroffenen helfe ihm dabei, auch das eigene Schicksal zu akzeptieren. Der seit 2011 in Allensbach lebende 72-Jährige versucht, heute mit der Krankheit zu leben, ohne ständig daran denken zu müssen.

Dieter Wagner (Name von der Redaktion geändert) wäre froh, wenn seine Frau so gut mit ihrer Krankheit umginge. Parkinson zählt zu den Krankheiten, die nicht nur den Betroffenen besonders belasten, sondern auch die Angehörigen. Ende 2011 hat seine Frau die Diagnose erhalten. Für ihn war es auch eine Erlösung, weil es bestimmte Verhaltensmuster erklärbar machte. Er ahnte nun, was auf ihn zukommen würde. Und trotzdem blieb vieles oft unberechenbar. Die Launen. Der Krankheitsgrad. Die Bedürfnisse. „Man braucht viel Einfühlungsvermögen und Frustrationstoleranz“, sagt Wagner offen. Ein Beispiel: Die Zeit des Ruhestands sollte eigentlich die Zeit der großen gemeinsamen Reisen sein. Die Krankheit machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Große Träume können platzen. Aber das muss man auch erst mal ertragen können.

Was ihm jetzt am schwersten fällt? Wagner überlegt kurz. „Zu sehen, wie sich ein geliebter Mensch in eine Richtung verändert, die man manchmal nur schwer akzeptieren kann“, sagt er dann. Immer stark zu sein für zwei, sich niemals selbst eine Laune zu gönnen, das sei herausfordernder als er je gedacht hätte. Vor lauter Angst habe seine Frau die Fähigkeit verloren, in die Zukunft zu schauen. Pläne machen geht gar nicht mehr, dabei geht das Leben doch auch irgendwie weiter. So aufopferungsvoll sich der 68-Jährige um seine Frau kümmert, hat er doch erkannt, dass er manchmal bewusst eine Distanz schaffen muss, um nicht selbst unterzugehen. Einmal die Woche macht er jetzt einen Tag frei, um etwas für sich zu tun.

Ärzte wie Christof Lötzsch arbeiten daran, das Leiden zu bekämpfen. Der medizinische Fortschritt geht immer weiter, bei jüngeren Patienten gibt es auch die Möglichkeit, einen Hirnschrittmacher einzusetzen und so die Krankheit vorübergehend einzufrieren. Ob und wann es mal einen Durchbruch bei der Parkinson-Forschung geben könnte, vermag auch der Allensbacher Neurologe nicht zu sagen. „Aber eine Parkinson-Diagnose ist heute längst kein Todesurteil mehr, mit den Möglichkeiten, die wir heute haben, kann man ohne Weiteres bis zu 20 Jahre mit der Krankheit leben“, sagt Lötzsch.

Zwölf Jahre lebt Carl Martin inzwischen mit Parkinson. Trotz der Halluzinationen, trotz der körperlichen Einschränkungen: Schlecht gelaunt sei er eigentlich nie, regelmäßig versuche er noch, Freunde zu treffen. Er will ein Kämpfer bleiben, auch wenn das manchmal schwerfalle. „Ich sage mir einfach, das es nun ist, wie es ist. Ich versuche, entspannt mit der Krankheit umzugehen“, so Martin.
 

Selbsthilfegruppe

Die Parkinson Selbsthilfegruppe Konstanz trifft sich regelmäßig jeden dritten Montag im Monat zwischen 15 und 17 Uhr im Treffpunkt Petershausen (Georg-Elser-Platz 1). Der nächste Termin findet am Montag, 17. Oktober, statt. Wer Kontakt zur Selbsthilfegruppe sucht, kann sich auch direkt an Eugen Lorch, den Leiter der Gruppe wenden. Er ist erreichbar per E-Mail an lorch@lohorn10.de. Es gibt zudem separate Treffen für Angehörige von Parkinson-Erkrankten. Diese Gruppe leitet Heidi Hudel. Sie ist erreichbar per E-Mail an heidi.hudel@gmail.com

Weitere Informationen im Internet: www.parkinson-konstanz.de

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